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Wo beginnt Sexismus und was kann man dagegen tun?
Wo beginnt Sexismus und was kann man dagegen tun?(Foto: imago/Westend61)
Sonntag, 23. Juli 2017

Typisch Mann, typisch Frau: "Frauen sind auch sexistisch"

"Blondinen können nicht einparken" und "Männer wollen immer nur saufen": Wer Vorurteile bestärkt, handelt sexistisch. In welchen Bereichen ist Sexismus besonders verbreitet und sind Frauen eigentlich genauso sexistisch wie Männer?

"Sie können ein Dirndl auch ausfüllen", witzelte der FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle vor drei Jahren gegenüber einer Journalistin – und löste damit eine Debatte über die Diskriminierung von Frauen in Politik und Öffentlichkeit aus. Vor wenigen Tagen will Donald Trump Brigitte Macron ein Kompliment machen. Vermutlich. Größere Teile der Welt werfen ihm dafür Sexismus vor. Doch was genau ist Sexismus – und wie tritt er in Erscheinung? Die Psychologin Laura Saldarriaga ist Sexismus-Forscherin an der Uni Bielefeld und wurde schon als "Feminazi" beschimpft.

n-tv.de: Was genau ist Sexismus?

Laura Saldarriaga: Es sind Stereotype, Vorurteile und Verhaltensweisen, die einem Menschen allein auf Grund seines Geschlechts entgegengebracht werden. Das kann sich im Prinzip sowohl gegen Männer oder Frauen richten. Stereotype sind erstmal Einstellungen ohne Wertungen, wie zum Beispiel Frauen sind zärtlich und Männer können nicht über Gefühle reden. Einstellungen mit Wertungen, wie etwa "Frauen sind zärtlich und es ist gut" oder "Frauen sind schwach und es ist schlecht" werden Vorurteile genannt. Dies führt wiederum zu entsprechenden Verhaltensweisen, die auch als Diskriminierung bezeichnet werden.

Warum werden meistens Frauen benachteiligt?

In unserer Gesellschaft gibt es patriarchale Strukturen, die historisch bedingt sind. Männer hatten schon immer die Macht. Innerhalb dieser patriarchalen Struktur haben sich bestimmte Denkweisen entwickelt, die dazu dienen, die Ungleichheiten zu unterstützen und aufrechtzuerhalten. Für die Männer ist es ja wünschenswert, ihre Machtposition nicht zu verlieren.

Ein Zitat von Ihnen lautet aber: "Frauen sind genauso sexistisch wie Männer".

Laura Saldarriage kommt ursprünglich aus Kolumbien. Dort erlebt man ganz andere Kommentare von Männern als in Deutschland, sagt die Sexismus-Forscherin.
Laura Saldarriage kommt ursprünglich aus Kolumbien. Dort erlebt man ganz andere Kommentare von Männern als in Deutschland, sagt die Sexismus-Forscherin.

Wenn man über Sexismus redet, muss man wissen, dass es verschiedene Facetten gibt. Bei dem Zitat habe ich mich auf den wohlwollenden - in der Fachsprache bekannt als benevolenten - Sexismus bezogen. Benevolent sexistisch sind die Einstellungen, die erst einmal nicht negativ erscheinen. Frauen werden als zärtlich oder als hilfsbedürftig dargestellt. "Lass mich das mal machen, du als Frau brauchst dich damit doch nicht herumzuschlagen", heißt es dann beispielsweise. Der feindselige - hostile - Sexismus drückt sich dagegen in negativen Einstellungen aus. Er bedient meist Klischees, die von Männern als bedrohlich wahrgenommen werden, etwa das der Feministin oder der Karrierefrau. Da heißt es dann: "Frauen sind dumm und können kein Mathe." Diese Unterscheidung gilt auch für sexistische Einstellungen gegenüber Männern.

Das heißt, der wohlmeinende Sexismus ist bei Frauen ähnlich stark ausgeprägt wie bei Männern?

Ja. In Untersuchungen haben wir herausgefunden, dass Frauen fast genauso viele sexistische Einstellungen wie Männer haben. Auch sie glauben, dass Frauen inkompetenter und schwächer sind, besser lesen und schlechter rechnen können. Auch sie erwarten bestimmte Verhaltensweisen von den Geschlechtern und verhalten sich deshalb diskriminierend. Und für viele Frauen ist es wichtig, Hausfrau zu sein oder von Männern beschützt zu werden.

2013 Jahren sorgte der FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle mit seiner Aussage "Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen" für einen Aufschrei, vor ein paar Tagen musste sich Donald Trump Sexismus-Vorwürfe anhören, als er Brigitte Macron mit dem Satz ansprach: "Wissen Sie, Sie sind gut in Form". Viele Männer beklagen sich, dass sie sich vor lauter politischer Korrektheit gar nicht mehr trauen, etwas zu sagen. Darf ein Mann einer Frau denn jetzt nicht mal mehr Komplimente machen?

