Guten Appetit, Europa!Kochbuch holt den ESC auf den Teller
Von Heidi Driesner
Schrille Outfits, jede Menge Glitzer und heftig pustende Windmaschinen: alle Jahre wieder ESC. In diesem Jahr wird der weltgrößte Musikwettbewerb 70 Jahre alt. Das Jubiläum steigt in Wien - und der Brandstätter Verlag hat sich dafür eine leckere Überraschung ausgedacht.
Bald ist es wieder so weit: "Good Evening, Europe!" Vom 12. bis 16. Mai findet der Eurovision Song Contest statt. Seit 1956 lockt der weltgrößte Musikwettbewerb jährlich Millionen Zuschauer vor die Fernseher. Schrille Outfits, Glitzer und Windmaschinen gehören ebenso dazu wie Performances von beeindruckend bis sonderbar. So manche Weltkarriere nahm ihren Anfang auf den ESC-Bühnen. Unter dem Motto "United By Music" treten die Teilnehmerländer gegeneinander an. 2025 holte der Countertenor JJ den Sieg für Österreich und so finden laut Reglement die zwei Semifinals und das Finale in diesem Jahr in Österreich statt.
Der ESC holt Kultur, Geschichten und Interpreten ins Scheinwerferlicht - das offizielle Kochbuch zum großen 70-Jahre-Jubiläum des ESC in der österreichischen Hauptstadt zaubert beliebte und landestypische Gerichte aus 35 Teilnehmerländern auf den Teller. Das Buch ist im Wiener Brandstätter Verlag erschienen, in Kooperation mit dem ORF entstanden und bietet einen kulinarischen Streifzug durch Europa.
Von A wie Albanien bis Z wie Zypern - sie sind alle dabei. Dieses bunte Buch in Pink, Violett und Blau dürfte auch Hobbyköche außerhalb von ESC-Fanclubs überzeugen. Sie finden darin nicht nur die besten Kochrezepte all dieser Nationen, sondern viele beeindruckende und zum Teil großformatige Fotos aus 70 Jahren ESC, die Erinnerungen wecken. Spaß machen auch jede Menge Fun Facts: Wer belegte am häufigsten den letzten Platz? Was waren die absurdesten Songtexte? Welcher ESC-Beitrag gewann, obwohl ihn niemand im Saal live hören konnte? Und wieso liegt Australien plötzlich in Europa?
Manuela Tiefnig, Entertainment- und Kultur-Redakteurin, porträtiert die 35 ESC-Nationen und liefert zahlreiche Hintergrundinformationen. Als ESC-Expertin besuchte sie zahlreiche Shows live vor Ort und genoss dabei nicht nur die musikalischen und teils akrobatischen Darbietungen, sondern auch die lokalen Küchen und deren Köstlichkeiten. Am Verfassen der Rezepte beteiligten sich namhafte Rezeptautorinnen und -autoren wie Katherina Seiser, Stevan Paul, Dominik Süss oder Maria Groß, um nur einige zu nennen. Insgesamt sind zehn Rezeptentwickler am Buch beteiligt. Auch Kochneulinge sind hier gut aufgehoben: Die Rezepte sind übersichtlich, ausführlich und verständlich erklärt. Die Zutaten sind in Supermärkten, Bio- und Gewürzläden gut zu erhalten.
Es gibt nichts, was es beim ESC nicht gibt
Die Kapitel sind so bunt und abwechslungsreich wie der Song Contest selbst. Mit dem Buch kann man sich unterhaltsam einstimmen auf das Fest in der Wiener Stadthalle: von den Höhepunkten aus sieben Jahrzehnten ESC über skurrile Momente bei den Shows bis hin zu eleganten und schrägen Outfits auf der Bühne. War bei Corry Brokken, der 1957 der erste Sieg für die Niederlande gelang, noch Abendrobe samt passenden langen Handschuhen angesagt, so wurde mit den Jahren die Garderobe immer ausgefallener. Klamottentechnisch überzeugte manch ein Auftritt, die Darbietung dagegen weniger. Mit "Blood & Glitter" traten "Lords Of The Lost" 2023 für Deutschland an - Eindruck machte lediglich ihr Outfit, ihre künstlerische Leistung reichte nur für den letzten Platz.
