Panorama

Liquidatoren finden keinen Frieden Ein Einsatz, der nie vergeht

Ligun_Wlassow.jpg

Ligun und Wlassow berichten als Zeitzeugen von ihrer Arbeit.

(Foto: S.Bach/n-tv.de)

Anatoli Michailowitsch Ligun und Mikola Nikolajewitsch Wlassow sind das, was man zwei gediegene ältere Herren nennen könnte. Ligun ist ein hagerer, beinahe asketisch wirkender Mann, Wlassow hingegen eher der rundliche, gemütliche Typ. Beide Männer verbindet eine gemeinsame Geschichte, weil ihr Land sie an einen Ort rief, an den sie freiwillig vielleicht nie gegangen wären. Die beiden Ukrainer gehören zu den etwa 800.000 Liquidatoren, deren Aufgabe es nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl war, die Folgen des atomaren Unglücks zu beseitigen.

AP8605010183.jpg

Der zerstörte Reaktor von Tschernobyl.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wlassow arbeitet zum Zeitpunkt des Unfalls in Kiew als Berufsoffizier im Stab für Zivilschutz. Er hat Tschernobyl schon vor dem Unglück mehrfach besucht und glaubt, das AKW und seine Fachleute seien für den Ernstfall gerüstet. Schon in der Nacht auf den 27. April 1986 wird Wlassow über den Unfall informiert. Wenige Stunden später fliegt der vierfache Vater ohne größere Schutzkleidung mit dem Hubschrauber über den Reaktor 4 hinweg, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Er sieht den zerstörten Reaktor, in der Luft schwebt Graphit. Ihm sei sofort klar gewesen, dass es sich um eine Katastrophe handele. "Aber in erster Linie war es unsere Aufgabe und unsere Pflicht, dort zu arbeiten. Wir waren Soldaten. Wir sind dorthin gegangen, um unsere Kinder, auch unsere eigenen, und unsere Landleute zu schützen und vor dieser Katastrophe zu bewahren. Das ist die Pflicht von Soldaten, da darf man nicht an Angst denken."

Zu feige für Evakuierung

Wlassow informiert seine Vorgesetzten, er will die Evakuierung der Bevölkerung aus der Umgebung erreichen. Doch niemand in der Ukrainischen Sowjetrepublik habe sich getraut, "die Entscheidung zur kompletten Evakuierung zu treffen". Und so gehen die Menschen weiter , die Kinder spielen auf den Spielplätzen, viele pilgern zu einer Eisenbahnbrücke, um einen Blick auf den Brand im nahegelegenen Kernkraftwerk zu werfen.

AP060421025531.jpg

Pripjat, drei Jahre nach der Evakuierung.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Schließlich kommt aus Moskau die Anordnung zur sofortigen Evakuierung, Wlassow soll die Entscheidung umsetzen. Einen Tag nach dem Unglück hat er dreieinhalb Stunden Zeit, um fast 50.000 Menschen aus der verstrahlten Stadt zu schaffen. "Den Menschen wurde gesagt, sie sollten das Notwendigste mitnehmen, ihren Pass, Geld, Schmuck, Fotos, Medizin für die Kinder. Dann sind Soldaten von Block zu Block gegangen, haben die Leute in Busse sortiert und innerhalb von dreieinhalb Stunden war die Stadt tatsächlich leer. Die Menschen haben natürlich gedacht, dass sie sehr bald wiederkommen, das waren ja alles neue Häuser in einer sehr schönen grünen Stadt."

Schon als sich die Menschen in die überfüllten Busse quetschen, ist Wlassow klar, dass niemand jemals wieder in Pripjat leben wird. Es sei darum gegangen, keine Panik entstehen zu lassen. Die Wohnungen bleiben so zurück, wie sie am Tag der Evakuierung verlassen wurden. Jede Wohnung wird versiegelt, und Wlassow ist im Auftrag der Regierungskommission dafür verantwortlich, "die gesamte Infrastruktur abzuschalten, Gas, Wasser, zu überprüfen, dass sich keine Lebewesen mehr in der Stadt aufhalten, alle Keller abzusuchen, also wirklich dafür zu sorgen, dass diese Stadt völlig entleert wird." Von da an pendelt Wlassow bis in den Juli hinein zwischen Tschernobyl und Kiew hin und her, um über den Fortgang der Arbeiten Bericht zu erstatten.

Immer neue Entscheidungen

Ligun_jung.jpg

Ligun vor seinem Einsatz.

Anfang Juni wird auch Anatolij Ligun nach Tschernobyl abkommandiert. Er ist leitender Offizier bei einem Aufklärungsbataillon in Tschernigow, 70 Kilometer südlich von Tschernobyl. Ligun soll gemeinsam mit anderen Offizieren eine Gruppe von Liquidatoren ersetzen, die 15 Tage am Reaktor durchgearbeitet und dabei mehr als 250 Millisievert Strahlung abbekommen hatten. Er soll die Arbeiten im Drei-Schicht-System organisieren, praktisch durchführen und drei Monate durchhalten. "Ich war verantwortlich für die Dekontaminierung des Kraftwerks und der näheren Umgebung. Dazu gehörte, dass überall dort, wo Glas war, Bleischutzplatten eingebaut wurden, in Fenster, in verglaste Übergänge. Das war nötig, um das Personal des AKW, das dort weiter gearbeitet hat, vor zu hohen Strahlendosen zu schützen." Auch die gesamte Oberfläche muss abgetragen werden. Weil der Boden verstrahlt ist, wird er eingelagert. "Man wusste nicht, was in den nächsten Tagen zu tun sein würde. Man musste zwischendurch auch immer neue Entscheidungen treffen."

