Panorama

Rückgabe der Benin-Bronzen Ein Skandal, der keiner ist

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Die Benin-Bronzen werden unter anderem vom Ethnologischen Museum Berlin-Dahlem nach Nigeria zurückkehren.

Die Benin-Bronzen werden unter anderem vom Ethnologischen Museum Berlin-Dahlem nach Nigeria zurückkehren.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Deutschland gibt die Benin-Bronzen, die während der Kolonialzeit nach Berlin gelangten, an Nigeria zurück. Der Präsident des Landes will sie der früheren Königsfamilie Benins übergeben. Das Unverständnis darüber zeigt: Afrikas Perspektive wird noch immer ausgeblendet.

Von "Fiasko", "Skandal" und "Blamage" ist in deutschen Medien nun im Zusammenhang mit der Rückgabe der zu Kolonialzeiten aus Nigeria gestohlenen Benin-Bronzen die Rede. Denn Nigerias scheidender Staatspräsident Mohammedu Buhari hat Ende März bekannt gegeben, dass die Artefakte an den traditionellen König des Königtums Benin, Oba Ewuare II., übergeben werden. Dieser kündigte an, er werde die Bronzen in seinem Palast aufbewahren. Dabei hatte die Bundesregierung vor der Rückgabe fünf Millionen Euro für den Bau eines öffentlichen Museums in Benin-Stadt zugesagt, wo die Objekte eigentlich ausgestellt werden sollten - so die Idee der Deutschen.

Das Skandalöse, so die deutschen Schlagzeilen, sei, dass die historisch wertvollen Bronzen nun in den "Privatbesitz" des Benin-Königs, der im Volksmund "Oba" genannt wird, übergehen und nicht für die Öffentlichkeit ausgestellt werden. Doch diese Aussagen zeugen vor allem von einem: von der Unkenntnis und falschen Annahme, dass Afrikas Königtümer "privat" sind und sich die afrikanischen Könige, wie die "Süddeutsche Zeitung" sogar unterstellt, sich mit wertvollem Prunk schmücken wollen, ganz nach dem Vorbild des frisch gekrönten britischen Königs Charles III.

Doch das ist nicht der Fall, im Gegenteil: Die afrikanischen Königtümer sind in vielen Ländern und Gesellschaften historisch gesehen die eigentlichen Vertreter der jeweiligen ethnischen Gruppen und damit auch "Wächter", "Vertreter" und "Behüter" der jeweiligen ethnischen und kulturellen Geschichte und Erbe dieser Bevölkerungsgruppen. Der Palast gehört nicht "privat" dem König, sondern ist ein repräsentatives Gebäude, das dem Königtum - und damit auch dem Volk - gehört. Der König ist von jeher nur ein "Vertreter" des Volkes.

Die staatlichen Institutionen, wie wir sie heute kennen, wurden meist erst unter den Kolonialherrschern in Afrika geschaffen, sind also ebenfalls koloniales Erbe. Sprich: Die derzeitige Debatte in Deutschland wird aus einem westlichen Verständnis heraus geführt. Die afrikanische Perspektive der Dinge wird gar nicht erst erwähnt.

Woher kommen die Benin-Bronzen?

Bei den sogenannten Benin-Bronzen handelt es sich um eine Sammlung von Tausenden Statuetten und Metalltafeln, auf welchen historische Ereignisse eingraviert sind. Die meisten sind aus Kupfer gefertigt, nur wenige aus Bronze. Zur Sammlung gehören aber auch Figuren und Masken, gefertigt aus Elfenbein, Holz oder Korallen. Hergestellt wurden diese Objekte, die ähnlich wie Geschichtsbücher wichtige historische Ereignisse und Symbole darstellen, von fingerfertigen Künstlern, die in vorkolonialer Zeit am Königshof von Benin zu Hause waren. Afrikas Könige waren und sind bis heute bedeutende Förderer der afrikanischen Kunst- und Geschichtsschreibung.

Das Königreich Benin zählte vor Eintreffen der europäischen Eroberer in Westafrika zu den führenden Herrschaftshäusern des Kontinents. Es war im Jahr 600 nach Christus entstanden und erstreckte sich zu Hochzeiten vom Niger-Fluss im Inneren des Kontinents bis zur Atlantikküste, inklusive der heutigen nigerianischen Millionenstadt Lagos.

Die Hauptstadt des Königreiches heißt heute Benin-City, wurde damals aber Edo genannt. Sie wurde im Jahr 1897 von britischen Truppen erobert, der Königspalast mit seinen reichen Kunstgegenständen geplündert, die Artefakte in die ganze Welt verteilt. Anschließend wurde das Reich dem damaligen britischen Protektorat Nigeria einverleibt. Heute ist Benin - nicht zu verwechseln mit dem westafrikanischen Land Benin - eine Provinz innerhalb des Staates Nigeria, allerdings mit einer starken, eigenen Identität und eigenen Geschichtsschreibung, die sich von anderen Volksgruppen innerhalb Nigerias deutlich unterscheidet.

