Panorama

Detektivarbeit in Museen Raubkunst zurückgeben? Nicht so einfach

Reliefplatten aus Nigeria in der

Reliefplatten aus Nigeria, sogenannte Benin-Bronzen, in der "Afrika" Ausstellung in Stuttgart.

(Foto: picture alliance/dpa/Christoph Schmidt)

Fast das gesamte afrikanische Kulturerbe befindet sich nicht in Afrika, sondern in europäischen Museen. Seit Jahrzehnten wird gefordert, Afrika die geraubte Kunst zurückzugeben. Doch wenn es um Raubkunst geht, stehen Museen nicht nur vor politischen, sondern auch ganz praktischen Problemen.

2017 erhält Emmanuel Macron für eine Rede in Burkina Faso tosenden Applaus des Publikums. "Ich kann nicht akzeptieren, dass ein großer Teil des kulturellen Erbes vieler afrikanischer Länder in Frankreich ist", sagt der französische Präsident. "Es gibt historische Erklärungen dafür, aber es gibt keine gültige, dauerhafte und bedingungslose Rechtfertigung. Ich will, dass in fünf Jahren die Bedingungen für die vorübergehende oder endgültige Rückgabe des afrikanischen Erbes an Afrika erfüllt sein werden."

In Europa hält sich der Applaus dagegen in Grenzen. Denn Macron unterstützt lautstark eine Position, die schon seit den 1970er-Jahren immer wieder geäußert wird: Europäische Museen sollen endlich Kunst- und Kulturgüter, die unrechtmäßig in der Kolonialzeit erbeutet wurden, an die afrikanischen Herkunftsstaaten zurückgeben. Und zwar so schnell wie möglich.

Aber die koloniale Vergangenheit von Deutschland und die Raubkunst, die dadurch in unseren Museen gelandet ist - das seien Themen, die sehr lange verdrängt wurden, sagt Larissa Förster im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Die Ethnologin leitet den Fachbereich "Kultur und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" am "Deutschen Zentrum Kulturgutverluste". Museen, die die Herkunft ihrer Objekte erforschen wollen, also deren Provenienz, können bei der Stiftung Gelder der Bundesregierung für ihre Projekte beantragen.

Bisher hat die Aufarbeitung nur phasenweise funktioniert. Die europäischen Staaten hätten sich immer etwas vor ihrer Verantwortung und der damit verbundenen Arbeitslast gescheut, sagt die Ethnologin. Das habe sich erst geändert, seit es entsprechende Forderungen der Bevölkerung gebe. "Wann gelangt so ein Thema auf die Tagesordnung der Politik? Das Thema Raubkunst beziehungsweise die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit hat gerade ein Momentum entwickelt", erklärt sie. "Vor allem, wenn man an die weltweiten Aktionen der 'Black Lives Matter'-Bewegung denkt. Der Sturz der Denkmäler hat uns allen nochmal bewusst gemacht, wie wenig wir koloniales Unrecht aufgearbeitet haben und wie viel davon noch unser institutionelles Erbe durchdringt."

Stein des Anstoßes: Die Benin-Bronzen

Auch in Deutschland wird seit einiger Zeit wieder intensiver auf die eigene Kolonialvergangenheit zurückgeblickt: In Berlin öffnet das Humboldt-Forum im neu errichteten Schloss nach und nach seine vielen Türen. Doch keine der Ausstellungen wurde vorab so emotional diskutiert wie die, in der die Bronzen aus dem vorkolonialen Königreich Benin präsentiert werden sollen. Noch bevor das Publikum sie erblicken konnte, wurde gefordert, dass Deutschland seine Raubkunst wieder zurückgibt. Denn der Weg, den die berühmten Benin-Bronzen nach Berlin genommen haben, ist höchst problematisch. Die Skulpturen wurden 1897 von britischen Soldaten bei der Palastplünderung geraubt. Man geht davon aus, dass insgesamt bis zu 5000 Stücke gestohlen wurden, etwa 3000 davon sind in Museen in Europa und den USA ausgestellt. Das historische Königreich Benin befand sich im heutigen Nigeria, das seine Kunst bereits seit 50 Jahren zurückfordert.

