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Sheriff über Covid-19-Behandlung "Frage zwischen Leben und Tod von Lungenzellen"

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Wenn bestimmte Entzündungsreaktionen des Körpers unterbunden werden, erhöht sich die Überlebenschance von Covid-19-Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf.

(Foto: dpa)

Mit seinem Unternehmen hat Biochemiker Ahmed Sheriff ein Verfahren entwickelt, das auch bei der Behandlung von Covid-19-Patienten helfen kann. Doch in Deutschland wird es kaum angewandt. Es fehlt eine klinische Studie. Der Mediziner erklärt im Gespräch mit ntv, dass vor allem Forschungsgelder fehlen: "Das ist dumm."

ntv: Dr. Sheriff, Sie haben ein Verfahren entwickelt, das sich CRP-Apherese nennt. Damit können schwere Covid-19-Verläufe verhindert werden. Wie funktioniert das?

Ahmed Sheriff: Das ist ein Blutwäscheverfahren, ähnlich wie bei der Dialyse. Das funktioniert, indem wir ein Molekül der Entzündungskette entfernen: Eines, das dafür verantwortlich ist, dass Zellen, die unter Sauerstoffarmut geraten, entsorgt werden. Und bei Covid ist es die Lunge, die voller Wasser läuft und - das kennt man ja von Ertrinkenden - dann kommt kein Sauerstoff mehr in den Körper. In diesem Falle kommt der Sauerstoff nicht in die Lungenzellen und das bedeutet letztendlich das Todesurteil für diese Zellen. Wenn man das Molekül entfernt, das CRP, dann können die Lungenzellen länger aushalten und so lange durchhalten, bis wieder Sauerstoff dort ankommt. Dann regenerieren sich die Zellen und überleben. Das ist also im Grunde die Frage zwischen Leben und Tod von Lungenzellen, die entschieden wird.

Das heißt, man muss es aber zu einem sehr frühen Zeitpunkt erkennen. Wie passiert das?

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Ahmed Sheriff ist Biochemiker und Geschäftsführer des Unternehmens Pentracor.

(Foto: ntv)

Das wird auch inzwischen vom RKI (Robert-Koch-Institut, Anm. der Red.) so in den Leitlinien beschrieben. An der Menge dieses Proteins wird letztendlich bestimmt, ob der Patient einen schweren Verlauf nehmen wird oder nicht. Und beim dramatischen Anstieg von CRP weiß man, man muss eingreifen.

Das heißt man erkennt am schnellen Anstieg dieses C-reaktiven Proteins, ob ein schwerer Covid-19-Verlauf bevorsteht? Sie testen dieses Verfahren schon an einigen Kliniken: Wie ist da die Erfolgsbilanz bisher?

Wir würden das Verfahren jetzt in einer klinischen Studie testen. Doch die konnten wir nicht machen. Wir sind nur ein kleines Unternehmen und konnten uns die dummerweise nicht leisten. Sonst hätten wir schon vor über einem Jahr damit angefangen, als wir Anfang 2020 entdeckten, dass unser Molekül wahrscheinlich das eigentliche Problem bei Covid-19 ist. Das war uns nicht vergönnt. Deswegen beginnt es erst jetzt langsam, dass einige Kliniken, die Erfahrungen damit gesammelt haben, sukzessive ihre gesamten Covid-Patienten so behandeln, weil sie sehen, dass die Betroffenen relativ schnell wieder fit werden und dann auch die Intensivstation recht bald wieder verlassen können. Das hängt natürlich davon ab, dass sie recht schnell nach Beginn der Beatmung oder am besten kurz vor der Beatmung schon behandelt werden.

Also die CRP-Apherese, dieses Blutwäscheverfahren, scheint zu funktionieren. Sie haben es schon angedeutet, Sie können keine Studie machen. Erklären Sie mal, warum.