Ein "Best-of an Skurrilität" lädt ein zum Staunen und Schmunzeln. Hopste Windows95man aus Finnland 2024 tatsächlich mit offenem Hosenstall seiner Jeansshorts über die Bühne? Ich hatte den Auftritt nicht gesehen, aber das Foto lügt nicht. Hände waschen live auf der Bühne wegen eines miesen Gesundheitssystems (Serbien, nicht Deutschland ...), Roboter mit Botschaften oder ein trällernder Dracula - es gibt nichts, was es beim ESC nicht gibt. Weltstars wie Céline Dion oder Vicky Leandros brachte der Wettbewerb hervor, ABBA startete mit "Waterloo" ihre unglaubliche Weltkarriere. Die wohl zartesten ESC-Töne schlug die erst 17-jährige Nicole an und holte den ersten Sieg für Deutschland. Das war 1982 - und der Wunsch nach "Ein bisschen Frieden" ist aktueller denn je. Die Ballade verkaufte sich weltweit über fünf Millionen Mal und war nach "Merci, Chérie" der zweite deutschsprachige ESC-Siegersong, heißt es im Buch.
Austria - 12 Points!
Unvergessen ist Udo Jürgens, der mit "Merci, Chérie" 1966 den ersten Sieg für Österreich holte und der sein internationaler Durchbruch war. Mit dem Auf und Ab der Alpenrepublik im Wettbewerb beschäftigt sich ein eigenes Buchkapitel, "es ist kompliziert", heißt es. Bei seiner Premiere 1957 landete Österreich auf dem letzten Platz, und nach dem Sieg von Udo Jürgens dauerte es ganze 48 Jahre, bis Conchita Wurst 2014 den zweiten Triumph mit "Rise Like A Phoenix" einfuhr. Der Auftritt von Conchita Wurst, der Kunstfigur von Tom Neuwirth, hob sich wohltuend vom mitunter überbordenden Klamauk ab und war für mich nicht nur wegen der erstaunlichen Stimme das bisher Eindrucksvollste: "Der Sieg der bärtigen Dragqueen war ein Statement für Menschlichkeit und Diversität. Oder, um es in Conchitas eigenen Worten zu formulieren: 'We are unstoppable!'". Das ging um die Welt und hob den Eurovision Song Contest "in neue Sphären". Ein Meilenstein für Toleranz, Vielfalt und Respekt - und das trotz massiver queerfeindlicher Reaktionen bis hin zu Morddrohungen.
Erstaunliches können Sie an Zahlen und Fakten lesen: Nicht nur, wer die meisten Siege einheimste oder die meisten letzten Plätze, wie oft in welchen Sprachen gesungen wurde oder wie lang ein Beitrag sein darf. Auch bei den Länderporträts mit den Rezepten liest man zum Teil Außergewöhnliches. So wurden alle fünf Interpretinnen und Interpreten, die für Luxemburg gewannen, nicht in dem Land geboren, das auch eine der Gründungsnationen des ESC ist. Portugal ist die Nation, die am längsten auf den Sieg warten musste: 53 Jahre!
Down Under ganz vorn dabei
Sie erfahren, wie oft und bei welchen Songs Dieter Bohlen seine Hand im Spiel hatte oder warum auch außereuropäische Länder am ESC teilnehmen. Die drei Buchstaben stehen nämlich für Eurovision Song Contest und nicht für European Song Contest. Veranstalter ist die EBU, die Europäische Rundfunkunion (European Broadcasting Union), zu der sich im Jahr 1950 verschiedene Staaten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens zusammenschlossen. Ziel war, die internationale Kooperation von Rundfunkanstalten zu fördern. Derzeit sind es 68 Rundfunkanstalten in 56 Ländern, dazu kommen 30 assoziierte Sender aus 19 Staaten. In Australien ist der ESC ein riesiger Kult, seit 1983 flimmert die Sause dort über die Bildschirme und trotz erheblicher Zeitverschiebung fiebern alljährlich rund 200.000 Fans mit. Deshalb heißt es auch "Good Evening Europe, Good Morning Australia!". Was 2015 als einmalige Einladung zum 60. ESC-Jubiläum gedacht war, ist längst gegenwärtig, das Land nahm bisher ununterbrochen elfmal teil und ist auch in diesem Jahr in Wien dabei.
