Panorama

Maxi-Prozess gegen 'Ndrangheta Einer gegen die Mafia-Familien von Kalabrien

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Nicola Gratteri, Staatsanwalt von Catanzaro, ist ein Meister darin, die Mafiosi zum Aussagen zu zwingen.

(Foto: imago images/Italy Photo Press)

325 Angeklagte - dies ist das Ergebnis jahrelanger Ermittlungen gegen die italienische 'Ndrangheta. Es ist auch der Kampf von gut fünf Dutzend Menschen gegen ihre Familien. Für das kleine Wunder ist Staatsanwalt Gratteri verantwortlich - er ließ ihnen keine andere Wahl.

Von der Macht der kalabrischen Mafia, der 'Ndrangheta, zeugt die erste Entscheidung des Gerichtes von Lamezia Terme im Süden Italiens: Film und Fotoaufnahmen im nagelneuen Gerichtssaal, extra für den Prozess errichtet, sind nicht erlaubt. Der Schutz gilt dabei nicht den 325 Angehörigen der 'Ndrangheta, mutmaßlichen Bossen, Killern, "Soldaten der Mafia" - sondern der 58 Abtrünnigen, die in Italien auch gern "Reuige" genannt werden.

"Reue" ist es in aller Regel nicht, was Mitglieder der "Locali", so nennen sich die Mafia-Familien in Kalabrien, dazu bringt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. In aller Regel ist es ein Deal. Auspacken gegen Strafmilderung, bei ganz wichtigen Tätern sogar ein neues Leben unter anderem Namen. Für einen solchen Deal aber muss der Mafioso aber auch umfassend aussagen: Zuerst die eigenen Taten gestehen, Mordopfer benennen, die Ermittler zu Leichen führen und dann erst die anderen Mittäter bezichtigen. Stimmt alles, gibt es einen Deal.

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Der Prozess richtet sich gegen Hunderte Angeklagte.

(Foto: AP)

Anschlagswaffen wie für eine Armee

Nicola Gratteri, der Staatsanwalt von Catanzaro, ist ein Meister darin, die Mafiosi zum Aussagen zu zwingen. Zunächst konfrontiert er sie mit knallharten Beweisen - anschließend tun sie beinahe alles, um einer lebenslangen Gefängnisstrafe zu entgehen.

Gratteri ist seit 32 Jahren ein Staatsanwalt an der Mafiafront und lebt seitdem unter Polizeischutz. Geboren wurde er in einer Gegend Kalabriens, in der die Mafia lange Zeit ungestört herrschte. Er hat deren Methoden von klein auf miterlebt.

Gratteri hat wohl mehr Nächte in Polizeikasernen und Gefängniszellen geschlafen, als viele seiner "Kunden". Zum eigenen Schutz. In der Karabinieri-Kaserne und in einer Einzelzelle war er oft sicherer als zu Hause. Mit Bazookas, Handgranaten und MG wollte man ihn schon aus dem Weg räumen. Allein mit dem beschlagnahmten Arsenal des Anschlagsmaterials könnte man einen kleinen Krieg führen. Der "Maxi"-Prozess gegen die Mafiafamilien von Catanzaro und Vibo Valentia ist nun Gratteris jüngstes Meisterwerk.

Basis sind stets Blutsverwandte

58 Angehörige von Mafia-Familien haben er und die Ermittler dazu gebracht, gegen 416 andere Mafiosi auszusagen. Für jeden, der Kalabrien kennt, ist dies ein unfassbares Ergebnis. Zumal, wenn man bedenkt, dass die kalabrischen Mafia-Familien vor allem aus Blutsverwandten bestehen und anders als die sizilianischen Cosa Nostra keine hierarchischen Struktur auf Landesebene haben. Ein Cosa-Nostra-Boss weiß wegen dieses Aufbaus alles über seine Untergebenen. Das ist gut bei der Verteilung der Einnahmen, beim Vergeben von Auftragsmorden und es nützt der Disziplin. Doch es ist schlecht, wenn der Boss auspackt - dann fällt alles in sich zusammen. Die 'Ndrangheta dagegen ist flach organisiert. Die Basis sind stets Blutsverwandte. Bei der Cosa Nostra indes steht die Treue zur Organisation, wie sie sie selbst nennt, über Blutsbanden.

