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"So sicher wie ein Kirchentag" Fusion-Festival startet nach Streit mit Polizei

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Das Festivalprogramm beginnt erst am Donnerstag, viele Besucher reisen aber schon einen Tag früher an.

(Foto: dpa )

Lange steht die Fusion auf der Kippe, weil das Sicherheitskonzept des Festivals nicht genehmigt wird - und die Polizei auf dem Gelände erstmals dauerhaft Präsenz zeigen will. Dazu wird es wohl nicht kommen. Die Besucher werden sich trotzdem mit Kontrolle und Überwachung auseinandersetzen.

Monatelang wurde über das Sicherheitskonzept diskutiert, jetzt startet in Lärz in Mecklenburg-Vorpommern das Fusion-Festival. 70.000 Besucher werden bis zum 30. Juni in der kleinen Gemeinde im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte erwartet. Am Eingang zum Festivalgelände treffen sie dort auf eine Polizeiwache - deren Beamte das Gelände allerdings nur anlassbezogen betreten dürfen. "Wir haben einen freundlichen und konstruktiven Austausch", sagte Linus Neumann vom Veranstalter Kulturkosmos Müritz.

Vergessen ist der vor rund einem Monat beigelegte Streit zwischen Veranstalter und Polizei um die Polizeipräsenz auf dem Festival aber nicht. Polizei, Überwachung und Kontrolle werden zum "künstlerischen und inhaltlichen Motto der diesjährigen Fusion", schrieben die Veranstalter Ende Mai in einem Newsletter. Auf dem Programm stehen Vorträge mit den Titeln "Schöne neue Polizeigesetze" und "Drogen und Verkehrssicherheit". Auch der Konflikt um das Einsatzkonzept wird in dem Talk "#fusionbleibt" aufgearbeitet. 

Anfang Mai war der bereits seit November lodernde Streit zwischen Polizei und Kulturkosmos öffentlich geworden. Nach 22 Jahren Fusion hatte Neubrandenburgs Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch erstmals eine Wache und anlasslose Streifen auf dem 100 Hektar großen privaten Festivalgelände gefordert. Die Polizei verwies auf eine neue Versammlungsstättenverordnung, die seit 2018 in Mecklenburg-Vorpommern gilt.

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Die Besucher wollen auf der Fusion "vier Tage Ferienkommunismus feiern" - ohne Bobachtung durch die Polizei.

(Foto: imago)

Nach der Loveparade-Katastrophe in Duisburg 2010 und dem Terroranschlag an der Berliner Gedächtniskirche 2016 werde Sicherheit bei Großveranstaltungen anders gesehen. Bei anderen Festivals wie dem Hurricane in Niedersachsen mit vergleichbaren Besucherzahlen gehören mobile Polizeiwachen und Streifen auf dem Gelände seit vielen Jahren dazu. die Veranstalter der Fusion argumentierten jedoch, die ständige Polizeipräsenz passe nicht zum Festival:  "Unsere Gäste haben den ganz klaren Wunsch nach Privatsphäre", sagte Neumann.

Anwohner demonstrierten für "ihre" Fusion

Das alternative, nicht-kommerzielle Festival verspricht "vier Tage Ferienkommunismus" mit Musik, Theater, Kino, Performance, Installationen und vegetarischer Kost. Es gibt keine Sponsoren und keine Werbung. Vielmehr will die Fusion eine Parallelgesellschaft schaffen; eine Flucht aus dem Alltag sein und zeigen, wie eine bessere Welt aussehen könnte. Und zu diesem Konzept gehöre auch die Eigenverantwortung: Das Festival sei "so sicher und friedlich wie ein Kirchentag", weil man aufeinander Acht gebe, schreiben die Veranstalter auf ihrer Website.

Für Spannungen hatte ein vorläufiger Einsatzplan vom März gesorgt, in dem laut einem Bericht von "Zeit Online" etwa 100 Beamte rund um die Uhr im Schichtdienst auf dem Gelände unterwegs sein sollten. Zudem sei vorgesehen gewesen, Räumpanzer und Wasserwerfer bereitzustellen. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier von der CDU verteidigte die Suche nach neuen Einsatzkonzepten zunächst: "Was man 20 Mal falsch gemacht hätte - möglicherweise - muss man nicht ein 21. Mal falsch machen", sagte er. Einige Wochen darauf versprach er jedoch, dass die Fusion nicht an der Polizei scheitern werde.

Der Clinch ums Sicherheitskonzept schlug hohe Wellen: Rund 138.000 Menschen unterzeichneten eine Petition, die sich gegen anlasslose Polizeipräsenz auf friedlichen Kulturveranstaltungen aussprach. In Lärz demonstrierten Einwohner für "ihre" Fusion. Die Polizei habe ein fiktives Bedrohungsszenario aufgebaut, sagte der Bürgermeister des Ortes, Hartmut Lehmann. Auch die "Tatort"-Schauspielerin Meret Becker setzte sich für die Veranstaltung ein: "Ich habe selten so viele friedfertige Menschen erlebt wie bei der Fusion."

Die Polizei beginnt schon vor Festivalbeginn mit Verkehrskontrollen an den Zufahrtswegen. Neben der Fahrtüchtigkeit der Fahrer wird besonders auf möglichen Drogenhandel hin kontrolliert. Wie viele Beamten in diesem Jahr im Einsatz sind, wollte die zuständige Polizeibehörde nicht sagen. Es seien aber weniger als die in dem alten Sicherheitskonzept diskutierten 1000 Polizisten.

Quelle: n-tv.de, ftü/dpa

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