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Leben auf Berliner Straßen "Ein U-Bahnhof ist keine Notunterkunft"

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Ein Obdachloser schläft unter einer Eisenbahnunterführung in Hannover.

(Foto: picture alliance/dpa)

Obdachlose sind im Winter auf Angebote wie die Berliner Kältehilfe angewiesen. Wie viele Menschen auf den Straßen der Hauptstadt leben, wissen nicht einmal die Helfer genau. Im Interview erklärt Sozialarbeiter Robert Veltmann, seit 25 Jahren in der Wohnungslosenhilfe tätig, warum das so ist und warum sich die Lage in Berlin trotzdem bessert.

n-tv.de: Wie viele Obdachlose leben derzeit in Berlin?

Robert Veltmann: Das ist jedes Jahr die spannende Frage. Genau lässt sich das nicht sagen, weil es noch nie eine richtige Zählung gab. Dazu kommt es möglicherweise nächstes Jahr zum ersten Mal. In dem Hilfesystem gehen wir davon aus, dass sich täglich 3000 bis 6000 Menschen auf der Straße durchschlagen müssen. Insgesamt gibt es mittlerweile knapp 50.000 wohnungslose Menschen. Der Großteil ist aber in verschiedenen Wohnformen und Unterkünften untergebracht.

Warum können Sie die Zahl nicht genauer angeben?

Das liegt an der Struktur der Stadt: Berlin hat zwölf Bezirke. Jeder Bezirk funktioniert wie eine eigene Kommune mit eigenen Daten. Die ließen sich bisher nicht sinnvoll zusammenführen. Das gibt es sonst nirgendwo in Deutschland.

Wie entwickeln sich die Zahlen, lässt sich das sagen?

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Robert Veltmann ist Geschäftsführer des Wohnungslosenhilfeträgers Gebewo - Soziale Dienste - Berlin, der in Berlin die Kältehilfe koordiniert.

(Foto: Robert Veltmann)

Die Zahlen sind deutlich höher geworden. Wenn man die letzten 15 Jahre vergleicht, haben wir einen Höchstwert erreicht. Das hängt damit zusammen, dass es zu wenige Wohnungen gibt und damit, dass jedes Jahr 25.000 bis 40.000 Menschen mehr nach Berlin ziehen als aus der Stadt wegziehen. Außerdem sind in den letzten Jahren viele Tausend Menschen als Geflüchtete in die Stadt gekommen. Die sind zuerst in Flüchtlingsunterkünften untergebracht worden, aber sobald sie ihren Asylbescheid bekommen, sind sie ganz normale Wohnungssuchende. Auch dadurch sind die Zahlen gestiegen.

Handelt es sich bei den meisten Obdachlosen denn um Migranten? Viele sollen auch aus Osteuropa stammen.

Ja, diesen Trend gibt es bereits seit zehn Jahren – Tendenz steigend. Die meisten EU-Bürger und Bürgerinnen kommen auf der Suche nach Arbeit nach Berlin. Viele finden auch irgendwie einen Job und eine Wohnung, aber ein Teil eben nicht. Zum Teil werden sie auch ausgebeutet: Sie arbeiten, bekommen aber keinen Lohn oder viel zu wenig.

Wie viele Schlafplätze stehen in Berlin für Obdachlose bereit?

Letztes Jahr hatten wir bei der Kältehilfe in der Spitze mehr als 1200 Plätze. Die waren an kalten Tagen ausgelastet. Wenn man von aktuell 3000 bis 6000 Obdachlosen ausgeht, gibt es eine ganze Menge, die irgendwo anders nächtigt. Einige können die Angebote auch nicht annehmen, weil sie Suchtprobleme oder psychiatrische Probleme haben. Die schlafen häufig in den Vorräumen von Banken, unter Brücken oder in Abrisshäusern.

Oder in U-Bahnhöfen. In den letzten Wochen gab es bei dem Thema aber großen Streit zwischen den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und dem Berliner Senat. Die BVG will ihre U-Bahnhöfe nachts schließen. Was ist das Problem?

Das ist in meinen Augen ein Hilferuf der BVG. Diese U-Bahnhöfe wurden irgendwann mal vor 15 Jahren in kalten Winternächten aufgemacht, um drei oder vier Obdachlosen eine Unterkunft zu bieten, die keine andere gefunden haben oder wollten. Aber in den letzten zwei Wintern haben sich teilweise bis zu 40 Menschen in U-Bahnhöfe zurückgezogen. Das ist ein großes Sicherheitsproblem, weil nachts zwar keine U-Bahnen fahren, aber Technikbahnen, um die Gleise zu pflegen. Außerdem ist es ein hygienisches Problem, weil es in den meisten U-Bahnhöfen keine Toiletten gibt und die Leute dann sonst wo hinmachen. Und das ein U-Bahnhof keine Notübernachtung ist, liegt eigentlich auch auf der Hand.

