Panorama

Kapitän verlässt "Norman Atlantic" Fährunglück: Retter finden weitere Leichen

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Das Bild der italienischen Marine zeigt Rettungsarbeiten an der havarierten Fähre.

(Foto: dpa)

Passagiere und Besatzung der havarierten Fähre "Norman Atlantic" sind gerettet. Auch der Kapitän geht von Bord, die Marine übernimmt das Kommando. Gleichzeitig steigt die Zahl der Toten. Dutzende Menschen werden noch vermisst, nach ihnen wird gesucht.

Durch den Brand auf der havarierten Fähre "Norman Atlantic" sind neuen Angaben zufolge mindestens zehn Menschen getötet worden. Es seien zwei weitere Leichen entdeckt worden, teilte die italienische Marine mit.

Zuvor hatte der italienische Transportminister Maurizio Lupi acht Tote bestätigt. Einer davon, ein Grieche, wurde bereits am Sonntag entdeckt. Zur Identität der anderen Toten wurden keine weiteren Angaben gemacht. Regierungsangaben zufolge wurden 427 Menschen gerettet, darunter alle 56 Besatzungsmitglieder. Auf der Liste der Insassen standen insgesamt 478 Namen.

Die Suche nach möglichen Vermissten gehe weiter, sagte Lupi. Medien sprachen von mindestens 38 Vermissten. Lupi wollte keine konkreten Zahlen nennen. Offenbar gebe es Ungereimtheiten mit der Passagierliste, sagte er. Es könnte auch sein, dass einige Passagiere die Fahrt gar nicht angetreten hätten. Unklar war zudem, ob es blinde Passagiere gab.

Nach der Rettung der letzten Passagiere verließ derweil auch der Kapitän die havarierte Fähre. "Kapitän Argilio Giacomazzi hat das Schiff um 14.50 Uhr verlassen", erklärte die Küstenwache. Er übergab die Kontrolle an italienische Marine-Offiziere. Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hatte bereits bestätigt, dass das Schiff vollständig evakuiert sei und alle Passagiere die Fähre verlassen hätten. Die Menschen waren nach und nach mit Hubschraubern von Bord gebracht worden. Wind, sch lechtes Wetter und Rauch hatten die Aktion behindert.

Ermittlungen laufen

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Ein Containerschiff brachte inzwischen Passagiere der Fähre nach Bari.

(Foto: AP)

Die italienische Staatsanwaltschaft leitete inzwischen strafrechtliche Ermittlungen zu dem Brand ein. Es solle vor allem geprüft werden, ob Fahrlässigkeit zu dem Unglück in der Adria geführt habe, teilte Staatsanwalt Giuseppe Volpe in Bari mit. Zudem sei Gegenstand der Ermittlungen, wie das Feuer ausbrach und warum es sich so rasend schnell verbreiten konnte. Lkw-Fahrer berichteten in griechischen Medien, dass das Fahrzeugdeck überladen gewesen sei. Viele Laster hätten Olivenöl geladen. Ein Funke könne da schnell einen Brand auslösen.

Passagiere erzählten derweil von Schlägereien an Bord. Zudem erhoben sie schwere Vorwürfe gegen die Besatzung. "Auf dem Schiff gab es keinerlei Koordination. Das Personal war praktisch nicht vorhanden", sagte Rania Fyreou im griechischen Fernsehen. Der italienische Eigentümer der Fähre versicherte indes, dass diese in einwandfreien Zustand gewesen sei. Es habe erst am 19. Dezember eine Inspektion gegeben, bei der auch die Brandschutztüren überprüft worden seien.

Unter den Passagieren waren nach offiziellen griechischen Angaben auch 18 Deutsche. Zwei davon kamen inzwischen mit einem Containerschiff in der süditalienischen Hafenstadt Bari an. Eine Mitarbeiterin des deutschen Konsulats in Bari sagte, dass die beiden aus Saarbrücken und Berlin kommen. Ihnen gehe es gut und sie würden nach Deutschland zurückgebracht.

An Bord des Frachters "Spirit of Piraeus", der zur Hamburger Rickmers-Gruppe gehört, waren insgesamt 49 gerettete Passagiere, darunter auch Griechen, Georgier, Iraker, Syrer, Türken und Albaner sowie ein Kanadier und zwei blinde Passagiere. Der Präfekt von Bari sagte, den Geretteten an Bord des Schiffes gehe es wohl gut. Die Passagierfähre "Cruise Europa" mit 69 Geretteten erreichte den westgriechischen Hafen Igoumenitsa. Sie sollen zunächst ärztlich untersucht werden, hieß es im griechischen Fernsehen. Ein Teil soll zum Hafen Patras weiterfahren. Viele Gerettete waren außerdem noch auf dem Marineschiff "San Giorgio" unterwegs.

Fähre soll abgeschleppt werden

Am Sonntagmorgen war gegen 3.00 Uhr ein Feuer auf einem Autodeck der Fähre ausgebrochen. Das Schiff wurde daraufhin manövrierunfähig. Das Unglück ereignete sich nördlich von Korfu in der Meerenge zwischen Italien und Griechenland. Die unter italienischer Flagge fahrende Fähre der griechischen Anek Lines war auf dem Weg von Patras in Griechenland nach Ancona in Italien.

Die Hitze des Feuers, vor allem aber Wind mit Geschwindigkeiten bis zu hundert Stundenkilometern und bis zu sechs Meter hohe Wellen hatten die Retter vor schier unüberwindbare Hindernisse gestellt. Während der dramatischen Bergungsarbeiten wurde die "Norman Atlantic" in Richtung der albanischen Küste getrieben. Am Sonntagabend konnte der Brand unter Kontrolle gebracht werden. Das Schiff soll nun in einen Hafen geschleppt werden.

Warum sich so wenige Passagiere mit Rettungsbooten in Sicherheit bringen konnten, erklärt ADAC-Nautikexperte Jens-Peter Hoffmann bei n-tv: "Das Schiff hat zwei Rettungsboote, die sind an den Seiten angebracht und müssen dann außenbords gebracht werden, ins Wasser", sagte er. Das sei jedoch sehr schwierig. "Außerdem hat das Schiff natürlich Rettungsinseln, aber die müssen auch ins Wasser." Bei dem vorherrschenden stürmischen Wind sei es "ziemlich ausgeschlossen", dass dies funktioniere.

Quelle: ntv.de, mli/dpa/AFP