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Die Klägerin zieht mit ihrem Anliegen nun vor das Bundesverfassungsgericht.
Die Klägerin zieht mit ihrem Anliegen nun vor das Bundesverfassungsgericht.(Foto: dpa)
Dienstag, 13. März 2018

Gerechte Sprache: Eine Kundin ist kein Kunde

Ein Kommentar von Solveig Bach

Der BGH hat geurteilt, dass die Sparkasse eine Frau weiter als Kunden ansprechen darf. Das verstoße nicht gegen das Gleichberechtigungsgebot. Die Richter unterschätzen die Macht von Sprache.

Marlies Krämer, die Seniorin aus dem Saarland, spiegelt Deutschland im Jahr 2018, wie langlebig und absurd inzwischen längst überholte Überzeugungen sein können. Das scheint bei Themen, die den "Gender-Wahnsinn" betreffen, besonders oft der Fall zu sein.

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Denn "Gender-Wahnsinn" ist es immer erst dann, wenn es darum geht, den weiblichen Teil der Bevölkerung angemessen zu benennen. Von berücksichtigen oder wertschätzen ist an dieser Stelle noch gar keine Rede. Die Argumente, die vor dem BGH ausgetauscht wurden, sind deshalb nicht nur für den Prozess wichtig, sie bilden eine ziemlich verquere gesellschaftliche Debatte nur besonders deutlich ab.

Beginnen wir mit den Gegenargumenten: Schwierige Vertragstexte sollen nicht noch komplizierter werden, sagt der Verband der Sparkassen. Deshalb gibt es bei Formularen eine einheitliche, natürlich männliche Form der Ansprache. Inzwischen zeigen jedoch viele Beispiele, dass mit ein wenig Nachdenken Wörter zu finden sind, mit denen sich alle gemeint fühlen können, wenn man nur will: Studierende oder Interessierte beispielsweise.

Eine mögliche Änderung würde auch teuer, heißt es zudem von den Sparkassen und nun auch in der Urteilsbegründung des BGH. Das mag sogar stimmen. Bevor das nächste Mal Überweisungsträger und AGB gedruckt werden, muss daran vielleicht tatsächlich auch etwas umgeschrieben werden. So wie nach anderen Gesetzesänderungen übrigens auch. Nur, dass sich nach diesen Anpassungen alle Menschen, die mit der Sparkasse oder auch anderen Banken ihre Geschäfte abwickeln, ernst genommen und angesprochen fühlen können. Das wäre doch mal gut investiertes Geld.

Schon die Vorinstanz, das Landgericht Saarbrücken, hatte Krämers Klage abgewiesen. Das Hauptargument der Saarbrücker Richter: Schließlich werde das schon seit 2000 Jahren so gehandhabt. "Das haben wir schon immer so gemacht" ist aber schon lange kein Grund mehr, immer so weiterzumachen. Weder bei der Umweltverschmutzung noch bei der Sklaverei und auch nicht bei der Gleichstellung von Männern und Frauen. Umgekehrt ließe sich aber sagen: Umso dringender sollte es vielleicht endlich geändert werden.

Worte werden Taten

Viel wichtiger sind aber die Argumente, die dafür sprechen, Kundinnen und Kunden gleichermaßen anzusprechen. Denn all jene, die Frauen, Transmenschen oder Behinderten regelmäßig das "Mitgemeintsein" ans Herz legen, gucken komisch, wenn genau das von ihnen erwartet wird. Das beste Beispiel war die Entscheidung der Universität Leipzig, für die Lehrenden der Einfachheit halber nur noch die weibliche Form zu verwenden. Daraufhin hallte der Ruf vom bereits erwähnten "Gender-Wahnsinn".

Die Tatsache, dass Frauen schon sehr lange gezwungen sind, sich in maskulinen Sprachstrukturen mitgemeint zu fühlen, obwohl sie darin versteckt werden, zeigt lediglich, wie überfällig die von Krämer angemahnte Veränderung ist. Dass dieses Anliegen lächerlich gemacht wird, beweist nur, dass das Ausmaß des Verstecktwerdens nicht einmal im Ansatz erfasst wird. Vom Verstecken zum Diskriminieren ist es nur ein kleiner Schritt.

Zum Frauentag vor wenigen Tagen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Videobotschaft gesagt: "Der Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen geht weiter." Es gebe noch viel zu tun "für gleiche Rechte von Frauen und natürlich auch für neue Aufgaben für Männer". Wie wäre es also mit einem klaren Signal für eine Sprache, die Männer und Frauen gleichermaßen anspricht?

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch liefert dafür einen ebenso einfachen wie unschlagbaren Grund. Ein wesentlicher philosophischer Grundsatz für das menschliche Zusammenleben lautet: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Übertragen auf die Sprache macht Stefanowitsch daraus: Stelle andere sprachlich stets so dar, wie du wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstellt. Gleichberechtigt und gleichwürdig eben.

Quelle: n-tv.de