Ich habe persönlich damit ein Problem, weil Frauen aufgrund ihrer Attraktivität und nicht wegen anderer Eigenschaften Komplimente bekommen. Kaum jemand sagt einer Frau, dass sie kompetent oder intelligent ist. Doch in den Arbeitskontext gehören einfach keine Komplimente wie "Du bist aber hübsch", weil es eben nichts mit meiner Arbeit zu tun hat. Ich möchte nicht nur als hübsches Mädchen angesehen werden, sondern als erwachsene, kompetente und selbstbewusste Frau. Ich möchte wegen meiner Leistung und Kompetenz wahrgenommen werden und nicht als Objekt, das aufgrund seiner Attraktivität bewertet wird. Aber da ist jede Frau anders. Es gibt natürlich auch Frauen, die sich über ihr Äußeres identifizieren - einfach weil sie es von klein auf so gewohnt sind. Weil sie bereits in ihrer Kindheit nur gehört haben: Du bist so hübsch, kleine Prinzessin. Zu Jungs dagegen wurde gesagt: Du bist so stark, intelligent oder mutig.

Es gibt viele Frauen, die sich selbst als Feministin sehen, die davon überzeugt sind, dass Männer und Frauen politisch, ökonomisch und sozial gleichberechtigt behandelt werden sollen, die es aber auch mögen, bei einem Date abgeholt, zum Essen eingeladen und umworben zu werden. 

Das sind traditionelle Geschlechterrollen. Viele Frauen sind so aufgewachsen, die Eltern haben das so vorgelebt - der Mann bezahlt, die Frau kocht und so weiter. Sie empfinden das als richtig, wenn der Mann zahlt. Aber das alles trägt eben auch dazu bei, dass Frauen nicht als erwachsene und kompetente Frauen wahrgenommen werden. Für mich ist es egal, wer bezahlt - es muss ein Gleichgewicht sein. Mal zahlt der Mann, mal die Frau. 

Ein häufiges Problem ist die Zwickmühle, in die Frauen schnell kommen, wenn sie Sexismus begegnen: Sprechen sie es an, gelten sie als zickig oder humorlos; gehen sie darüber hinweg, erscheint das oft als stillschweigende Zustimmung. Wie kommt man aus dem Dilemma raus?

Wenn mich etwas stört, dann spreche ich das direkt an. Wenn es zum Beispiel ein Kompliment ist, bedanke ich mich erst einmal höflich, sage dann aber auch ganz klar, dass ich es unpassend empfinde. Das es mir nicht wichtig ist, zu wissen, dass ich attraktiv bin. Meistens reagieren die Männer dann auch nicht sauer, manche entschuldigen sich, andere machen sich lustig und nennen mich auch schon mal Feminazi.

Feminazi?

Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema Sexismus zu beschäftigen, habe ich oft mit Bekannten darüber diskutiert. Einige fanden meine Einstellungen zu radikal. Sie fragten, warum es mich stören würde, wenn mich jemand auf einen Drink einlade. Wenn ich heute merke, dass diese Personen unbelehrbar sind, dann lasse ich mich gar nicht mehr auf eine Diskussion ein. Ich denke, dass man viel mit seinem eigenen Verhalten beeinflussen kann. Wenn man Männer und Frauen gleich behandelt, ob beim Tür aufhalten, Tasche tragen oder Drink ausgeben, dann färbt das immer auch ein wenig auf das Umfeld ab. 

Wann haben Sie das letzte Mal Sexismus erlebt?

Alltagssexismus erlebe ich eigentlich jeden Tag. Aber etwas Krasseres ist mir letzte Woche passiert. Da waren hier die Wahlen zum Studentenparlament - da hat eine politische Gruppierung versucht, ein Café, das nur für Frauen zugänglich ist, zu schließen. Ihr Argument lautete, es sei männerfeindlich.

Gibt es Bereiche, in denen Sexismus besonders verbreitet ist?

Für Frauen ist es besonders schwer, eine Führungsposition zu bekommen - besonders in der privaten Wirtschaft. Männerfeindlich hingegen ist der Beruf des Erziehers. Einerseits gibt es Vorurteile, das Männer, die das machen, pädophil oder homosexuell sind. Und Kindergärten wollen Männer, weil sie glauben, dass Kinder männliche Vorbilder brauchen. Letztlich ist das auch wieder sexistisch. Nicht sexistisch wäre es, wenn Männer und Frauen die gleichen Aufgaben hätten, die nur individuell variieren. Aber für vieles ist unsere Gesellschaft noch nicht bereit. 

Wie beurteilen Sie abschließend die Lage des Sexismus in Deutschland? Ist Sexismus heute zwar anders als früher, aber nicht unbedingt seltener?

Die Lage hier in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern nicht so schlecht. Ich glaube, heute gibt es mildere Formen des Sexismus. Du kannst ja nicht arbeiten, weil du eine Frau bist, hört man heute selten. Aber sexistische Witze sind zum Beispiel immer noch allgemein gesellschaftlich akzeptiert.

Mit Laura Saldarriaga sprach Diana Sierpinski

Quelle: n-tv.de