Panorama

Lungenklinik im Covid-19-Kampf "Dürfen kritischen Zeitpunkt nicht verpassen"

Beatmungsgeräte sind für alle Kliniken im Kampf gegen Covid-19 wichtig.

Beatmungsgeräte sind für alle Kliniken im Kampf gegen Covid-19 wichtig.

(Foto: Axel Heimken/dpa/Pool/dpa/Symbolbild)

Die Corona-Pandemie belastet das ganze Gesundheitssystem. In der Lungenklinik Hemer in Nordrhein-Westfalen sind die Mitarbeiter gut auf Lungenkrankheiten vorbereitet, doch auch für sie ist die aktuelle Krise eine riesige Herausforderung. Denn nicht nur die Patienten, sondern auch die Mitarbeiter müssen geschützt werden. Im Gespräch mit ntv.de erklärt der Chefarzt der Pneumologie, Dr. Franz Stanzel, wie sich Covid-19 auswirkt.

ntv.de: Wie viele Covid-19-Patienten behandeln Sie derzeit in Ihrer Klinik?

Dr. Franz Stanzel, Chefarzt der Pneumologie Lungenklinik Hemer: Auf unserer Isolierstation haben wir derzeit fünf Patienten, die eine Krankenhaus-, aber keine Intensivbehandlung benötigen. Weitere drei Patienten liegen auf der Intensivstation und werden beziehungsweise wurden beatmet. Der eine Patient ist in einer Phase, in der er schon von der Beatmung entwöhnt und schrittweise in den Normalzustand zurückgeführt wird. Er hat nun auch einen negativen Test und damit offenbar die Krankheit überwunden.

Welchen Verlauf beobachten Sie bei den schweren Fällen?

Man muss immer schauen, wann ein Patient intensivmedizinisch versorgt werden muss. Denn das kann auch relativ kurzfristig kippen. Wir haben ein sehr engmaschiges Überwachungsprogramm für Patienten, die an der Grenze sind, bei denen wir entscheiden müssen, ob sie auf die Intensivstation verlegt werden sollten. Man darf den Zeitpunkt, wenn es kritisch wird, nicht verpassen. Bei den schwer Erkrankten sieht man das unter anderem zuerst auf dem Röntgenbild, das sieht dann auch radiologisch nach einer schweren Pneumonie aus. Hier folgen weitere Untersuchungen, die dabei helfen, eine Entscheidung in Richtung intensiv und Intubation zu treffen. Patienten müssen dann nach unserer Überzeugung frühzeitig intubiert und beatmet werden.

Dr. Franz Stanzel ist auf Lungenerkrankungen spezialisiert.

Dr. Franz Stanzel ist auf Lungenerkrankungen spezialisiert.

(Foto: DGD-Stiftung)

Wir überblicken zwar nun wenige Patienten, die beatmet werden mussten, aber sie waren schon schwer krank. Unter Beatmung und mithilfe von geeigneten Maßnahmen konnte die Situation relativ schnell stabilisiert werden. Dennoch mussten die Patienten rund zwei Wochen an der Beatmung bleiben.

Wie haben Sie sich auf diese Pandemie vorbereitet?

Die Lungenklinik Hemer ist auf die Behandlung von Patienten mit schweren Lungenerkrankungen spezialisiert - dazu zählen jetzt aktuell auch Covid-19-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen - aber nach wie vor auch Patienten aus anderen Bereichen wie der Thorax-Onkologie mit laufenden Therapien, aus der Pneumologie mit Krankheiten wie COPD oder Lungenfibrose sowie aus der Thoraxchirurgie, die nun auch weiter behandelt werden müssen. So weit möglich, haben wir verschiebbare Eingriffe abgesagt, um Kapazitäten für die Behandlung möglicher weiterer Covid-19-Patienten zu schaffen.

Außerdem haben wir uns grundsätzlich schon sehr lange auf die Pandemie vorbereitet. Das fing schon in der zweiten Januarhälfte an. Wir haben allgemeine Standards erarbeitet und kontinuierlich angepasst. Diese Informationen haben wir dann auch an das Personal weitergegeben und unsere Mitarbeiter geschult. Außerdem mussten wir für die Situation planen, dass mehr Patienten kommen würden, und entscheiden, welche Bereiche in die Covid-Planung einbezogen werden. Wie können wir den Intensivbereich erweitern und mehr Beatmungskapazitäten schaffen? Auch die Überprüfung der Materialbestände war wichtig.

Wie sind Sie da aufgestellt?

Das war völlig verrückt, denn am Anfang hieß es noch, dass wir nach Beständen schauen sollten, die wir an Wuhan abgeben könnten. Dann kippte das aber auch ganz schnell, sodass wir nun hier dringend unsere Sachen brauchen. Wir haben gute Bestände aufgebaut, aber man muss eben auch gerüstet sein. Wenn Infektionen nachkommen, dann wird auch viel Material verbraucht. Deshalb kümmert sich unsere Einkaufsabteilung intensiv um die Beschaffung von Nachschub, was dieser Tage leider eine sehr große Herausforderung darstellt.

Wie viele Covid-19-Patienten könnten Sie denn insgesamt behandeln?

Die Lungenklinik in Hemer (NRW) bereitet sich seit Januar auf Covid-19 vor.

Die Lungenklinik in Hemer bereitet sich seit Januar auf Covid-19 vor.

