Oetker geht essenMordsmäßig lecker im Orient-Express
Von Alexander Oetker
Wo zahlen Gäste Tausende Euro für eine Nacht auf Schienen? Na klar, im glamourösesten Zug der Welt, dem Orient-Express. Der schaukelt mit seinen historischen, blauen Wagen quer durch Europa, in der Bar spielt eine Pianistin und aus der Küche kommen edle Menüs, von denen sich die Deutsche Bahn nicht nur eine Scheibe abschneiden könnte.
Venedig, Stazione Santa Lucia. Und "Einsteigen bitte". Wo am deutschen ICE-Bahnhof höchstens die Verspätungsanzeige aufblinkt, liegt hier auf Gleis 2 ein roter Teppich ausgerollt und vor dem Zug mit seinen markanten blauen Schlafwagen und der goldenen Schrift obenan stehen die Angestellten Spalier und begrüßen die Gäste: drei Köche mit hoch aufragenden, weißen Kochmützen, vier Schaffner in dunkelblauen Uniformen, die Direktoren des Zuges. Nobel geht die Welt auf Reisen, das ist hier zu spüren, auch wenn es nur die Welt der oberen Zehntausend ist - benvenuto im "Orient-Express".
Der Zug, in dem Agatha Christie vor fast 100 Jahren ihren Ermittler Hercule Poirot ermitteln ließ, in dem in den Nachkriegswirren des Zweiten Weltkrieges fast 40 Prozent der Fahrgäste Drogenkuriere waren, mit dem sich Agenten und Spione von Land zu Land fahren ließen, der Orient-Express also ist heute kein Fortbewegungsmittel mehr, sondern ein echter Luxuszug, für alle, die sich diesen Lebenstraum erfüllen möchten, für eine oder mehr Nächte mit offenem Fenster und sanftem Gleisrattern quer durch Europa zu reisen. Das geht auf der langen Route von Istanbul bis Paris und weiter nach London, es gibt aber auch kurze Reisen von Venedig nach Paris, 26 Stunden an Bord des luxuriösesten Zuges der Welt.
Genutzt werden für die Reisen die alten Schlafwagen der berühmten Compagnie Internationale des Wagons-Lits, die von der Hotelkette Belmond gekauft wurden und nun zwischen März und Oktober auf den historischen Strecken verkehren, entweder einmal quer durch die Alpen oder auf der Sonnenroute an der Côte d'Azur entlang und dann quer durch Italien. Reisende können zwischen den historischen Kabinen ab rund 3000 Euro pro Nacht wählen, dann befindet sich das Badezimmer auf dem Flur, es gibt aber auch Suiten mit Marmorbädern und bequemen Betten und sogar das l'Observatoire mit eigenem Esszimmer, freistehender Badewanne und nächtlichem Himmelsausguck - das hat dann aber auch den Schnäppchenpreis von rund 70.000 Euro, pro Nacht, versteht sich.
Unglaublich sind diese Preise - und doch ist der Zug am Tag unserer Fahrt bis auf die letzte Kabine ausgebucht. An Bord sind vor allem Amerikaner, die sich hier ihren Lebenstraum erfüllen, es gibt den üblichen Reisenden-Mix von neureichen Russen und Arabern, viele Briten und sogar einige Italiener, die sich auf die Route durch Norditalien, über den Brenner, quer durch die Schweiz und dann durch den nebligen Morgen in Frankreich fahren lassen.
Immer mit dabei: Die Klänge des Flügels, an dem eine junge Pianistin in der noblen Bar spielt, und das wunderbar sonore Rattern des Zuges auf den Gleisen, der Geruch von heißen Bremsscheiben und der Ausblick auf einige der schönsten Landschaften des Kontinents.
Drei Speisewagen gibt es im Orient-Express - und natürlich sind die Bordküchen hier nicht viel größer als im Bistro des ICE. Doch das Ergebnis schmeckt doch ganz anders als die Mischung aus Schinken-Käse-Baguette, Currywurst und Quinoa-Salat.