Seit 2015 konnten sich fünf Acts unter den Top 10 platzieren. Bisher hat Australien den Pokal noch nie nach Hause gebracht - was aber, wenn? Dann findet der Wettbewerb im Folgejahr allerdings nicht auf dem fünften Kontinent statt, sondern Australien richtet die Show gemeinsam mit einem Sender in einem europäischen Partnerland aus.
Avocado-Toast (Australien)
"Avocado-Toast wird in Kalifornien seit Ende des 19. Jahrhunderts gegessen, existierte also schon lange vor Instagram. Richtig populär hat ihn in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts der Australier Bill Granger in seinem Lokal in Sydney gemacht. In ihrer Heimat Mexiko stehen Avocados seit 9000 Jahren auf dem Speiseplan, in Südamerika (z. B. Peru und Chile) schon lange auch auf (getoastetem) Brot. Katharina Seiser verwendet am liebsten spanische Bio-Avocados mit kürzerer Anreise, ausschließlich die Sorte Hass."
Zubereitung: Brotscheiben über einer beschichteten Pfanne beidseitig mit gut 1 EL Olivenöl einpinseln, bei mittlerer Hitze auf beiden Seiten knusprig-goldbraun braten. Währenddessen ca. 1 EL Zitronensaft auspressen, diesen leicht salzen und mit 1 EL Olivenöl verquirlen. Schnittlauch waschen, trockentupfen, in feine Röllchen schneiden.
Avocado längs rund um den Stein halbieren, durch Gegeneinanderdrehen der Hälften öffnen. Kern mit einem beherzten Schlag mit einer scharfen Messerklinge "greifen" und durch leichtes Drehen herauslösen. Bei einer richtig reifen Avocado lässt sich die Schale vorsichtig abziehen. Avocadohälften quer in möglichst dünne Scheiben schneiden, auf dem Brett wie zu einem Fächer flachdrücken.
Auf jede noch lauwarme Brotscheibe 1 gefächerte Avocadohälfte legen, mit je 1 EL Zitronen-Öl-Mischung bepinseln, mit Schnittlauchröllchen, zart Chipotle und Salzflocken bestreuen. Zum Schluss von der Zitrone etwas Schale über die Avocado reiben und sofort servieren. Mit Messer und Gabel essen.
Wiener Schnitzel (Österreich)
"Der Klassiker der österreichischen Küche - rezeptiert von Katharina Seiser!"
Zubereitung: Erdäpfel waschen, mit Salzwasser zustellen, aufkochen und zugedeckt 15 bis 20 Minuten gar kochen. Abgießen und mit Küchenpapier unter dem Deckel ausdampfen lassen. Salat und Dressing vorbereiten. "Panierstraße" herrichten: 3 große tiefe Teller, im ersten Mehl, im zweiten gründlich verschlagene Eier, leicht gesalzen, im dritten Brösel.
Schnitzel mit Frischhaltefolie bedecken, mit einem Plattiereisen plattieren. Sie sollen gleichmäßig ca. 0,5 cm dick sein, nicht dünner. Erdäpfel schälen, ggf. in Stücke schneiden. In einer kleinen Pfanne Butter aufschäumen, Erdäpfel darin langsam bei mittlerer Hitze anbraten (es dürfen sich braune Stellen bilden), leicht salzen. Gegen Ende Petersilie dazugeben und gut durchschwenken.
