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Einst belächelt, jetzt Geheimtipp? Deutschlands Whisky-Story

In diesen Fässern lagert Schwäbischer Highland Whisky der Finch Distillerie.

In diesen Fässern lagert Schwäbischer Highland Whisky der Finch Distillerie.

Finch Whisky-Destillerie

Schottland ist berühmt für seinen Whisky. Auch Irland ist bekannt für sein "Wasser des Lebens". Und Deutschland? Hier werden Korn und Obstbrände produziert, aber doch kein Whisky! Dieses Vorurteil hält sich seit Jahrzehnten. Doch nun wird es aus der Welt geschafft.

Ein richtiger Whisky hat aus Schottland zu sein. Oder aus Irland. Aus den USA und Kanada vielleicht auch noch. Das sind die vier großen Whisky-Nationen. Bei Japan scheiden sich schon die Geister. Aber Whisky aus Deutschland? Hier gibt es doch nur Korn und Obstbrände! Das ist seit Jahrzehnten die herrschende Meinung. Dabei kann auch Deutschland auf eine bewegte Whisky-Historie zurückblicken.

Heinfried Tacke, Autor des "Whisky Guide Deutschland"

Heinfried Tacke, Autor des "Whisky Guide Deutschland"

Erste Erwähnungen von Whiskys in Deutschland finden sich bereits im 17. Jahrhundert. Der erste datierte deutsche Whisky-Brand stammt aus dem 19. Jahrhundert: "Brauner Bauernkorn" sein Name, erzeugt von der Brennerei Schraml in der Oberpfalz, abgefüllt in Fässern aus Eschenholz. Heute gibt es ihn immer noch, seine Rezeptur hat überlebt und so wird er als "Stonewood 1818“ verkauft. Das Gründungsjahr der Brennerei macht ihn zu "Deutschlands ältestem Whisky". "Solche Fälle von in Fässern gelagerten Getreidebränden können in einer Getreidebrand-Nation wie Deutschland immer wieder auftauchen", sagt Fachautor Heinfried Tacke, Verfasser des "Whisky Guide Deutschland".

Einen ersten wirklich richtigen Boom erlebt Whisky in Deutschland dann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Amerikaner und Briten sorgen dafür und machen die Spirituose hierzulande bekannt. 1958 bleibt dann laut Tacke als ein weiteres "wichtiges deutsches Whisky-Darum" haften: Damals kommt der "Red Fox" auf den Markt - ein deutscher Blend, gewissermaßen ein Hybrid, hergestellt aus schottischen Malt-Whiskys und deutschem Kornbrand. Eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert. "1958 wurden davon auf Anhieb 850.000 Flaschen verkauft", sagt Tacke. "1969 waren es sogar 2,7 Millionen Flaschen - und 'Racke rauchzart', wie er sich mittlerweile nennen musste, Marktführer in Deutschland. Er lag damit vor den Schotten, die gegen den englischen Namen 'Red Fox' erfolgreich aufbegehrt hatten“, erläutert Tacke und betont: "Selbst heute beansprucht 'Racke rauchzart' noch Platz fünf in dieser Statistik, erstaunlich!"

Aber nicht nur die Westdeutschen kennen Whisky. Auch in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik, ist die "Klassenfeind"-Spirituose ein Thema: "Oldmaster", "Edelfalcke", "Ratsherren-Whisky" oder "Smoky Springs" heißen die klangvollen Namen.

Auf Schottlands Spuren

Aus der "Blauen Maus" kommen Deutschlands erste Single Malts.

Aus der "Blauen Maus" kommen Deutschlands erste Single Malts.

1983 wird dann der erste deutsche Malz-Whisky geboren. Der Stammvater des ersten deutschen Single Malts heißt Robe rt Fleischmann und ist Franke. An einem kalten Februartag setzt er die erste Malzmaische an, um mit ihr Whisky im schottischen Stil zu brennen. Der Name der Destillerie ist heute weltbekannt: "Blaue Maus", seit 2012 auch mit dem typischen Dach im Pagodenstil versehen. Die Single Malts aus Eggolsheim bei Bamberg, die heute verkauft werden, haben mindestens sechs bis acht Jahre Reifung in frischen Eichenholzfässern hinter sich.

Fleischmanns Beispiel machte Schule: Mit der seit der Jahrtausendwende weltweit steigenden Nachfrage nach Single Malts wächst auch die Zahl der deutschen Destillerien deutlich. "Derzeit gibt es rund 60 deutsche Whisky-Brennereien, die bereits mit einem eigenen Whisky auf dem Markt sind", sagt Fachautor Tacke. "Aus zuverlässiger Quelle kann ich aber sagen, dass die Zahl derer, die Whisky in Deutschland brennen, die Hundertermarke bereits deutlich überschritten hat." Zum Vergleich: In Schottland sind etwa 90 Destillerien aktiv in Betrieb.

Der "Whisky Guide Deutschland 2013" ist aktuell erschienen.

