Eine für alleDieser Mantel macht mich schön und glücklich, vielleicht
Sabine Oelmann
Kennen Sie dieses Gefühl, dass Sie sich gaaaaaanz lange auf etwas freuen? Dann kommt der Tag. Und dann ist der Tag vorbei, und man fragt sich: "War was?" So ist es auch mit manchen Dingen. Eine vorweihnachtliche Betrachtung.
Sie kennen das: Sie bestellen etwas, einen Mantel zum Beispiel, den Sie schon lange haben wollten. Er wird geliefert, Sie packen ihn aus, sie ziehen ihn an. Und was passiert? Manchmal einfach nichts. Es sind immer noch Sie - nur Sie - die darin stecken. Sie sehen weder anders aus als vorher - nicht schlanker, nicht schöner, nicht interessanter, nein Sie sehen einfach so aus wie immer. Bisschen blass. Obwohl Sie diesen neuen Mantel tragen, mit dem Sie so viele Erwartungen verbunden hatten. Hoffnungen, dass er einen besseren Menschen aus Ihnen macht, einen Menschen, der mit beiden Beinen gerade in einer irre tollen Gegend (Toskana, Hawaii, Arktis) steht oder auf einem Boot sitzt (im Mittelmeer, vor den Seychellen, in der Karibik) fährt oder in einen Privatjet einsteigt - denn so haben Sie den Mantel ja gesehen, in einer Zeitung, in einer Anzeige, online: Jemand stieg mit diesem Mantel in einen Privatjet, um dann in einer tollen Gegend rumzustehen oder im Indischen Ozean zu cruisen (in dem Fall dann wohl ein Sommermantel).
It's probably me
Und nun das: Sie stehen in Ihrem Flur, der mal wieder gestrichen werden müsste, die Deckenlampe flackert und wirft das bisschen Licht ungnädig auf ihr fahles Spiegelbild. Weder befinden Sie sich auf dem Weg zu Ihrem Privat-Jet noch auf ein Boot. Nicht einmal ein Haus haben Sie. Dafür immerhin einen neuen Mantel, der Ihre Erwartungen aber nicht erfüllt. Denn es ist nur ein Mantel, kein Zauberwerkzeug, was haben Sie denn gedacht? Dachten Sie wirklich, dass dieser Mantel - zugegeben, billig war er nicht - einen weltgewandten Connaisseur aus Ihnen machen würde, Weinkeller inklusive? Oder eine Frau von Welt, der die Männer - respektvoll - wenn schon nicht hinterherpfeifen so doch zumindest begehrend gucken, unerreichbar und kühl-elegant, wie Sie glauben zu wirken? Wohl kaum. Es handelt sich beim Kaufen von Dingen oft um Trugschlüsse, denn eine Sache, ein Ding, ein Mantel, macht nichts mit Ihnen. Das müssen Sie schon selbst machen.
Genauso ist es mit der Erwartung an bestimmte Tage, die etwas im Leben bedeuten sollen. Eine Party, ein Essen mit Freunden, eine Hochzeitsfeier. Weihnachten. Diese Tage bespielen sich nicht von selbst. Sie allein haben die Macht, sie zu dem zu gestalten, was sie werden könnten. Wenn Sie sich also auf ein Event ganz besonders freuen, dann geben Sie sich Mühe. Mit sich, den anderen, ihrer Kleidung (ihrem neuen Mantel *zwinkersmiley*), dem Essen, den Getränken. Aber schrauben Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch. Lassen Sie sich überraschen, von den Zufällen des Lebens, von Spontanität, von plötzlichem Glück.
Gönnung
Eine gute Freundin von mir aus Kolumbien sagt immer, ihr Deutschen seid schon lustig. Sie meint es natürlich ganz anders. Sie sagt: "Wenn einer heute findet, toll, was für ein Wetter wir haben, obwohl doch schon November ist", dann sagt ein anderer garantiert: "Ja, aber morgen soll es regnen." Statt also den heutigen Tag bis zur letzten Sekunde oder dem letzten Sonnenstrahl zu genießen, vermiesepetern wir uns die Laune mit einem eventuell eintreffenden Ereignis, schlechtem Wetter, vielleicht schon vorher grundsätzlich. Ich bin keine Psychologin, aber ich könnte mir vorstellen, wenn wir es schaffen sollten, mehr im Jetzt zu sein, mehr im Hier, mehr in uns, wenn wir nicht zu viele Erwartungen mit Dingen oder Ereignissen verknüpfen, sondern uns auf uns selbst konzentrieren und den Augenblick, dann wären wir glücklicher. Das wünsche ich Ihnen heute, am 1. Advent. Und in den nächsten drei Wochen, wenn der Weihnachtswahnsinn so richtig durchstartet und Glück und Zufriedenheit wieder ganz oft mit Dingen oder Ereignissen und wie sie auszusehen oder zu sein haben, verknüpft werden. Sich dabei eine gewisse Vorfreude dennoch zu bewahren, wäre die ganz große Kunst.