Selbst wenn sich noch eine Einigung findet, werden damit nur die Folgen der Obdachlosigkeit bekämpft, nicht aber die Ursachen. Was muss in Berlin passieren, damit die Zahlen zurückgehen?

Grundsätzlich sind Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit vielschichtige Probleme. Das schwierigste Thema ist tatsächlich der fehlende Wohnraum in Berlin. Momentan werden nur so viele Wohnungen gebaut, wie Leute in die Stadt ziehen und nicht einmal für die reicht es wirklich. Dieses Problem kann weder die Wohnungslosenhilfe noch die Sozialverwaltung lösen, da braucht es ein gesamtstädtisches Programm. Möglicherweise muss auch der Bund eingreifen.

Es gab dieses Jahr zwei Strategiekonferenzen mit einer Bestandsaufnahme und Lösungsvorschlägen. Was ist dabei herausgekommen?

Vielleicht schon nächstes Jahr soll eine vernünftige Wohnungslosenstatistik aufgebaut werden. Wir wollen die Anzahl der betroffenen Menschen erfassen, ihr Geschlecht, wie viele Familien es sind, welche Altersgruppen und Nationalitäten. Außerdem wird untersucht, wie Wohnungslosigkeit verhindert werden kann, die aus Mietschulden resultiert und wie Behörden und Sozialämter besser aufgestellt und verzahnt werden können. Es gibt auch Arbeitsgruppen, die sich mit jungen Obdachlosen befassen oder mit der Frage, wie die Kältehilfe weiterentwickelt werden kann.

Sind Sie zuversichtlich, dass Berlin den richtigen Weg eingeschlagen hat?

Aus meiner Sicht als größte Trägerorganisation der Berliner Wohnungslosenhilfe ist es wohltuend, dass wir nicht mehr nebeneinander arbeiten, sondern miteinander. Bei der Strategiekonferenz waren verschiedene Senatsverwaltungen dabei, Bezirksämter, Wohlfahrtsverbände und Trägerorganisationen, aber auch die BVG und die Polizei. So, dass man wirklich gemeinsam an einer Lösung arbeiten kann.

Zur neuen Strategie gehört auch das Programm "Housing First", das am 1. Oktober in Berlin angelaufen ist. Was hat es damit auf sich?

"Housing First" ist ein Konzept, das ursprünglich aus den USA stammt und mittlerweile auch in einigen europäischen Ländern praktiziert wird wie Finnland oder Dänemark. Es geht darum, dass man nicht mehr versucht, einen Obdachlosen erst über mehrere Beratungsstufen fit zu machen für eine Wohnung. Stattdessen ist der Ansatz: Die Wohnung muss zuerst kommen und vom ersten Tag zur Verfügung stehen. Beratung und Unterstützung kann man anschließend anbieten. Dieser Ansatz ist auch wissenschaftlich untersucht worden und scheint nach ersten Erkenntnissen für bestimmte Zielgruppen sehr, sehr wirksam.

Und ganz konkret: Was sollten Anwohner tun, wenn sie einen Obdachlosen auf der Straße entdecken?

Wir empfehlen immer, die Menschen erst einmal anzusprechen und zu fragen, ob sie Hilfe brauchen und ob sie einen Schlafplatz haben. Wenn dabei der Eindruck entsteht, es handelt sich um eine hilflose Person, muss man bitte die Polizei rufen. Die weiß, wo geholfen werden kann. Ansonsten ist nachts der Kältebus unterwegs, den man anrufen kann. Auf www.kaeltehilfe-berlin.de oder in der Kältehilfe-App können Anwohner auch nachschauen, wo die nächste Notübernachtung oder Beratungsstelle ist. Aber ehe man versucht, praktische Hilfe zu leisten, sollte man die Person wirklich einfach fragen, was sie braucht.

Mit Robert Veltmann sprach Christian Herrmann

Wenn Sie wissen möchten, wie die Hauptstadt ihr Obdachlosenproblem lösen will, hören Sie rein in die aktuelle Ausgabe von "Wieder was gelernt", dem Podcast von n-tv.de.

Quelle: n-tv.de

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