Wie viele historische Objekte damals insgesamt aus dem Königspalast in Benin geraubt wurden, ist bis heute umstritten. Rund 3000 Stücke wurden bislang ausfindig gemacht, zerstreut in Sammlungen in Berlin, Hamburg, Dresden, Wien, London, Oxford, aber auch in den USA. Wie viele sich in privaten Sammlungen in Europa und den USA befinden, ist unklar.

Innenpolitische Debatte in Nigeria

Am 1. Juli 2022 unterzeichneten Deutschland und Nigeria ein Abkommen über die Rückgabe der Bronzen. Es besagt, dass etwa zwei Drittel der Kunstwerke an den nigerianischen Staat zurückgehen sollen. Ein Drittel soll als befristete Dauerleihgabe in den deutschen Museen bleiben. In einem feierlichen Staatsakt überreichte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth Ende vergangenen Jahres in Nigerias Hauptstadt Abuja 20 Bronzen an Nigerias Kulturminister Lai Mohammed. Dieser dankte den Deutschen: "Nigeria, Afrika und in der Tat alle Menschen werden sich immer an diesen Moment in der Geschichte der Menschheit erinnern und ihn in Ehren halten, als Deutschland an unserer Seite stand."

Dass es innerhalb von Nigerias Gesellschaft und politischen Zirkeln heiße Diskussionen darüber gibt, wem diese Artefakte eigentlich genau gehören - dies wurde in der deutschen Wahnehmung und Berichterstattung komplett ausgeklammert. Dass die Bronzen auch nicht Erbe des "nigerianischen Volkes" sind, das sich aus 250 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammensetzt, sondern allein der Volksgruppe der Edo, die vom Oba-Königtum vertreten wird, gehören - auch das wird in deutschen Medien falsch erklärt.

Die deutschen Diplomaten und Politiker gingen schlichtweg davon aus, dass die Objekte in den Besitz des neuen, geplanten Edo-Museums für Westafrikanische Kunst (EMOWAA) übergehen würden, das 2019 als Institution gegründet wurde und sich derzeit noch immer im Bau befindet. Die Bundesregierung hat dafür fünf Millionen Euro zugesagt - allerdings war dies nie an die Bedingung geknüpft, dass die Bronzen aus Deutschland dort ihr neues Zuhause finden.

Aber auch Oba Ewuare II., der derzeitige König von Benin, plant innerhalb seines Palastes ein eigenes Museum, in welchem die Geschichte und Kunst des Königtums und der Volksgruppe der Edo ausgestellt werden soll. Der Oba verlangte deswegen von Nigerias Regierung, dass die Objekte dorthin zurückkehren, wo sie ursprünglich einmal entwendet wurden: in den Palast.

Streit zwischen König und Gouverneur

Zwischen dem Oba, der politisch und verfassungsrechtlich heute keine Macht mehr hat, dafür aber von der Bevölkerung nach wie vor als kultureller Anführer und Vertreter angesehen wird, und dem Gouverneur des Verwaltungsbezirks Benin als politischer Verwalter, eingesetzt von Präsident Godwin Obaseki, gibt es deswegen seit Langem Streit. Obasekis Großvater spielte in der Geschichte eine wichtige Rolle. Nachdem der Oba-König von den Briten gestürzt worden war, ernannten sie Obasekis Großvater zum Gouverneur und setzten ihn indirekt als Vertreter der britischen Krone ein. Heute wirft der Oba-König dem Gouverneur die Fortsetzung dieser indirekten Kolonialherrschaft vor.

Als Initiator des EMOWAA-Museums beharrte Obaseki darauf, dass der Staat Nigeria die Bronzen von den Deutschen überreicht bekommt: "Der Staat Nigeria ist die nach internationalem Recht anerkannte Instanz für die Kontrolle von Antiquitäten aus Nigeria", so Obaseki. Für den Gouverneur war zunächst also klar: Nigerias Kultusminister Lai Mohammed werde dem neuen Museum die Objekte überreichen.

Als der scheidende Langzeitpräsident Buhari nun Ende März bekannt gab, dass die Artefakte dem Oba-Königtum überreicht werden, handelt es sich dabei um eine innenpolitische Entscheidung. Buhari erklärte: "Meine Anweisung, diese Artefakte an den Oba von Benin zurückzugeben, markiert den Beginn eines weiteren Aspekts in der hochgeschätzten Beziehung zwischen der nigerianischen Bundesregierung und unseren traditionellen Institutionen, die in der Tat die wahren Hüter unserer Geschichte, Bräuche und Traditionen sind." Damit betreibt Präsident Buhari seinerseits einen Schritt in Richtung De-Kolonialisierung der Geschichtsschreibung und Kunstdebatte in Afrika selbst, indem die Königtümer in ihrer Rolle als eigentliche Volksvertreter nicht weiter negiert werden.

Quelle: ntv.de

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