Empörung über KlinikrechnungFamilie von Crans-Montana-Opfer soll 72.000 Euro bezahlen

Zum Jahreswechsel bricht in Crans-Montana ein verheerendes Feuer in einer Bar aus. Mehr als 100 Menschen werden verletzt, 41 sterben. Jetzt sorgt die Schweiz mit Krankenhausrechnungen für einen Eklat. Italiens Staatschefin Meloni ist außer sich.
Angehörige der bei dem schweren Brand in der Bar "Le Constellation" Verletzten erhalten dieser Tage Krankenhausrechnungen, die Fragen aufwerfen. In der italienischen Zeitung "La Repubblica" berichtet der Vater eines 16-Jährigen, er habe per E-Mail eine Rechnung über knapp 67.000 Franken (entspricht umgerechnet etwa 72.000 Euro) vom Krankenhaus in Sitten im Schweizer Kanton Wallis erhalten. Weiteren italienischen Medien zufolge handle es sich nicht um einen Einzelfall. Mindestens drei italienische Patienten hätten Rechnungen in einer Gesamthöhe von umgerechnet 109.000 Euro erhalten.
Der Junge sei 15 Stunden in der Klinik gewesen und lediglich für eine Verlegung nach Italien stabilisiert worden. Operationen oder andere Eingriffe seien dem Vater zufolge nicht in der Schweiz durchgeführt worden. Erst in seinem Heimatland wurde der Teenager weitergehend behandelt. Bis heute musste er sich acht Operationen unterziehen, berichtete der Vater.
Nach einem Aufschrei in italienischen Medien erklärte die Schweizer Regierung: Nicht die Familien sollen die Rechnungen bezahlen, sondern der Staat Italien oder aber die italienischen Versicherungen. Die versendeten Rechnungen seien nur zur Kenntnisnahme gewesen. Angeblich hätte dies in einem Begleitschreiben gestanden, doch die Angehörigen bestreiten das. Sie hätten keine solchen Informationen und auch keine Krankenakten bekommen.
Die Erklärung aus Bern machte die Situation jedoch nicht besser. "Sollte diese schändliche Forderung formell gestellt werden, kündige ich bereits jetzt an, dass Italien sie postwendend zurückweisen und ihr keinerlei Folge leisten wird", teilte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mit. "Natürlich zahlen wir nicht", sagte auch Italiens Außenminister Antonio Tajani.
Juristisch ist das Vorgehen der Schweizer gerechtfertigt, das regelt die Vereinbarung zur sogenannten Leistungshilfe zwischen der Schweiz und der EU. Demnach werden die Behandlungskosten für Patienten, die in der Schweiz versorgt werden, aber in einem EU-Land krankenversichert sind, zunächst von der "Gemeinsamen Einrichtung KVG" der Schweiz übernommen. Anschließend holt sie sich das Geld von den zuständigen ausländischen Versicherungen zurück.
Italien stört sich jedoch massiv daran, da das Land in den entscheidenden Momenten schnelle Hilfe geleistet hat. Meloni schickte rasch einen Rettungshubschrauber in den Nachbarstaat. Zudem wurden zwei Patienten aus der Schweiz vorübergehend in Mailand behandelt. Rechnungen wurden dafür nicht geschrieben. Ob die Regierung in Bern, die Klinik in Sitten oder die KVG-Einrichtung in Olten nun tatsächlich auf das Begleichen ihrer Rechnungen besteht, ist offen. Ebenso blieb bisher unklar, ob Italien nicht doch noch eigene Rechnungen für die Klinikaufenthalte und den Einsatz des Helikopters stellen wird.
In der Silvesternacht brach in der Bar "Le Constellation" in Crans-Montana ein verheerendes Feuer aus, das bisherigen Erkenntnissen zufolge durch Fontänen ausgelöst wurde, die zu nah an die mit Schaumstoffplatten verkleidete Decke gehalten wurden. Ein Notausgang war verschlossen. Der reguläre Ein- und Ausgang war derart schmal, dass nicht alle Gäste rechtzeitig flüchten konnten. 41 Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. Viele der Besucher waren junge Menschen. Ermittlungen ergaben bereits, dass die Brandschutzauflagen über Jahre hinweg nicht durch die Behörden kontrolliert worden waren.