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Nach Untergang der "Estonia" Gericht entlastet Meyer Werft nach 25 Jahren

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Der Untergang der "Estonia" vor 25 Jahren gilt als größte zivile Schiffskatastrophe seit die Titanic sank.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Jahr 1994 sinkt die Fähre "Estonia" in der Ostsee. Bei dem Unglück sterben 852 Menschen. Nun weisen Richter eine Klage gegen die Meyer Werft ab. Opfer-Angehörige und Überlebende hatten Schadenersatz gefordert - es ging um über 40 Millionen Euro.

Fast 25 Jahre nach dem Untergang der Ostseefähre "Estonia" mit 852 Toten hat ein Gericht die deutsche Meyer Werft entlastet: Die Richter in Nanterre bei Paris wiesen Schadenersatzklagen gegen die Werft in Millionenhöhe ab. Auch eine Schuld der französischen Schiffs-Prüfgesellschaft Bureau Veritas lässt sich demnach nicht nachweisen. Das Verfahren zog sich jahrelang durch die Instanzen.

Das Schiff war Anfang der 1980er Jahre bei der Meyer Werft in Papenburg vom Stapel gelaufen, das Bureau Veritas hatte es als seetüchtig eingestuft. Die mehr als 1000 Kläger - darunter Überlebende und Hinterbliebene der Opfer - hatten mehr als 40 Millionen Euro verlangt. Nach Ansicht des Gerichts in Nanterre hätten die Kläger kein grobes oder vorsätzliches Fehlverhalten der französischen Prüfungsstelle Bureau Veritas und der Papenburger Schiffsbauwerft nachweisen können.

Der Untergang der "Estonia" gilt als die größte zivile Schiffskatastrophe, seit die "Titanic" im Jahr 1912 nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg sank. Die Ostseefähre mit 989 Menschen an Bord war in der Nacht zum 28. September 1994 bei der Überfahrt von Tallinn nach Stockholm bei stürmischer See vor der Südküste Finnlands gesunken. Die Schuldfrage für das Unglück ist nie endgültig geklärt worden. Eine Untersuchung ergab Konstruktionsmängel an der Bugklappe, die bei dem Unglück abriss. Die Meyer Werft und die Schiffsprüfer hatten eine Mitverantwortung bestritten.

Todesangst und psychische Probleme

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Eine Untersuchung hatte ergeben, dass die Schließvorrichtungen der Bugklappe zu schwach waren.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Klägeranwalt Francois Lombrez nannte das Urteil "hart" und "sehr enttäuschend". Er schloss Rechtsmittel gegen die Entscheidung nicht aus. Die Kläger sollen nach dem Urteil auch insgesamt gut 100.000 Euro Gerichtskosten für die Meyer Werft und das Bureau Veritas tragen. Die 1116 Kläger hatten für immaterielle Schäden insgesamt 40,8 Millionen Euro gefordert. Die Überlebenden machten unter anderem Todesangst und andere psychische Probleme geltend. "Dieses Schiff war nicht fahrtüchtig", sagte einer der Anwälte der Kläger bei der zweitägigen Gerichtsverhandlung im April. "Aber niemand hat seine Arbeit gemacht."

Die internationale Untersuchung im Jahr 1997 hatte ergeben, dass die Schließvorrichtungen der Bugklappe zu schwach waren. Deshalb riss die Klappe während der Fahrt der "Estonia" bei hohem Wellengang ab, wodurch Wasser über die Fahrzeug-Bugrampe rasch ins Innere dringen konnte. Das Schiff sank innerhalb einer halben Stunde.

Die damalige schwedisch-estnische Reederei EstLine zahlte nach dem Unglück 130 Millionen Euro Entschädigung. Die gut 130 Überlebenden und Angehörige der Opfer pochten aber auf weitere Aufklärung und Wiedergutmachung für psychische Schäden.

Schon in den Jahren nach dem Untergang strengten sie Zivilklagen gegen die Meyer Werft an, die die "Estonia" gebaut hatte. Dabei ging es auch um eine Mitschuld des französischen "Schiffs-Tüvs" Bureau Veritas, der die Fähre als seetüchtig eingestuft hatte. Der Gang durch die französischen Instanzen dauerte mehr als 20 Jahre. Das Verfahren fand nun im Pariser Vorort Nanterre statt, da das Bureau Veritas dort seinen Sitz hat.

Verschwörungstheorien über mögliche Explosion

Die "Estonia" liegt rund hundert Kilometer vor der finnischen Küste in 85 Meter Tiefe auf Grund. Die skandinavischen Behörden verweigerten sich einer Bergung der Fähre, die eine genauere Untersuchung ermöglicht hätte. Tauchgänge zur Fähre sind bis heute verboten.

Dies gab zahlreichen Verschwörungstheorien Nahrung. Unter anderem wurde über eine mögliche Explosion an Bord spekuliert. Schweden räumte ein, dass auf der Fähre im Jahr 1994 zwei Mal militärische Ausrüstung aus Russland transportiert worden war. Ermittler in Estland wiesen die Hypothese einer Explosion jedoch zurück.

Quelle: n-tv.de, aeh/AFP/dpa

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