"Verzaubert und verstört uns"Helmut & June Newton - wild, modern, in neuer Dimension
Ein Interview von Sabine Oelmann
Vieles ist neu, aber einiges bleibt auch, wie es war, denn es war gut. Die Wechselausstellungen im ersten Stock kontextualisieren wie gewohnt zweimal im Jahr - mal als Einzel-, mal als Gruppenausstellung - das Werk von Helmut Newton und Alice Springs, so der Künstlername von June Newton, immer wieder aufs Neue. Neu ist der Filmraum, in dem der Kurzfilm "Intermezzo" in einer Endlosschleife mit acht Videobeamern an die Wände projiziert wird. Matthias Harder, Kurator, Direktor und Herz der Newton-Foundation, erzählt im Gespräch mit ntv.de, warum die Newtons noch immer so modern und sehenswert sind.
ntv.de: Für wen ist "Intermezzo - Revisiting Helmut Newton" vor allem konzipiert? Für neue Besucher? Jüngeres Publikum?
Matthias Harder: Für jeden, der sich für das Werk und die Person Helmut Newton interessiert, ist "Intermezzo" gedacht, unabhängig vom Alter. Das gilt für alle Wechselausstellungen Newtons und auch für diese radikal überarbeitete Dauerausstellung, die aber bewusst als eine Art Zwischenschritt angelegt ist. Auch die neue, in knapp zwei Jahren folgende Dauerausstellung wird nicht statisch sein, sondern in einem ständigen Wandel immer wieder andere Archivalien präsentieren.
Was entdecken die, die die Newton-Foundation schon gut kennen?
In der riesigen Filminstallation begegnet uns Newton mit seinem Werk auf ungewöhnliche Weise, in einigen Filmschnipseln spricht er selbst, in anderen sehen wir seine ikonische Fotografie, aber auch unbekannte Bildmotive. Wir hören und sehen neue Interviews mit einem Dutzend Wegbegleitern, die zuvor nur an einem anderen Ort gezeigt wurden, nämlich vor zwei Jahren in A Coruña, im Rahmen einer großen Retrospektive in der MOP-Foundation. Dafür ist der Film entstanden, in Kollaboration mit dem Martin Salvador Studio, und nun können wir ihn auch in Berlin zeigen. Die Besucher und Besucherinnen werden den 15-Minuten-Film lieben, der als Loop von morgens bis abends als Endlosschleife läuft. Sie werden ihn sich, da bin ich sicher, sogar mehrfach anschauen.
Was ist Ihnen als langjähriger Kurator und Direktor des Hauses besonders "lieb und teuer" an dem neuen Konzept?
Wir haben nun endlich auch zwei ausführliche Biografien unserer Stiftungsgründer an die Wand gebracht, in Verbindung mit drei legendären Porträts - Helmut fotografierte June und umgekehrt June alias Alice Springs auch Helmut; es sind Ausschnitte aus dem gemeinsamen Projekt "Us and Them". So können sich alle Besucher und Besucherinnen, die die beiden nicht so gut kennen, auch mit ihrer bewegten Lebensgeschichte beschäftigen. Weiterhin ist Alice Springs in dieser neuen Präsentation endlich auch auf der großen Plakatwand vertreten, ebenso in der langen Vitrine darunter, mit ausgewählten Magazinveröffentlichungen ihres großartigen fotografischen Werkes. Gegenüber, und das war schon lange ein besonderer Wunsch von mir, beginnen wir mit einer neuen kuratorischen Idee: "Spotlight: Behind the Frame". In diesem Format beleuchten wir jeweils ein einzelnes Werk von Helmut und June, seine Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte, mit den entsprechenden Vorstudien oder Kontaktabzügen sowie Magazinveröffentlichungen respektive vergleichbaren Bildmotiven, die drumherum entstanden. Wir öffnen so exemplarisch unser Archiv.
Wird das Gebäude, die Ausstellung, den beiden Newtons nun gerecht? Der Name ist ja nicht mehr Helmut-Newton-, sondern Newton-Foundation, um auch June ebenbürtig zu behandeln.
Helmut Newton hatte Anfang der 2000er Jahre in einem kleinen Notizbuch notiert, dass die in Berlin zu gründende Stiftung nicht nur seinen Namen, sondern auch denjenigen von Alice Springs tragen sollte. Das wurde bei der Gründung im Herbst 2003 wieder verworfen, und auch June selbst, bescheiden wie sie war, wollte davon später nichts mehr wissen. Ich finde die jetzige Verkürzung des Institutionsnamens insofern sehr passend, da sich nun beide gleichberechtigt unter dem Dach der Newton-Foundation befinden. Tatsächlich ist nach dem Tod von June Newton das gesamte Archiv, inklusive der Negative, Dias, der Bibliothek und aller Archivalien beider Fotografen aus Monaco nach Berlin überführt worden - und wir halten und verwalten als Alleinerbe auch das Copyright am Werk der beiden.
Warum sind die Newtons auch aus heutiger Sicht so modern, aus der Fotografie-Szene nicht wegzudenken?
Zusammen waren sie ein wirklich außergewöhnliches Künstlerpaar, das es in dieser Form nur selten in der Kunstgeschichte gab. Sie lebten ein ziemlich modernes Leben, umgaben sich mit zeitgenössischen Designobjekten, die später zu Klassikern wurden. Insbesondere in Helmut Newtons Werk fasziniert bis heute das Autonom-Freigeistige und die Zeitlosigkeit seiner Bildentwürfe, seien sie in den 1970ern oder 1990ern aufgenommen. Viele seiner späteren Werke könnten sogar heute noch in den aktuellen Modemagazinen gedruckt werden, ohne dass sie verstaubt wirkten. Beide schufen ein prägendes Werk, das von der nachfolgenden Generation mal subtil weiterentwickelt, mal frech kopiert wurde. Sie sind fester Bestandteil unseres kollektiven Bildgedächtnisses, Helmut Newton mit ein paar Bildmotiven mehr.
Was lernen wir von diesen Fotografien, aus diesen teils sehr wilden Zeiten?
Bereits mit Blick in die lange Vitrine in der neuen Ausstellung mit den chronologisch angeordneten Magazinen und darin veröffentlichten Aufnahmen von Helmut Newton und Alice Springs lernen wir eine ganze Menge: Über die rasante Entwicklung des Zeitgeistes von den späten 1950er Jahren bis 2004, als Newton starb, über die Entwicklung der Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft sowie über den sich radikal wandelnden fotografischen und typografischen Stil in jenen Jahren. Die Zeiten waren irgendwie immer etwas wild, die 1960er anders als die 1970er und die 1980er. Und die Newtons waren immer mittendrin.
Warum brauchen wir Newton noch immer?
Helmut Newton ist der wohl meistpublizierte Fotograf des 20. Jahrhunderts. Er erreichte bereits vor den ersten eigenen Büchern und Ausstellungen in den 1970ern ein Millionenpublikum - und war entsprechend berühmt und berüchtigt. Und im hohen Alter war Newton so visionär, eine eigene Stiftung in seiner Heimatstadt zu gründen, die wir dann in den folgenden 20 Jahren national und international etabliert haben. Die Newton-Foundation ist bis heute eine weltweit einmalige Institution, die weiterhin sehr gut besucht ist, ebenso die Ausstellungen, die wir von hier aus auf die Reise schicken, begleitet von Buchpublikationen in teilweise sehr hohen Auflagen. Wie man sieht, ist Newtons Werk noch immer von hoher Relevanz. Er verzaubert und verstört uns alle mit seiner unvergleichlichen Fotografie noch immer, selbst posthum.
Mit Matthias Harder sprach Sabine Oelmann