Mit dem Abstieg der Cosa Nostra, geschwächt durch die Massenverhaftungen nach den Bombenattentaten Anfang der 90er Jahre gegen die Richter Falcone und Borsellino, begann der Aufstieg der Kalabresen. Sie schafften es, den Drogenhandel mit den kolumbianischen und mexikanischen Clans nach Europa zu monopolisieren. Und genau hier schlug Gratteri das erste Mal zu. 2011 deckte er diese Verbindungen auf, eine wichtige Drehscheibe des Kokain-Imports über den Hafen Gioia Tauro flog auf. Heute muss die kalabrische Mafia wieder auf die alten Methoden zurückgreifen, das Kokain kommt über kleine Boote direkt an die Küste südlich von Reggio - das ist mühsamer, aber auch „unter der Radarschwelle“ der behördlichen Kontrollen, die sich zumeist auf große Schiffe konzentrieren.

EU stuft Projekt als nicht-finanzierbar ein

Ein großer Erfolg der Ermittlungsarbeiten Gratteris und der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft in Reggio Calabria ist es auch, den wohl größten Betrug mit EU-Mitteln in Italien aufzudecken: Mafia-Clans von Lamezia Terme bis nach Reggio Calabria hatten bis es geschafft, mit Strohfirmen Gelder in Höhe von fast 382 Millionen Euro abzugreifen, die eigentlich für den Bau der Autobahn Salerno-Reggio Calabria gedacht waren. Daran beteiligt waren auch tatsächlich existierende Bauunternehmen - und zahlreiche Politiker. 2012 musste Italien das Geld nach Brüssel zurücküberweisen und die Kommission strich diese Autobahn "für immer" von der Liste der zu unterstützenden Projekte.

Bei seinen Ermittlungen deckte Gratteri so auch die engen Verbindungen der Clans zur Politik auf. In der Folge steht unter anderem seit November ein ehemaliger Senator und Abgeordneter von Berlusconis Partei Forza Italia, der später zur rechtsnationalistischen Partei "Fratelli d'Italia" wechselte, in Vibo Valentia vor Gericht: als "wichtiges Bindeglied zwischen Mafia und der Politik".

13-Jährige geht durch die Hölle und bringt Familie zu Fall

Wie sehr die Clans das Land beherrschen, zeigt ein Kriminalfall aus Melito Porto Salvo, der Küstenstreifen südlich von Reggio Calabria - die Sohle des italienischen Stiefels. 2015 vertraute sich dort eine 13-Jährige ihrer Lehrerin an und erzählt, dass sie seit zwei Jahren neun jungen Leuten Hunderte Male vergewaltigt worden sei. Das Mädchen stammt aus einer Familie mit Mafia-Nähe, die neun mutmaßlichen Täter sind allesamt Kinder von Mafia-Bossen aus dem Dorf. Sie Gruppe holt das Mädchen regelmäßig von der Schule ab, um sich dann es dann gemeinschaftlich an ihr zu vergehen. Das halbe Dorf weiß davon, aber keiner hilft. Fragt man nach hört man, dass die jungen Mädchen sich so aufreizend anziehen würden. Geholfen hat dem Mädchen allein die Lehrerin. Sie hatte Mut, die Eltern zu überzeugen, die Gräuel der Polizei zu melden.

Das Mädchen selbst brachte die schier unglaubliche Kraft auf, über ihre Leidenszeit Buch zu führen. Die Aufzeichnungen sind derart präzise, dass die Polizei die Fälle perfekt rekonstruieren konnte. Das erzählte sie einem Kollegen von Staatsanwalt Gratteri. Die jungen Männer wurden verhaftet. Das Mädchen und seine Familie leben mit neuer Identität sehr weit weg. Doch die Macht der Mafia-Familien in den Dörfern ist zumeist weiter fast ungebrochen, noch herrscht die sogenannte Schweigeverschwörung.

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Der Maxi-Prozess ist nun der erste große Hoffnungsschimmer. Gratteri gibt sich optimistisch: "Ich glaube, dass wir Kalabrien gemeinsam mit allen die es ändern wollen, auch ändern können. Ich glaube daran, ich tue alles dafür, bin voll auf Droge, Staatsanwalt zu sein", sagt er blumig. "Ich glaube fest daran. Wenn wir das tun, was nötig ist, werden wir in einigen Jahren ein anderes Kalabrien haben."

Auch Deutschland könnte von Gratteris Arbeit profitieren. Denn die 'Ndrangheta wäscht ihr Geld am liebsten hierzulande: in der Gastronomie und durch den Kauf von Immobilien. Nach gemeinsamer Schätzung der deutschen und italienischen Polizei halten sich ständig rund 1000 Mafia-Angehörigen aus Kalabrien in Deutschland auf, um die Interessen der Clans zu wahren. Dabei will man vor allem eines vermeiden: ein Blutbad wie 2007 in Duisburg.

Quelle: ntv.de