Panorama

Chefin lehnt Rücktritt ab Feuerwehr für Grenfell-Tote mitverantwortlich

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Ein elektrischer Defekt hatte den Brand im Juni 2017 ausgelöst.

(Foto: picture alliance / Natalie Oxfor)

Der offizielle Abschlussbericht zum Brand im Londoner Grenfell Tower mit 72 Toten gibt der Feuerwehr eine Mitschuld an der Katastrophe - deren Reaktion habe systemische Fehler aufgewiesen. Die Feuerwehr sieht die Schuld jedoch woanders.

Mehr als zwei Jahre nach dem Großbrand im Londoner Hochhaus Grenfell Tower mit 72 Toten wirft ein offizieller Bericht der Feuerwehr schwere Versäumnisse vor. Die Reaktion der Feuerwehr habe "schwerwiegende Mängel" und "systemische" Fehler aufgewiesen, heißt es in dem Untersuchungsbericht. Demnach wären weniger Menschen gestorben, wenn die Londoner Feuerwehr früher bestimmte Maßnahmen ergriffen hätte. Kritisiert wurde insbesondere die Anweisung der Feuerwehr an die Bewohner des Hochhauses, in den Wohnungen zu bleiben, obwohl die Rettungswege zu diesem Zeitpunkt noch frei waren. Die Evakuierung wurde demnach viel zu spät angeordnet.

"Es war nichts weiter als ein gewöhnliches Küchenfeuer", heißt es in dem Bericht. Den Bewohner, in dessen Wohnung das Feuer ausbrach, treffe keine Schuld. Ein elektrischer Defekt am Kühlschrank habe den Brand ausgelöst. Eine neu angebrachte Fassadenverkleidung aus brennbarem Kunststoff sei dann der "Hauptgrund" dafür gewesen, dass die Flammen sich so schnell ausbreiteten. Ein Zwischenbericht hatte im vergangenen Jahr bereits in eine ähnliche Richtung gedeutet.

Die britische Feuerwehrgewerkschaft FBU wies die Vorwürfe gegen die Einsatzkräfte zurück. Es gebe keine Beweise, dass eine frühere Evakuierung des Gebäudes mehr Leben gerettet hätte, teilte FBU-Chef Matt Wrack mit. Die Feuerwehrleute hätten mutig und selbstlos reagiert. "Die wahren Schuldigen sind diejenigen, die das Gebäude mit brennbarem Material ummantelt haben, den britischen Brandschutz ausgeweidet haben, Warnungen durch vorige Brände ignoriert haben und nicht die Bitten einer um ihre Sicherheit besorgten Gemeinschaft erhört haben."

Feuerwehrmann greift Johnson an

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Angehörige der 72 Toten forderten die Entlassung der Londoner Feuerwehrchefin Dany Cotton. Die Spitze der Behörde sei verantwortlich für den Tod zahlreicher Menschen, aber interessiere sich nicht dafür, sagte eine Angehörige. Cotton zeigte Verständnis für die Wut der Angehörigen, wies Rücktrittsforderungen aber zurück.  

Das britische Parlament würdigte die Opfer mit einer Schweigeminute. Premierminister Boris Johnson sagte, der Untersuchungsbericht werde den Hinterbliebenen hoffentlich "ein kleines bisschen Trost" bringen. "Sie haben nach der Wahrheit gefragt, wir haben ihnen die Wahrheit versprochen, wir schulden ihnen die Wahrheit."

Ein Feuerwehrmann, der nach eigenen Angaben selbst bei den Löscharbeiten im Grenfell Tower half, machte Johnson in einem vielgeteilten Tweet jedoch schwere Vorwürfe. "Ein Mann, der zehn Feuerwehrstationen geschlossen, 30 Feuerwehrautos und 500 Feuerwehrleute eingespart hat, trägt keine Schuld", schreibt er. "Aber die Feuerwehr wird in Stücke gerissen und trägt alle Schuld."

Quelle: ntv.de, ftü/dpa/AFP