Das bedeutet im Grunde, dass man ein paar Millionen Euro investieren muss. Für uns als wirklich kleines Unternehmen, das sich immer wieder Geld borgt am Markt, war das nicht drin. Also am Anfang letzten Jahres schon mal gleich gar nicht, weil wir da doch nur sehr beschränkte Geldmengen zur Verfügung hatten. Das hat sich ein bisschen gebessert in der Mitte des Jahres, aber nicht so, dass wir jetzt aus eigenem Antrieb so eine Studie finanzieren könnten.

Jetzt haben aber Gesundheitsminister Jens Spahn und Forschungsministerin Anja Karliczek große Förderprogramme ausgerufen. Warum können Sie da nicht partizipieren?

Ja, das ist sehr löblich, aber da steht oben drüber schon in der Überschrift, dass es nur um Medikamente geht und nicht um Medizinprodukte. Unser Therapeutikum ist ein Medizinprodukt und das ist damit ausgeschlossen. Also alles, auch Dialyse-Stents, Katheter eigentlich, das sind alles Medizinprodukte. Die gehen nicht. Nur, was in den Körper injiziert wird oder geschluckt werden kann, ist da bedacht worden.

Das heißt, Sie haben ein Verfahren, das wirkt und helfen kann, schwere Covid-19-Verläufe zu verhindern, dass sie sich gar nicht erst entwickeln können? Sie können es nicht anwenden, weil Sie nicht in die richtige Kategorie des Förderprogramms fallen? Welche Chancen vergeben wir uns da?

Naja, also im Grunde sind alle, die mit Medizinprodukten hantieren, bei den letzten beiden Förderaufrufen ausgeschlossen worden. Es gab schon mal einen im Januar, der auch nur für Medikamente war. Das grenzt man jetzt alles aus. Das ist natürlich nicht nur sinnvoll, weil auch viele Therapeutika auf Medizinprodukte-Basis laufen. Ich hatte schon einige erwähnt, die sehr, sehr wichtig sind in der intensivmedizinischen Versorgung und ja, das ist dumm. Sonst würden wir natürlich dort sofort eine Förderung beantragen.

Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass Sie Ihr Verfahren noch zulassen können? Dass es da noch Fördermittel geben wird und vor allem, dass auch noch Covid-Patienten davon profitieren?

Im Grunde beruht es so ein bisschen auf der Eigeninitiative von den Kliniken. Das Wort "zulassen" ist nicht ganz richtig. Unser Produkt ist zugelassen, und zwar auch für Covid-19. Weil es immer dann für die Entfernung von CRP zugelassen ist, wenn es angesagt ist. Der Arzt darf das verwenden. Er muss den Patienten natürlich aufklären oder aber die Verwandten, wenn der Patient nicht mehr ansprechbar ist. Und dann darf man das komplett legal verwenden. Die Sicherheit auch in diesen Indikationen ist gewährleistet. Das ist alles schon vorweg bestimmt worden, weil nämlich diese extrakorporalen Produkte, wie Dialyse oder andere Absorber, sind alle sicher. Weil wir nur etwas aus dem Körper herausnehmen, aber nichts hereinstecken. Das heißt, wir verursachen praktisch keine Nebenwirkungen.

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Welchen Unterschied würde dann eine Studie machen, die Sie gefördert bekommen?

Die würde die Akzeptanz dramatisch erhöhen, wenn sie positiv ausfällt. Das muss man immer wieder sagen. Wir sind aus der Wissenschaft getrieben. Wir haben uns aus der Charité heraus gegründet und hängen dementsprechend auch sehr an klinischen Studien und wollen Daten sehen. Das möchten die Ärzte auch. Die können wir nicht vorweisen und das ist schade. Da verstehe ich den Punkt, wenn der Arzt sagt, er braucht klinische Daten, um entscheiden zu können, ob er das anwenden möchte. Die konnten wir leider nicht generieren.

Mit Ahmed Sheriff sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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