Panorama

Generalstabsmäßige Durchführung Fast alle erwachsenen Portugiesen geimpft

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Mit der höchsten Impfquote Europas hat Portugal fast alle Corona-Maßnahmen aufgehoben.

(Foto: AP)

Während Deutschland über 2G und 3G diskutiert, kann Portugal fast alle Corona-Maßnahmen beenden, weil nahezu 100 Prozent seiner Bevölkerung geimpft sind. Großen Anteil am Erfolg haben Erfahrung, eine positive Grundeinstellung und ein außergewöhnlicher Militäreinsatz.

Die deutsche Impfkampagne kommt so gut wie gar nicht mehr voran. Aktuell sind gerade mal 76,7 Prozent der erwachsenen Bevölkerung vollständig gegen Covid-19 geschützt, 81,1 Prozent haben wenigstens eine Dosis erhalten. Problematisch ist vor allem, dass sich mehr als 3 Millionen (13,7 Prozent) der über-60-Jährigen offenbar nicht impfen lassen wollen.

Wie man es richtig macht, zeigt Portugal. Das Land hat nahezu 100 Prozent seiner erwachsenen Bevölkerung durchgeimpft und geht fast ohne Corona-Regeln in die kalte Jahreszeit.

Zweithöchste Quote der Welt

Nach den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Portugal die höchste Impfquote der Welt, 72,2 Prozent seiner Gesamtbevölkerung sind inzwischen durchgeimpft. Bald werden es 86,9 Prozent sein, denn so viele haben wenigstens schon eine Dosis im Oberarm. Noch besser sieht die Quote bezogen auf die über 18-Jährigen aus: 97,9 Prozent von ihnen sind einmal geimpft, 90,0 Prozent bereits vollständig geschützt.

Besonders wichtig ist, dass die Impfquote der über 60-jährigen Portugiesen 100 Prozent beträgt, auch 98,8 Prozent der über 50-Jährigen haben schon mindestens eine Spritze erhalten. Bei den 25- bis 49-Jährigen sind es immerhin auch bereits 93,7 Prozent, bei den 18- bis 24-Jährigen 91,1 Prozent.

Lediglich bei den 12- bis 17-Jährigen hat Portugal noch Nachholbedarf. Hier liegt seine Quote mit 31,8 Prozent Erstimpfungen unter der deutschen, die 42,1 beträgt.

Bei solchen Quoten könnte man meinen, es gäbe in Portugal eine Impfpflicht, doch das ist nicht der Fall. Die Bevölkerung hat freiwillig mitgezogen und nach einem stotterndem Start wurde die Kampagne im wahrsten Sinne des Wortes generalstabsmäßig organisiert.

Bittere Erfahrungen und Militäreinsatz

Entscheidend ist unter anderem, dass Portugal in der Pandemie bittere Erfahrungen machte, kaum ein Land wurde im vergangenen Winter härter getroffen. Zum Höhepunkt der Welle Ende Januar starben in Portugal 2000 Menschen pro Woche, die Krankenhäuser waren völlig überlastet, die Einsatz-Fahrzeuge standen mit Covid-19-Patienten im Stau vor provisorischen Annahmestellen. Mit 200 Corona-Toten pro 1 Million Einwohner und Woche hatte das Land eine fast viermal höhere Sterberate als Deutschland. Die Portugiesen verstehen daher, welche Gefahr das Virus darstellt.

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Konteradmiral Henrique Gouveia e Melo beim Besuch eines Impfzentrums.

(Foto: AP)

Zu diesem Zeitpunkt übernahm Konteradmiral Henrique Gouveia e Melo die Leitung der portugiesischen Corona-Task-Force von einem überforderten Staatssekretär. Er brachte als Adjutant für Planung und Koordination exakt die Erfahrung mit, die es in diesem Moment brauchte. Gouveia e Melo organisierte die Impfkampagne mit Spezialisten aus den drei Teilstreitkräften generalstabsmäßig. Unter anderem ließ er öffentlichkeitswirksam Soldaten impfen, um Vertrauen zu schaffen, und testete neu errichtete Impfzentren mit seinen Truppen.

"Menschen im Militär sind es gewohnt, in unsicheren Umgebungen unter Stress zu arbeiten", sagt Gouveia e Melo. "Sie sind organisiert, logistisch gut aufgestellt … und meist sehr fokussiert auf die Mission." Auf die Frage, was andere Länder tun könnten, um ihre Kampagnen voranzubringen, sagte der Admiral der "New York Times": "Sie müssen Leute finden, die keine Politiker sind."

Positive Grundeinstellung vielleicht wichtiger

Er erklärte seine Aufgabe zum Krieg gegen das Virus und trat grundsätzlich in Kampfuniform auf, was ihm auch Kritik einbrachte. Autoritäten zu hinterfragen sei man in Portugal nicht gewöhnt, sagte die Psychologin Laura Sanches der "New York Times". "Die Art und Weise, wie er sich immer in Tarnanzügen präsentierte - als ob er einen Krieg führen würde - hat zusammen mit der von den Medien und den Politikern verwendeten Sprache zu einem Gefühl der Angst beigetragen, das einen dazu bringt, zu gehorchen und nicht zu hinterfragen."

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Tiago Correia hält es dagegen für übertrieben, Gouveia e Melo als Hauptfaktor für die erfolgreiche Impfkampagne zu betrachten. Ein Schlüsselfaktor sei die traditionell zustimmende Haltung Portugals gegenüber nationalen Impfprogrammen, sagte der Lissabonner Professor für öffentliche Gesundheit der Nachrichtenagentur AP. Die Impfrate gegen Masern, Mumps und Röteln betrage beispielsweise 95 Prozent - eine der höchsten in der EU.

"Der Krieg ist noch nicht gewonnen"

Seine Mission hat der Admiral vorerst erfüllt. Angesichts der schlechten Quoten in Staaten, die eigentlich genug Impfstoff hätten und einer Mehrzahl an Ländern ohne ausreichend Vakzine weiß Gouveia e Melo aber, dass neue Virusvarianten auch sein Land wieder heimsuchen könnten. In seiner Sprache klingt das so: "Wir haben eine Schlacht gewonnen. Ich weiß aber nicht, ob wir den Krieg gegen das Virus gewonnen haben. Das ist ein Weltkrieg."

Quelle: ntv.de

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