Der "Whisky Guide Deutschland 2013" ist aktuell erschienen.

Ist Deu tschland bereits dabei, das in der Welt als Mutterland des Whiskys geltende Schottland abzuhängen? "Nein", hebt Tacke hervor. "Deutschland ist noch eine sehr junge Whisky-Nation. Die meisten Destillerien sind Kleinbrennereien. Die Menge an Whisky, die hierzulande produziert wird, ist noch von bescheidener Größe. Zudem spielen Schottland und die anderen großen Whisky-Nationen in einer höheren, weil reiferen Liga." Die schottischen Whiskys können einfach mit einer breiteren Altersrange punkten. In Deutschland finden sich bisher nur wenige Whiskys, die älter als acht oder zehn Jahre sind. In Schottland beginnt bei dieser Lagerzeit das wahre Spektrum erst.

Ein weiterer Unterschied zwischen deutschem und schottischen Whisky ist die Bandbreite: Schottland ist bekannt und berühmt für seine Single Malts - also Whisky, der aus Gerstenmalz gebrannt wird. In Deutschland gibt es dagegen ein weit streuendes Spektrum. "Klar finden wir auch klassische Single Malts", sagt Tacke. "Aber ihnen stehen beispielsweise auch Grains und Ryes gegenüber. Auch Weizen- und Dinkel-Whisky gibt es, ebenso wie einen Mais-Whisky im Bourbon-Stil." Bio darf da natürlich auch nicht fehlen.

Boom der Brennereien

KEnnt sich mit Whisky aus: Eugen Kasparek, "Master of Tasting".

Kennt sich mit Whiskys aus: Eugen Kasparek, "Master of Tasting".

(Foto: Whisky & Cigars)

"Von einem Whisky-Boom in Deutschland kann deshalb keine Rede sein", betont dann auch Eugen Kasparek, Whisky-Experte un d "Master of Tasting" bei Whisky & Cigars in Berlin, "Was boomt, sind vielmehr die Destillerien, die aus dem Boden schießen." Bei Whisky & Cigars sei deutscher Whisky noch "kein wirklicher Umsatzbringer".

Diese Meinung teilt auch Theresia Lüning, Inhaberin von "The Whisky Store", dem wohl größten deutschen Whisky-Onlinehändler. Den Grund sieht sie zum einen im "geringen Ausstoß" der Brennereien, aber auch darin, dass "unsere Kunden kaum deutschen Whisky nachfragen - im Angebot haben wir im Schnitt fünf deutsche Erzeugnisse." Von einem Boom könne man deshalb wirklich nur bei den Brennereien sprechen, deren Anzahl "ganz massiv zugenommen" habe, wobei die Meisten Whisky nur als "Nebenerwerb" ansehen, um ihre Produktpaletten abzurunden: "Der Kern der deutschen Whisky-Kultur liegt in der Obstbrand-Herstellung."

Mehr als ein Geheimtipp

Deutschlands größte Pot Still steht in der Finch Whisky Destillerie.

Deutschlands größte Pot Still steht in der Finch Whisky Destillerie.

(Foto: Finch Whisky-Destillerie)

Vom Erfolg des deutschen Whiskys ist Fachautor Tacke dennoch überzeugt, genauso wie die deutschen Whisky-Brenner selbst. "Vor einigen Jahren sind wir noch ausgelacht worden. Mittlerweile hat sich das gewandelt, die Akzeptanz für deutschen Whisky wächst", sagt Hans-Gerhard Fink, Vollblut-Landwirt und Gründer der Finch Whisky Destillerie im schwäbischen Nellingen. Diese Destillerie hat er vollkommen neu gebaut und 2012 eröffnet. Sie verfügt über eine Brennblase, die sogenannte Pot Still, mit einem Volumen von 3000 Liter. Sie ist damit die größte hierzulande und erlaubt derzeit eine Produktion von 250.000 Liter im Jahr. "Wenn die Produktion in ein paar Jahren richtig rund läuft, sind bis zu einer halben Million Flaschen möglich", betont Fink. Sein Fazit "Der deutsche Whisky reift. Er wächst und wird zu einer wirklich interessanten Geschichte."

Fink ist sicher, dass der deutsche Whisky auf dem Vormarsch ist - und auch bleiben wird. Für noch mehr Akzeptanz soll auch der neugegründete Verband Deutscher Whiskybrenner (VDW) sorgen, dessen Vorsitzender Fink ist. Dem VDW gehören zurzeit 17 deutsche Whisky-Brenner an. Der 17. September 2012, der Tag der Verbandsgründung, wird laut Fink als ein weiteres markantes Datum in die deutsche Whisky-Geschichte eingehen. Autor und Whisky-Freund Tacke sieht das genauso - für ihn ist deutscher Whisky längst kein Geheimtipp mehr.

Teil 1 des Whisky-Spezials: Japan

Teil 2 des Whisky-Spezials: Schottland

Teil 3 des Whisky-Spezials: Irland

Quelle: n-tv.de

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