Panorama

Epidemiologe im Interview "Wir haben eine Durchseuchung"

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In Berlin zeigt sich bei den Neuinfektionen eine leichte Abflachung. Was sie wert ist, ist indes noch unklar.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ist schon der richtige Zeitpunkt für Lockerungen gekommen? Nein, sagt Epidemiologe Ulrichs im ntv-Interview. Noch immer gehe es darum, die Krankenhäuser vor einer Belastung zu schützen. Doch schon in wenigen Wochen könnten erste Beschränkungen aufgehoben werden.

ntv: Einige Bundesländer lockern schon wieder, die Bundesregierung hingegen sagt, das ist alles noch zu früh. Was sagen Sie dazu?

Timo Ulrichs: Wir sollten noch den Peak der Omikron-Welle abwarten. Das ist nicht mehr lange hin, etwa Mitte Februar. Dann kann man stringent Stück für Stück öffnen. Zurzeit würden wir damit die weitere Ausbreitung des Virus befeuern. Wir haben ohnehin eine Durchseuchung. Es ist noch immer die Frage, wie wir es strecken können, dass Menschen, die schwer erkranken, nicht alle auf einmal erkranken und ins Krankenhaus müssen. Das haben wir bisher auch einigermaßen gut geschafft. Jetzt die Zügel lockerer zu lassen, ist etwas verfrüht.

Ab wann sieht man denn zuverlässig, dass sich ein Trend umkehrt?

Das ist eine schwierige Frage angesichts der Auslastungen der Testkapazitäten. Wir sehen zum Beispiel in Berlin eine leichte Abflachung. Das aber kann auch damit zusammenhängen, dass wir mit den Testkapazitäten am Anschlag sind und die Zahlen fälschlicherweise zu niedrig sind. Wenn wir in vielen Bundesländern sehen, dass sich die Entwicklung umkehrt und nicht nur stabilisiert, und wir auch mit dem Testen etwas lockerer sind, dann kann man sicherer sagen, es geht jetzt wirklich wieder nach unten.

Bei welchen Personengruppen können wir zuerst lockern und in welchen Bereichen müssen wir uns noch etwas gedulden?

Sinnvoll wäre es, mit den Lockerungen bei den Jüngeren zu beginnen - etwa Schüler, die dann mit den Hygienekonzepten in den Schulen etwas lockerer umgehen können. Dann könnte man nach und nach den Alltag etwas entspannen, also möglicherweise die 2G-Regel im Einzelhandel lockern und das Ganze Stück für Stück wieder Richtung Normalität führen.

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Die Johns-Hopkins-Studie ist nur bedingt aussagekräftig, meint Epidemiologe Ulrichs.

(Foto: ntv)

Die Johns-Hopkins-Universität hat herausgefunden, dass der Lockdown die Sterblichkeitsrate in den USA und Europa nur um 0,2 Prozent reduziert hat. Bringen Lockdowns also gar nichts?

Bei dieser Studie muss man ganz differenziert schauen, was gemessen worden ist. Es handelt sich um eine Meta-Studie, übrigens von drei Wirtschaftswissenschaftlern und nicht von Epidemiologen. Sie haben herausgefunden, indem sie ganz viele Studien ausgewertet haben, dass die Lockdowns, im Vergleich zu anderen Maßnahmen - meistens freiwilligen Maßnahmen -, nicht viel mehr bringen würden. Es kommt aber sehr darauf an, wie man misst und wie man einen Lockdown definiert. Das ist sehr unterschiedlich gehandhabt worden. In Deutschland hatten wir im Lockdown keine großflächigen Ausgangssperren. Dafür hatten die Schulen geschlossen, was andere Länder nicht gemacht haben. Wir waren mit den Maßnahmen insgesamt einigermaßen leicht dabei, während andere Länder in Europa das ziemlich streng gehandhabt haben. Spanien zum Beispiel. Was man aus dieser Studie herauslesen könnte, wäre, dass es sehr auf die Einzelmaßnahmen innerhalb eines Lockdowns ankommt. Da kann man dann sehr wohl sagen, dass die Einzelmaßnahmen etwas gebracht haben. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie auch, indem sie aussagt, dass Kontaktbeschränkungen durchaus sinnvoll sind.

Die sächsische Impfkommission empfiehlt Kindern zwischen fünf und elf Jahren eine Impfung. Wie wichtig ist eine Impfung für diese Altersgruppe?

Es ist immer diese Frage, was haben Kinder, die nur ein ganz geringes Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken, von der Impfung? Man kann natürlich sagen, es ist unwahrscheinlich, dass sie Covid-19 entwickeln werden und schwere klinische Symptome haben. Aber sinnvoll ist es natürlich, mit einer Impfung flächendeckend auch in dieser Altersgruppe für Sicherheit zu sorgen, dass Kinder und Jugendlichen weiter in die Schulen gehen können und es nicht zu Unsicherheiten kommt, mit unterschiedlichen Regelungen zur Quarantäne und zur Isolation. All das sind gute Argumente für die Impfung. Und es ist ein Beitrag, dass wir aus dieser Omikron-Welle und aus dieser Pandemie sicher und schnell rauskommen.

Mit Timo Ulrichs sprach Tamara Bilic

Quelle: ntv.de

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