Ligun und seine Leute arbeiten ohne jede Schutzkleidung, "außer Mundschutz". Sie fegen und wischen, räumen radioaktive Trümmer weg. "Wir hatten auch einen Roboter, aber der konnte nur auf geraden Flächen eingesetzt werden. Sobald es Winkel und Unebenheiten gab, musste da ein Mensch hin und mit der Schaufel ran. Der Roboter konnte natürlich auch nicht aufs Dach klettern." Auf die Aussichtsplattform an den Lüftungsrohren war hoch radioaktives Material geschleudert worden. Freiwillige, Auszubildende der Feuerwehr, räumen diese Trümmer weg.

accident3_1.jpg

Liquidatoren in der schweren Schutzkleidung.

"Das waren ganz junge Kerle 19, 20 Jahre alt. Dafür wurden die genommen, die besonders kräftig und gesund waren und die nach Möglichkeit auch schon praktische Erfahrungen hatten." Diese Freiwilligen müssen mit einer 30 Kilogramm schweren Schutzkleidung aus Gummi mit Bleiplatten vorn und hinten auf diese Aussichtsplattform hinaufklettern und dann innerhalb von 15 bis 20 Sekunden die verstrahlten Bruchstücke wieder in den Reaktor hinüberwerfen. An anderen Orten ist die Strahlung geringer und die Soldaten, die "Partisanen", wie sie sich selbst nennen, versuchen in den wenigen Minuten möglichst viel zu schaffen. "Oft vergaßen sie darüber die Zeit." Ligun ist "vom 2. bis zum 29. Juni direkt beim Reaktor, jeden Tag von sieben bis 22 Uhr." Es gibt Geräte zur Strahlenmessung, die oft hohe Werte anzeigen. Die tägliche Strahlendosis darf jedoch nicht über 20 Millisievert  liegen, tut sie das trotzdem, wird ein geringerer Wert eingetragen. So weiß niemand mehr, welcher Strahlung er tatsächlich ausgesetzt war. "Der Grund dafür bestand darin, dass der Staat dem Betroffenen für 250 Millisievert einmalig 500 Rubel auszahlen musste. So hat man an uns gespart." Ligun vermutet, dass er ausgesetzt war.

Als er jedoch vom Verteidigungsministerium eine Bestätigung für seine Arbeit als Liquidator anfordert, findet sich kein Beleg, dass er je dort war. Weder in Befehlen noch in der Buchhaltung noch in den Archiven der Ministerien und Ämter wird der stellvertretende Leiter der im Sondergebiet eingesetzten operativen Truppe beim Verteidigungsministerium der UdSSR, Anatolij Ligun, erwähnt. Dass Ligun seinen Status als Liquidator und die damit verbundenen geringen Zahlungen bisher nicht verloren hat, verdankt er einzig der Tatsache, dass er selbst Kopien dieser Papiere gemacht hat.

Kratzen im Hals und Übelkeit

RTXK7B2.jpg

Liquidatoren feiern im November 1986 die Fertigstellung der ersten Stufe des Sarkophags.

Sowohl Ligun als auch Wlassow merken die Wirkung der radioaktiven Strahlung schnell. Ligun wird heiser, bekommt Herz- und Kopfschmerzen, ihm ist schwindelig, er sieht immer schlechter, muss sich übergeben. Auch Wlassow hat Übelkeitsanfälle und später starke Magenschmerzen. Er sei immer gesund und sportlich gewesen, habe Kampfsport getrieben, nie geraucht und kaum Alkohol getrunken. 1988 werden ihm zwei Drittel des Magens entfernt. Im gleichen Jahr wird Ligun wegen seiner schlechten Verfassung vorzeitig pensioniert, er will nicht über seine Beschwerden sprechen, aber ist er nicht.

Es sind nicht zuletzt die psychischen Belastungen, die Ligun und Wlassow nicht loswerden. Sie hören das Gebrüll der Tiere, die nicht evakuiert, aber auch nicht gemolken und gefüttert wurden. In einige Tiere hätten sich die Liquidatoren regelrecht verliebt, erzählt Wlassow: "Ein Hahn, ein Ferkel und zwei Hühner. Die liefen in der Stadt Pripjat frei rum und wurden von den Liquidatoren gefüttert. Später waren die dann einfach weg." Viele Tiere seien einfach getötet worden.

tschernobyl.jpg

Ligun (Mitte) während seines Einsatzes in Tschernobyl.

(Foto: S. Bach/n-tv.de)

Die Männer quälen auch die Erinnerungen an die verlorenen Kameraden. Ligun zeigt ein Foto, das in Tschernobyl entstand. "Von den sechs hier auf dem Foto sind zwei tot, zwei hatten schon mehrere Herzoperationen. Aber da waren viele Soldaten und ich weiß nicht, was aus ihnen allen geworden ist." Auch Wlassow arbeitete in einer Gruppe von sechs Spezialisten, "und ich bin der Einzige, der noch übrig ist. Wir waren damals alle um die 30 Jahre alt, und ich war der älteste. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht einer der Liquidatoren beerdigt wird. Selbst Leute, die erst 1987 in Tschernobyl zum Einsatz kamen, haben Magen- oder Herzprobleme, Krebs, fühlen sich immer matt oder was auch immer."

Dass sie selbst , empfinden sie als Wunder und als Auftrag zugleich. So schwer es ihnen fällt, davon zu berichten, was sie vor 25 Jahren erlebt haben, erscheint es ihnen doch gut und richtig. Der hagere Ligun strafft sich, einen Moment lang wird der frühere Offizier sichtbar: "Die Folgen dieser Katastrophe sind bis heute schrecklich, und davon wissen viele noch immer nichts. Unter den Liquidatoren gibt es Tausende von Opfern, Tote und Versehrte, es werden immer noch behinderte Kinder geboren. Das macht mich wütend."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen