Panorama

ntv-Interview mit Timo Ulrichs "Die Öffnungsschritte sind in Ordnung"

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Gedränge im Hamburger Schanzenviertel: Im Sommer alles kein Problem, im Herbst kommt es ein bisschen auf die Impfquote an.

(Foto: dpa)

Leistet sich Deutschland zu viel nach der langen Lockdown-Phase? Epidemiologe Ulrichs zeigt sich im ntv-Interview zuversichtlich, dass die Öffnungsschritte verantwortbar sind. Aber: "Im Herbst müssen wir nochmal genauer hinschauen", mahnt Ulrichs, um nicht ungebremst in eine vierte Welle zu geraten.

ntv: Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt in Deutschland erstmals unter 20. Haben Sie das für möglich gehalten, dass das jetzt doch so schnell geht?

Timo Ulrichs: Die Erfahrungen von 2020 haben gezeigt, dass man in der Saison, in der sich das Virus nicht stark ausbreiten kann, sehr gute Chancen hat, das weiter unter Kontrolle zu halten. Wir werden jetzt tatsächlich wieder in die Situation kommen wie 2020, dass wir wohl noch einzelne Ausbrüche sehen. Diese werden aber auch immer seltener wegen der zunehmenden Durchimpfung. Deswegen werden wir in den nächsten Wochen auch ziemlich gut damit fahren können.

Bodo Ramelow, der Ministerpräsident von Thüringen, hat sich dafür ausgesprochen, ab Herbst wieder alles komplett zu öffnen. Ist das aus epidemiologischer Sicht verantwortungsvoll?

Wir können angesichts der guten Lage jetzt schon einiges wieder öffnen. Allerdings sollte man noch vorsichtig sein mit den Dingen, von denen wir eben wissen, dass sie stark zur Verbreitung beitragen können, beispielsweise Großveranstaltungen. Das kann man austesten, wie man da gut und vorsichtig vorgeht. Etwa, indem man Fußballstadien nicht komplett füllt und das Ganze noch mit einer Negativ-Testung oder dem Nachweis einer vollständigen Impfung verbindet. Und dann kann man sich da so langsam ran arbeiten, damit wir nicht riskieren, dass wir trotz dieser guten, saisonalen Lage nochmal Ausreißer bekommen. Aber grundsätzlich sind die Öffnungsschritte jetzt in Ordnung.

Aber bis Herbst gehen die Corona-Zahlen aber womöglich noch weiter zurück.

Wenn wir Richtung Spätsommer und Herbst gehen, müssen wir nochmal genauer hinschauen. Dann beginnt die Erkältungs- und Krankheitssaison und damit auch eine bessere Voraussetzung für das Virus, dann die noch nicht Geimpften zu infizieren. Das sollten wir beobachten, dass wir da nicht noch riskieren, noch eine recht große vierte Welle zu bekommen.

Mehr Sicherheit für diese Öffnungen soll auch der digitale Impfpass bringen. Ist der denn tatsächlich eine Erleichterung?

Ja, sicher. Für die, die es gewohnt sind, damit umzugehen, dass man digital Nachweise führen kann, ist das sehr gut. Aber es ist ja immer noch zu betonen, dass der klassische, gelbe Impfpass genauso nachweisen kann, dass man geimpft ist. Und wenn man gar keinen Impfpass hat, gibt es eine Ersatzbescheinigung. Das wird anerkannt, auch wenn man ins Ausland reist. Der digitale Impfpass wird das im Prinzip nur etwas leichter handhabbar machen.

Die STIKO geht jetzt davon aus, dass manche Menschen, trotz vollständiger Impfung, nicht vollständig gegen das Virus geschützt sind. Wen kann das denn betreffen?

Das betrifft Menschen, deren Immunsystem durch Behandlungen mit Medikamenten oder auch aus anderen Gründen unterdrückt ist. Das ist beispielsweise bei vielen Patientinnen und Patienten in der Rheumatologie der Fall. Da können Medikamente dazu beitragen, dass das Immunsystem gedämpft ist. Deswegen besteht da die Gefahr, dass sich die Immunantwort nach der Impfung nicht vollständig aufbaut und die Zellen, die dafür zuständig sind, die Antikörperproduktion zu koordinieren, nicht voll funktionsfähig sind. Da muss man nochmal nachsehen, wie stark der Impfschutz am Ende ist, möglicherweise auch durch eine Antikörpertiter-Bestimmung.

Der Curevac-Impfstoff ist immer noch nicht zugelassen in Deutschland, obwohl der auch lange als Hoffnungsträger galt. Woran hapert es?

Das ist wirklich schade, denn die hätten schon längst fertig sein können. Allerdings hapert es zurzeit gerade daran, dass die klinischen Studien laufen und angesichts der globalen Lage nicht mehr genug Fälle auftreten, die positiv werden, sowohl in der Placebo-Gruppe als auch in der Impfstoff-Gruppe. So ist es schwierig zu zeigen, dass die Impfstoff-Gruppe wirklich geschützt ist im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Es sind also noch nicht genug Daten vorhanden. Das verzögert das Einreichen bei den Zulassungsbehörden und damit auch den Markteintritt. Wir brauchen das Curevac-Vakzin auch noch immer, auch wenn es jetzt heißt, es gibt schon genug Impfstoffe. Das stimmt für Länder wie Deutschland, aber wir müssen auch weltweit sehen, dass wir am Ball bleiben und die Menschen in ärmeren Ländern durchimpfen.

War das dann einfach nur Pech oder warum habe das andere Hersteller schneller geschafft?

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Bei Curevac handelte sich um einen mRNA-Impfstoff, ähnlich wie bei Biontech/Pfizer. Biontech hat sich ganz früh schon mit einem ziemlich großen Partner zusammen getan, mit der Firma Pfizer, und da konnte man sehr viel schon mal vorab investieren, auch in die Ingredienzen für diesen neuen Impfstoff und auch in die Logistik, um da möglichst schnell die Produktion hochzufahren. Biontech hatte dadurch ganz andere Voraussetzungen, schnell nach vorne zu gehen. Und das hat Curevac so nicht gemacht und deswegen, und auch aus vielen anderen Gründen, sind die jetzt zeitlich etwas hinten dran. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Impfstoff schlechter sein sollte, ganz im Gegenteil. Es reicht, das zeigen die ersten Studien zu dem Curevac-Impfstoff, eine viel geringere Dosis von der mRNA, die verimpft wird. Das spart Material. Und man kann ihn auch sehr gut lagern. Was fehlt, sind die allerletzten Daten zur klinischen Wirksamkeit und zur Sicherheit.

Ab wann rechnen Sie frühestens mit einer Zulassung?

Das wird dann wohl eher so gegen Ende dieses Jahres was werden.

Mit Timo Ulrichs sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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