(Foto: DGD-Stiftung)

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wir haben so zwischen 12 und 14 sehr moderne Beatmungsgeräte. Um diese Beatmungsplätze zu betreiben, braucht man auch viel Personal. Das wäre im Routinebetrieb denkbar und dafür sind wir auch ausgelegt. Das setzt aber voraus, dass das Personal zur Verfügung steht und nicht krank ist oder sich in häuslicher Quarantäne befindet. Zudem haben wir unsere Reserven geprüft. Es gibt beispielsweise auch einfachere Beatmungsgeräte, die man noch verfügbar machen kann. Damit ließen sich bis zu 40 Beatmungen auf nicht ganz so hohem Niveau umsetzen. Man sieht am Beispiel anderer Länder, dass man da Kapazitäten schaffen muss und kann, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Es haben sich auch Mitarbeiter der Klinik angesteckt und eine Station musste geschlossen werden. Was ist da genau passiert?

Ja, es gab auf einer Station das Problem, dass bei Mitarbeitern und Patienten eine Covid-19-Erkrankung festgestellt wurde. Dann waren die Abläufe klar: Die Mitarbeiter und Kontaktpersonen wurden daraufhin isoliert und getestet, genauso die Patienten. Wir hatten auch Patienten, die nach Hause in Quarantäne geschickt werden konnten, weil sie schon durch die Behandlung durch waren und es ihnen gut ging. Einige wenige mussten wir dann weiter stationär behalten und haben sie auf die Isolierstation verlegt. Alle sind in einer stabilen Verfassung.

Und wie ging es dann weiter?

*Datenschutz

Daraufhin wurde die Station, auf denen die Fälle aufgetreten waren, geschlossen und desinfiziert. Die Chefärzte, der Pflegedienst und Hygienefachkräfte haben sich mit dem Gesundheitsamt abgestimmt und einen Plan aufgestellt, wie man mit der Situation umgehen muss. Das war so das äußere Gerüst. Zu erkennen, wo der Ausgangspunkt der Infektionen war, war deutlich problematischer. Wenn plötzlich neu Fälle aufpoppen, weiß man eben nicht immer, woher die genau kommen. Dann sind Patienten und Mitarbeiter im Blickpunkt. Das Risiko der Ansteckung ist nicht immer sofort erkennbar und offensichtlich.

Inwiefern testen Sie die Menschen, die sich im Krankenhaus aufhalten?

Bei uns sind mittlerweile ganz viele Mitarbeitende getestet. Man muss den Test meiner Meinung nach eher großzügig einsetzen. Wir testen das Personal sehr offensiv und großzügig und haben seit dieser Zeit keine überraschenden Neueinschläge mehr gehabt. Dann haben wir auch bei der Patientenaufnahme eine Art "Flaschenhals" geschaffen, wo die Patienten hindurchgeleitet werden. In einem Isolationszimmer erhalten sie ein Grundprogramm: Die Erhebung der Krankengeschichte und die Risikoerfassung, eine körperliche Untersuchung, ein Grundgerüst an Diagnostik und ein PCR-Abstrich gehören dazu. Wir haben schon am nächsten Morgen das Ergebnis der Covid-Testung vorliegen und können dann alle unter Kenntnis dieses Befundes sicher zuordnen und verlegen. Dadurch können wir sehen, wer infiziert ist und auf eine Isolierstation muss. Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz, aber so haben wir das höchstmögliche Niveau geschaffen.

Wie ist denn die Stimmung in der Belegschaft? Die müssen ja auch genau aufpassen, damit sie sich nicht infizieren.

*Datenschutz

Die Stimmung war am Anfang schlechter. Da war viel Unsicherheit, weil es noch wenige Informationen gab. Aber wir haben seit Beginn der Pandemie viel informiert und einen rationalen Umgang damit gepflegt. Natürlich hat jeder Ängste, ob es ihn nicht auch erwischen könnte. Aber die Stimmung hat sich stabilisiert. Wenn nun etwas passiert, dann herrscht nicht gleich überall das große Entsetzen. Wir haben ein großes Team und versuchen alles aufzufangen. Selbst in der Situation, als Mitarbeiter plötzlich selbst erkrankt waren, lief trotzdem alles sehr geordnet ab.

Wie schätzen Sie die aktuelle Infektionslage ein - wie weit sind wir?

Die Fallzahlen sind natürlich in Deutschland auch irre hoch und sie werden auch noch weiter steigen. Was in der Klinik hier ankommt, sind noch überschaubare Zahlen. De facto liegen ja vergleichsweise wenige Patienten stationär. Ich denke, da stehen noch Patienten für die Klinik an und wir kommen nicht einfach so drum herum. Ich hatte damit gerechnet, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich schon mittendrin sind. Aber das sind wir definitiv noch nicht. Das deutsche Gesundheitssystem ist relativ gut aufgestellt. Wir haben viele Betten im Vergleich zu den anderen Ländern und ich hoffe, dass wir das besser auffangen können als Italien oder Spanien. Aber hellsehen kann ich natürlich auch nicht, wie sich die weitere Situation gerade für unsere Klinik entwickelt.

Wie ist die Stimmung bei Ihnen?

Ich denke, man darf den Mut nicht verlieren. Wir haben schon so manche Überraschung erlebt, aber wir haben es immer geschafft, es wieder aufzufangen und uns wieder sinnvoll aufzustellen. So wird es dann auch weitergehen. Man muss sich immer wieder neu anpassen und da bin ich ganz optimistisch.

Mit Dr. Franz Stanzel sprach Sonja Gurris

Quelle: ntv.de