Panorama

Massive Senkung der Fallzahlen Forscher fordern europaweiten Corona-Plan

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Durch offene Grenzen könne das Virus bei ungleicher Infektionslage immer wieder eingeschleppt werden.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Bislang fahren die europäischen Länder ihre jeweils eigene Strategie zur Bekämpfung des Coronavirus. Doch nahezu überall steigen die Fallzahlen. Wissenschaftler plädieren nun dafür, das Infektionsgeschehen drastisch einzudämmen. Dazu müssten alle an einem Strang ziehen.

In einer Stellungnahme fordern renommierte Forscher aus ganz Europa eine drastische Senkung der Corona-Fallzahlen auf maximal zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner pro Tag. Auf Initiative der Physikerin Viola Piesemann vom Max-Planck-Institut in Göttingen haben sich mehr als 300 Wissenschaftler und Gesundheitsvertreter zusammengeschlossen, um für eine gemeinsame Strategie zu werben, berichtet die "FAZ".

Das im Fachblatt "Lancet" veröffentlichte Manifest plädiert dabei für ein europaweites, koordiniertes Vorgehen. Geringe Fallzahlen in einem einzelnen Land reichen demnach nicht, um das Infektionsgeschehen langfristig einzudämmen. Durch offene Grenzen könne das Virus mit einem "Ping-Pong-Effekt" jederzeit wieder ins Land getragen werden. "Wir müssen dem Virus den Weg abschneiden", so Priesemann. Bislang hätten sich die Maßnahmen der europäischen Nationen in Umfang und Dauer zu sehr unterschieden.

Zahl der Toten lässt sich anders "nicht reduzieren"

Konkret für Deutschland bedeute dies, den aktuellen Lockdown so lange fortzusetzen, bis die täglichen Fallzahlen wieder auf einen dreistelligen Bereich gesunken sind. "Bei so hohen Zahlen wie jetzt lässt sich die Zahl der Toten nicht reduzieren", sagt Priesemann. Ebenso müsse die Ausbreitung des Virus auch in Schulen, auf der Arbeit und im Verkehr effektiv bekämpft werden.

*Datenschutz

Die Vorteile der verringerten Fallzahlen liegen laut den Verfassern auf der Hand. Zum einen gingen die Todeszahlen zurück, zudem seien Arbeitsplätze und Unternehmen gesichert. Ziel müsse es sein, mithilfe von Kontaktverfolgungen eine gewisse Planbarkeit zurückzuerlangen. Die Forderung einer Herdenimmunität dagegen hält die Politikwissenschaftlerin und Mitunterzeichnerin Barbara Prainsack für gescheitert: "Es muss aufgehört werden, diesem Phänomen nachzujagen, wir sollten nicht mal mehr darüber sprechen", zitiert die "FAZ".

"Null-Covid"-Strategie

Ein Problem sei, dass Deutschland und viele andere Länder zu lange versucht hätten, sich mit dem Virus zu arrangieren, heißt es im "Spiegel". Die Folgen des Teil-Lockdowns sind nun sichtbar: Krankenhäuser stehen vor der Kapazitätsgrenze und regional kommt es immer wieder zu Verschärfungen. Länder wie China oder Australien hätten dagegen mit einer "Null-Covid"-Strategie das öffentliche Leben in weiten Teilen wiederherstellen können.

Um die Infektionszahlen über eine lange Zeit zu drücken, brauche es eine "Überwachungsstrategie" mit flächendeckenden, regelmäßigen Tests. Auch wenn ein Lockdown ab einem gewissen Zeitpunkt womöglich nicht mehr notwendig sei, müssen die Hygieneregeln noch lange aufrechterhalten werden, schreiben die Forscher. Mit einer "gemeinsamen Vision" könne man aber durch zunächst harte Maßnahmen wieder deutliche Freiheiten gewinnen.

Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem die deutschen Virologen Christian Drosten, Sandra Ciesek und Melanie Brinkmann. Auch der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, der sich bei Positionspapieren bislang bedeckt gehalten hat, gehört dazu.

Quelle: ntv.de, mdi