In einer weiten Pfanne mit hohem Rand Butterschmalz und Öl mind. 2 bis 3 cm hoch (die Schnitzel müssen schwimmen) auf 170 °C erhitzen. Jetzt erst Schnitzel beidseitig zart salzen und flott panieren: nacheinander zuerst sorgfältig im Mehl wenden. Dann mithilfe einer Gabel durchs Ei ziehen, auch hier muss alles benetzt sein. Mit der Gabel in die Brösel bugsieren, mit den Fingern gründlich rundum bebröseln, dabei Brösel behutsam andrücken. Schnitzel hochheben, lose Brösel abschütteln, Schnitzel auf einem Brett ablegen.
Beide Schnitzel vorsichtig ins heiße Fett gleiten lassen. Temperatur kontrollieren (zwischen 160 und 170 °C). Pfanne, ohne sie hochzuheben, auf der Platte ganz leicht hin und her bewegen, dabei sehr konzentriert vorgehen. So schwappt das heiße Fett über die Schnitzel, sie bräunen gleichmäßig und soufflieren (die Panier hebt sich ab und geht auf). Nach max. 2 Minuten Schnitzel wenden, weitere 1 bis 2 Minuten goldbraun (weder zu bleich noch zu dunkel, ein wenig dunkelt die Panier nach) backen. Falls weitere Schnitzel zu backen sind, die fertigen kurz auf Küchenpapier abtupfen und dann auf einem Gitter (ohne Papier) nebeneinander (sonst weicht die Panier auf) im Ofen warm halten.
Salat marinieren. Heiße Schnitzel mit Petersilerdäpfeln anrichten, Preiselbeeren und Zitronenschnitze dazu servieren.
Pasta mit Köttbullar und Preiselbeeren (Schweden)
"Köttbullar mit Preiselbeeren gehören zu den vertrauten Aromen der schwedischen Küche. Zora Klipp kombiniert sie in diesem Rezept mit Pasta und bringt die bekannten Zutaten in eine neue Form."
Zubereitung: Für die Köttbullar die Zwiebel sehr fein hacken. In einer Schüssel Semmelbrösel mit Milch, Zwiebel, Senf, ggf. Kalbsfond sowie Salz und Pfeffer vermengen und etwa 5 Minuten ruhen lassen. (Sie können auch alles in einem Multizerkleinerer mixen.) Zum Hackfleisch geben und alles zu einer Masse verkneten. Mein Tipp ist hier: Rühren Sie die Masse mit einem Kochlöffel oder einer großen Küchenpinzette in einer Richtung, so wird sie geschmeidiger. Mit feuchten Händen nun aus der Masse etwa walnussgroße Bällchen formen.
Das Öl auf hoher Stufe in einer Pfanne erhitzen. Die Köttbullar-Bällchen im heißen Öl 7 Minuten rundherum goldbraun anbraten. Die Butter zugeben, die Bällchen in der Butter schwenken, dann auf einem Teller beiseitelegen.
Die Nudeln in einem Topf mit kochendem Salzwasser sehr bissfest garen. Anschließend in ein Sieb abgießen, dabei etwas von dem Kochwasser für die Sauce auffangen (ca. 100 ml).
Für die Sauce die Zwiebel würfeln. Die Butter in einem Topf zum Schmelzen bringen und die Zwiebelwürfel darin anschwitzen, bis sie schön Farbe bekommen. Etwas Pastawasser, den Kalbsfond (oder den Brühwürfel) und die Sojasauce hinzugeben und alles etwas köcheln lassen.
Die Sahne hinzufügen, dann die Pasta in die Sauce geben. Die Nudeln 2 bis 3 Minuten in der Sauce zu Ende kochen - so sollte die Sauce am Ende auch die richtige Konsistenz haben. Mit Salz, Pfeffer und Muskat abschmecken. Die Köttbullar dazugeben und mit den Preiselbeeren servieren.
Viel Vergnügen und Genuss wünscht Ihnen Heidi Driesner.
