Panorama

Coronavirus in Afghanistan Fast jeder Dritte soll infiziert gewesen sein

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Afghanische Männer Ende Juli beim Gebet in Kabul.

(Foto: AP)

Eine neue Studie aus Afghanistan legt nahe, wie stark sich das Coronavirus in dem Land ausgebreitet hat. Demnach hätten sich 270 Mal mehr Menschen im Land angesteckt als bislang gedacht.

In Afghanistan sollen sich bereits rund 10 Millionen Menschen mit dem neuen Coronavirus angesteckt haben - das schätzt das Gesundheitsministerium des Landes. Landesweit hätten sich einer Hochrechnung zufolge damit seit Beginn des Ausbruchs 31,5 Prozent der mehr als 30 Millionen Einwohner mit Sars-Cov-2 infiziert, sagte Gesundheitsminister Ahmad Dschawad Osmani in Kabul. Die offizielle Zahl der bestätigten Fälle liegt dagegen nur bei knapp 37.000 - das sind 270 Mal weniger als die nun geschätzte Gesamtzahl.

In der Hauptstadt und Vier-Millionen-Einwohner-Metropole Kabul wäre die Infektionsrate laut Ministerium mit geschätzt mehr als 50 Prozent besonders hoch. Für die Hochrechnung wurden in den 34 Provinzen Afghanistans aus 5760 Familien jeweils ein junges und ein altes Familienmitglied per Zufallsverfahren ermittelt und auf Antikörper getestet. Danach seien die Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet worden. Das Verfahren der Studie sei international anerkannt, so Osmani. Die WHO förderte die Studie.

Es ist aber unklar, inwiefern die Ergebnisse mit Antikörperstudien aus anderen Ländern wie Deutschland oder Schweden zu vergleichen sind. Hierzulande lag die sogenannte Durchseuchung Ende Juni nur bei 1,3 Prozent, wie eine Antikörper-Erhebung des Robert-Koch-Instituts ergab. Für Schwedens Hauptstadt Stockholm ging der dortige Chef-Epidemiologe Anders Tegnell im Mai immerhin von 20 Prozent Infizierten aus.

Hohe Dunkelziffer bei Toten möglich

*Datenschutz

Bei Antikörperstudien werden Blutproben auf Antikörper gegen das Coronavirus getestet. Sind sie vorhanden, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die Betroffenen eine Erkrankung hinter sich haben. Es ist allerdings möglich, dass Menschen zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits infiziert waren, aber noch keine Antikörper gebildet hatten. Ebenfalls kann es Fälle geben, in denen genesene Patienten keine Antikörper mehr im Blut haben. Antikörperstudien bilden also nicht zwingend das gesamte Infektionsgeschehen ab.

In Afghanistan sind bislang insgesamt rund 90.000 Menschen getestet worden. Besonders viele Neuinfektionen wurden im April und Mai registriert, bis Anfang August sind diese Zahlen stark zurückgegangen. Laut WHO starben in dem Land knapp 1300 Menschen an oder mit dem Virus. Sollten sich tatsächlich, wie nun geschätzt, bereits rund 10 Millionen angesteckt haben, könnte es eine hohe Dunkelziffer bei den Toten geben.

Das Land leidet nach rund vier Jahrzehnten Konflikt und Krisen unter medizinischer Unterversorgung. Vielerorts mangelt es an Personal und dringend benötigter Schutzausrüstung gegen das Virus. Zwar führten die Behörden zeitweise Ausgangsbeschränkungen ein, viele Menschen hielten sich aber nicht daran. Insbesondere Tagelöhner litten unter den Einschränkungen.

Quelle: ntv.de, vpe/dpa