Im April dieses Jahres gab es eine Videokonferenz mit Vertretern deutscher Museen, der Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Kulturpolitikern von Bund und Ländern. Daraus entstand die sogenannte Benin-Dialogue-Group. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, alle Benin-Bestände in deutschen Museen bis Ende 2021 erforscht zu haben und ab dem kommenden Jahr damit zu beginnen, zumindest Teile zu restituieren, also zurückzugeben. Das war zwar ein politischer Durchbruch, die Provenienzforscher haben aber noch eine ganze Menge zu tun, da laut Schätzungen rund 80 bis 90 Prozent aller afrikanischen Kulturgüter in europäischen Museen lagern.

Wie ist die afrikanische Kunst in europäische Hände gelangt?

Die Ethnologin Larissa Förster leitet den Fachbereich "Kultur und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" am "Deutschen Zentrum Kulturgutverluste".

Die Ethnologin Larissa Förster leitet den Fachbereich "Kultur und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" am "Deutschen Zentrum Kulturgutverluste".

(Foto: Simone Förster)

Um herauszufinden, ob es sich wirklich um Raubkunst handelt, müssen die Museen und Sammlungen klären, welchen Weg ihre Objekte genommen haben, bevor sie nach Deutschland gekommen sind. Die Ethnologin Förster spricht von einer unglaublichen Bandbreite von Aneignungsarten und teilt diese in "harmlose" und "gewaltvolle" ein: "Während kolonialer Eroberungen und Kolonialkriegen wurden zum Teil Dörfer, Städte, ja sogar ganze Königtümer überfallen, angegriffen und vernichtet. Beispielsweise im damaligen Deutsch-Ostafrika, im sogenannten Maji-Maji-Krieg. Dort wurden dann Kunst- und Einrichtungsgegenstände sowie Schätze aus königlichen Palästen beschlagnahmt und anschließend nach Hause ans Auswärtige Amt und die Museen in Deutschland geschickt. Die haben diese Schätze und Stücke dankbar entgegengenommen und ihrer Sammlung einverleibt."

Die Wissenschaft ist sich einig, dass die meisten Kunstobjekte aus Afrika nicht freiwillig an die europäischen Kolonialherren übergeben wurden. Sie haben sich in den meisten Situationen genommen, was ihnen gefiel. Es gab aber auch den anderen, den "einvernehmlichen Fall", wie es die Expertin nennt. Harmlose Geschenke, wenn Abenteurer, Forscher oder einzelne Privatleute nach Afrika gereist sind. Diese Geschenke wollen viele Museen natürlich behalten. Jetzt gilt es herauszufinden, auf welche Ausstellungsstücke das zutrifft: "Ganz zentral in der Provenienzforschung ist die Frage 'Wie ist es damals eigentlich in europäische Hände gelangt?'. Der Hintergrund ist, dass wir durch die Geschichte des Kolonialismus wissen, dass Objekte oftmals in sehr problematischen Zusammenhängen den Besitzer gewechselt haben."

Britische Soldaten mit Raubkunst in Benin, 1897. Die Benin-Expedition von 1897 war eine Strafexpedition einer britischen Streitmacht unter Admiral Sir Harry Rawson. Während der Eroberung und Verbrennung der Stadt wurde ein Großteil der Kunst des Landes, einschließlich der Benin-Bronzen, entweder zerstört, geplündert oder zerstreut.

Britische Soldaten mit Raubkunst in Benin, 1897. Die Benin-Expedition von 1897 war eine Strafexpedition einer britischen Streitmacht unter Admiral Sir Harry Rawson. Während der Eroberung und Verbrennung der Stadt wurde ein Großteil der Kunst des Landes, einschließlich der Benin-Bronzen, entweder zerstört, geplündert oder zerstreut.

