Panorama

Verkehrschaos in New York "El Chapo"-Prozess nervt Pendler

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Wagenkolonne mit dem Drogenboss und Begleitautos auf der Brooklyn Bridge.

(Foto: imago/Agencia EFE)

Jeden Tag rollen mehr als 100.000 Autos über die Brooklyn Bridge. Dank Mexikos gefährlichstem Drogenboss wird das Befahren der Brücke in den nächsten Monaten zwei Mal pro Tag nicht möglich sein. Eine Lösung des Problems ist vorerst nicht in Sicht.

Mehrere Hubschrauber kreisen jetzt schon am frühen Morgen über das südliche Manhattan. Ein Geräusch, an das sich der New Yorker längst gewöhnt hat, denn es ist kein seltenes in der Millionenmetropole. Dass aber mitten im Berufsverkehr die Brooklyn Bridge gesperrt wird, ist neu und nichts, woran sich die Pendler gewöhnen wollen.

Die Brücke ist immerhin eine der Hauptverkehrsadern in New York. Täglich fahren mehr als 120.000 Autos darüber, um vom bevölkerungsreichsten Stadtteil Brooklyn über den East River ins Geschäftszentrum nach Manhattan zu gelangen. Seit am Montag der Prozess gegen Joaquín "El Chapo" Guzmán gestartet ist, sind viele der betroffenen Autofahrer der Verzweiflung nahe, denn der Transport des Angeklagten macht die Sperrung der Brücke offenbar unumgänglich.

Guzmán wird von einem Konvoi gepanzerter SUVs und einem Rettungswagen eskortiert - und das zwei Mal täglich an fast allen Tagen der Woche über mehrere Monate. Ausgerechnet zu den üblichen Stoßzeiten am Morgen und am Abend. Eine Tortur, nicht nur für den zuständigen US Marshal Service und die Steuerkasse - geschätzt soll das Verfahren aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen mehr als 50 Millionen US-Dollar kosten -, sondern eben auch für die Einwohner New Yorks.

Drei Kilometer lange Sperrung

Der mexikanische Drogenboss "El Chapo" sitzt seit Januar 2017 im Hochsicherheitstrakt des Metropolitan Correctional Center in Manhatten, das eigentlich direkt an das Bundesgericht angeschlossen ist. Der Prozess wird ihm allerdings im drei Kilometer entfernten Bezirksgericht in Brooklyn gemacht. Guzmáns Anwälte haben unlängst darum gebeten, den Prozess im Gericht in Manhattan abzuhalten, um so den medienwirksamen Transport ihres Mandanten zu verhindern. Ihnen geht es aber natürlich nicht um die Pendler, sondern um ihren Mandanten. Sie glauben, die unliebsame Aufmerksamkeit ließe Guzmán wie einen Schwerverbrecher wirken und diese Einschätzung könne zu Vorverurteilungen auf Seiten der Geschworenen führen.

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Vom Metropolitan Correctional Center in Manhattan aus geht es für "El Chapo" täglich nach Brooklyn.

Richter Brian M. Cogan lehnte eine Verlegung des Prozesses ab, gab aber gleichzeitig an, gemeinsam mit den US Marshals an einer Lösung des Problems zu arbeiten. Wie die aussehen könnte, ist allerdings noch offen. Möglicherweise wird Guzmán für die Verhandlungstage in Brooklyn untergebracht und nur an den Wochenenden nach Manhattan zurückkehren. Da er jedoch schon zwei Mal aus Hochsicherheitstrakts in Mexiko ausgebrochen ist, müssten dafür besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Auch über den Transport Guzmáns per Fähre oder Helikopter wird in den US-Medien spekuliert.

Abschluss der Jury-Auswahl

Zur Stunde müssen aus 100 geladenen Geschworenen-Kandidaten allerdings erst einmal 12 passende ausgewählt werden. Einige wurden bereits aussortiert, weil sie ihre Angst vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen des Kartells äußerten. Andere disqualifizierten sich bei den Befragungen. Ein gebürtiger Kolumbianer beispielsweise gab sich als "El Chapo"-Fan zu erkennen und bat um einem Autogramm des 1,64 Meter kleinen Kartell-Chefs. Wohl die sicherste Methode, nicht als Geschworener in diesem Prozess infrage zu kommen. 

Eigentlich hatte Richter Cogan die Jury-Auswahl bereits am Dienstag abschließen wollen, Beobachter rechnen nun aber erst für den heutigen Mittwoch damit. Bis zu den geplanten Eröffnungsplädoyers am 13. November muss die Jury in jedem Fall stehen. Auch für die Geschworenen werden höchste Sicherheitsvorkehrungen gelten: Ihre Namen bleiben geheim und sie werden an jedem Verhandlungstag zum Gericht eskortiert.

Die US-Justiz wirft dem 61-jährigen Guzmán unter anderem Drogenhandel, Geldwäsche und das Führen einer kriminellen Organisation vor. Er soll tonnenweise Kokain und Heroin in die USA geschmuggelt und damit Milliarden verdient haben. Außerdem soll er für bis zu 3000 Morde verantwortlich sein. 1989 hatte Guzmán - nach der Festnahme des Chefs des Guadalajara-Kartells - sein eigenes Kartell Sinaloa gegründet und war in den Jahren danach zum reichsten und mächtigsten Drogenboss Mexikos aufgestiegen.

"Gefesselte Hände und verbundenes Auge"

Die Staatsanwaltschaft wird 300.000 Seiten Dokumente, 117.000 Audioaufnahmen sowie zahlreiche Fotos vorbringen, mit denen "El Chapo" Mord oder Beteiligung am Mord in vermutlich Hunderten von Fällen nachgewiesen wird. Als Zeugen sollen ehemalige Komplizen und Handlanger aussagen, die sich zur Kooperation mit der Regierung bereit erklärt haben. Unter ihnen sind Pedro und Margarito Flores, die für das Kartell den Vertrieb in Chicago organisiert haben, und Vincente Zambada-Nieblas, der Sohn von Guzmáns rechter Hand Ismael Zambada García.

Die Argumente der Verteidigung, "El Chapo" sei gar nicht der Kopf der Sinaloa-Organisation gewesen, sind eher schwach. A. Eduardo Balarezo, einer der Anwälte, sagte einmal gegenüber der "New York Times", es sei, als müssten sie mit "gefesselten Händen und einem verbundenen Auge" arbeiten, denn neben der unübersichtlichen Anzahl an Vorwürfe ist auch die Kommunikation mit dem Mandanten schwierig. Guzmán ist 23 Stunden am Tag in Isolationshaft - ohne Fenster, und nie wird das Deckenlicht ausgeschaltet. Das hat bereits Spuren hinterlassen. Der 61-Jährige soll inzwischen einen verwirrten Eindruck machen und extrem vergesslich sein. 

Quelle: n-tv.de, nan

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