Das liegt nicht nur daran, dass die Reisenden zum Dinner allesamt "Black-Tie" tragen, also Smoking mit Fliege, Frack und langes Abendkleid - und dass ein Gitarrist und ein Trompeter gemeinsam durch die Restaurants ziehen und an den Tischen alte Klassiker spielen, Frank Sinatra lässt grüßen. Das liegt auch daran, dass in der Vorbereitungsküche in Venedig das Mise en place stattfindet, die perfekte Vorbereitung dafür, dass in den Bordküchen nur noch die finale Arbeit getan werden muss, das Warmmachen der Speisen also und das perfekte Anrichten am Pass, was durch das gute Zusammenspiel der Crew sogar dann gelingt, wenn der Zug bei 140 Kilometern pro Stunde mal ein bisschen ins Rumpeln kommt.
Zum Lunch gibt es ein dreigängiges Menü, am Abend sogar fünf Gänge, darunter eine am Tisch präsentierte Käseauswahl. Die Speisenfolge ist darauf abgestimmt, durch welche Landschaften es gerade geht, so passen die Spezialitäten sich genau der Stimmung an, die der Gast am Fenster vorbeiziehen sieht. Kurz nach der Abfahrt aus Venedig ist es ein gerolltes Vitello tonnato gefüllt mit Gemüse-Julienne, hernach gefüllte Capeletti-Pasta mit einer perfekt gegarten Hähnchen-Roulade, die mit Trüffeln gespickt ist, konfierte Zitrone bringt Säuerlichkeit und Aroma.
Am Abend ist die Stimmung noch einmal feierlicher, vor dem Fenster liegt die blaue Stunde, drinnen sind alle herausgeputzt wie für einen Sommerball. Und das Menü ist wunderbar abgestimmt, die Teller sind floral und sehr dekorativ - und geschmacklich kommt schon das nahende Frankreich ins Spiel: etwa beim Hummersalat mit elegantem Scherenfleisch und Schnittlauchöl oder dem perfekt à point gegarten Wolfsbarsch. Dazu kommen Trompeter und Gitarrist wieder durch die Wagen und singen Nat King Cole und Frank Sinatra, es ist wirklich eine Reise in eine völlig andere Zeit.
Einzig der Signature-Nachtisch ist geschmacklich schwächer: Es ist der Nachbau des Zuges, ein Dessert als echter Hingucker, sogar die blaue Farbe ist täuschend echt, doch leider entpuppt sich der Kuchen als echte Sahnebombe, die ohne wirkliches Aroma einfach nur ein überzuckertes Stück Patîsserie bleibt.
Aber das tut der Stimmung keinen Abbruch, auch weil die inklusiven Getränke auf der Weinkarte wirklich edel sind, hier geht es nicht um große Marken, sondern um wirklich sorgfältig kuratierte Geschmackserlebnisse: So können die Fahrgäste einen 2021er Trimbach Riesling vom Mandelberg wählen oder einen Pouilly Fuissé der Domaine Merlin aus dem Burgund, aus dem Bordelais steht ein 2017er Château Laroqué auf der Karte. Alle Weine gibt es flaschenweise und gratis zu den Menüs.
Und das Beste: Nach den fünf Gängen wartet kein langer Heimweg auf die Gäste, sondern nur der kleine Gang durch den rumpelnden Zug. Im Abteil ist schon das Licht gedimmt, die Bademäntel und Schlappen stehen bereit und der Steward hat bereits aus dem Sofa das Bett gebaut, ein richtiges Doppelbett mit eleganter ägyptischer Baumwolle - und so stellt sich schon nach Minuten des gleichmäßigen Ratterns auf den Gleisen im Grenzgebiet zwischen Liechtenstein und der Schweiz dieses Gefühl des sanften Wegdämmerns ein - denn tatsächlich ist der Orient-Express nicht nur für Nostalgiker und Gourmets ein Once-in-a-Lifetime-Must-Visit, für Menschen mit Schlafstörungen sollte es diese Erfahrung auf Rezept geben.
Mehr Informationen zum Orientexpress gibt es hier. Abfahrten von Venedig, Paris, Istanbul und anderen Städten quer durch Europa, von März bis Oktober, ab 3500 Euro pro Person.