(Foto: imago/AGB Photo)

Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist wahre Detektivarbeit. Dafür sichten Forscher und Forscherinnen die Unterlagen und Aufzeichnungen der Objekte. Daraus erfahren sie dann im besten Fall, woher sie stammen, wann sie ins Haus gekommen sind und was sie gekostet haben. Wenn es auch noch Fotos oder Namen von Menschen aus dem Umfeld der Skulptur oder des Schmucks gibt, können die Forscher in Archiven weitersuchen. Schwierig wird es dort, wo sie Handschriften entziffern oder auch lokale Sprachen übersetzen müssen. Dafür arbeiten sie mit Experten in den Herkunftsländern zusammen. Eine sehr aufwändige Arbeit, sagt Larissa Förster. "Wie lange das dauert, bis man fündig wird, ist überhaupt nicht vorauszusehen. Es gibt Objekte, da hat man das nach einigen Wochen geklärt und es gibt Dinge, da kann man Jahre recherchieren, bis man entscheidende Hinweise findet."

"Es wird viele Jahrzehnte brauchen, bis man alles erforscht hätte"

In deutschen Depots und Sammlungen lagert eine riesige Masse an afrikanischen Kulturgütern. Jedes Objekt kann deshalb nicht untersucht werden. Dafür fehlt das nötige Personal. Nur wenige Institutionen in Deutschland haben überhaupt festangestellte Forscher im Bereich der postkolonialen Provenienzforschung. Expertinnen wie Larissa Förster wollen sich daher auf jene Objekte konzentrieren, die besonders bedeutend sind oder von denen man weiß, dass sie mit Gewalt geraubt wurden.

Rundgang der nigerianischen Kulturdelegation bei den Benin-Bronzen in Dahlem in Berlin.

Rundgang der nigerianischen Kulturdelegation bei den Benin-Bronzen in Dahlem in Berlin.

(Foto: picture alliance/dpa/SPK/Photothek.De/Florian Gaertner)

Am Ende des Prozesses steht aber noch die schwierige Frage: Wer erhält die gestohlenen Stücke eigentlich? Eine Familie, ein Dorf, eine Regionalregierung oder vielleicht doch der Nationalstaat, der die Kunstwerke in den eigenen Museen ausstellen will? Was passiert, wenn es die ursprünglichen Besitzer - wie zum Beispiel das vorkoloniale Königreich Benin - nicht mehr gibt? Auch das sei ein Grund, warum sich der Rückgabeprozess so schwierig und langwierig gestalte, weiß die Ethnologin. "Da wird es ganz schwierig. Und da beginnen die Verhandlungen, auch die Aushandlungsprozesse mit den Herkunftsländern. Das heißt überhaupt nicht, dass man in irgendeiner Weise das Ziel der Restitution und der Rückgabe infrage stellt. Es heißt nur, dass wir geduldig sein müssen."

Das gilt auch für die Herkunftsländer, denn die Ethnologin hat einen ungefähren zeitlichen Rahmen vor Augen: "Die Provenienzforschung ist ein wahnsinnig minutiöses, sehr kompliziertes Unterfangen. Es ist fast kriminalistische Arbeit. Es wird viele Jahrzehnte brauchen, bis man alles durchgeforscht hätte, wenn man die Provenienz auf Ebene des einzelnen Objekts herausbekommen will."

Belgien geht im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn einen Schritt weiter: Die Regierung hat verkündet, dass alle Objekte, die während der belgischen Kolonialherrschaft gewaltvoll entwendet wurden, ab sofort wieder juristisches Eigentum des Herkunftslandes sind. In diesem Fall der Demokratischen Republik Kongo. In Deutschland werden jetzt Konzepte erarbeitet, wie man ab dem kommenden Jahr Raubkunst zumindest teilweise zurückgeben kann oder sie wenigstens nur noch als Leihgabe präsentiert, bevor sie irgendwann wieder den Weg zurück in ihre Heimat findet.

Quelle: ntv.de

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