Panorama

"Halbseidene Hausfrauen"Vom Nazi-Puff in die Bundeskunsthalle

10.01.2026, 18:21 Uhr 17A119C6-1D71-418A-B7BE-7A88F701AADE-1Von Peter Littger
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Helmut Newtons Fotografie von Muse Jenny Capitain 1977 im "Pärchenzimmer" der "Pension Florian". Zuletzt erschien sie 2024 im Bildband "Berlin, Berlin", TASCHEN Verlag, Köln. (Foto: Helmut Newton, Taschen)

Im Berliner Bordell "Salon Kitty" verkehrten Nationalsozialisten nicht nur - sie spionierten dort auch und wurden selbst ausspioniert. Nun ist ein verschollenes Gemälde der Besitzerin Kitty Schmidt aufgetaucht. Sehen kann man es in einer großen Ausstellung über Sexarbeit, die im April in Bonn eröffnet.

Mit sichtbarem Stolz posiert sie - und hat doch ein zartes, zerbrechliches Gesicht: Ihre Lippen kindlich schmal, die Brust geschwollen wie die einer Kriegerin. Ihr eisiger Blick strahlt vor einem dunklen, warmen Hintergrund. Das beinahe lebensgroße Porträt von Katharina Schmidt-Zammit, das mehrere Jahrzehnte als verschollen galt und 2025 in Berlin-Spandau aufgetaucht ist, offenbart Widersprüche und Geheimnisse – die Macht und die Ohnmacht der in Öl dargestellten, legendären Madame. Der im Dezember just verstorbene Filmemacher Rosa von Praunheim hatte Schmidts Freudenhaus, das als "Salon Kitty" in die Geschichte eingegangen ist, so plump wie zutreffend als "Nazi-Puff" bezeichnet. Katharina "Kitty" Schmidt war im Berlin der Kriegsjahre eine einflussreiche und wohl auch respektierte Gastgeberin, und zugleich war sie das, was abschätzig "Puffmutter" genannt wird: eine Frau, die ihren Körper und vor allem die Körper vieler anderer, meist jüngerer, verkauft - und verkaufen muss.

"h.w.G"

Genau das ist ab dem 2. April Thema in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland: Sexarbeit im Laufe der Geschichte - entwickelt von der Kuratorin Johanna Adam, zusammen mit erfahrenen Menschen, sogenannten Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern. Kitty Schmidt repräsentiere ein besonderes deutsches Kapitel, so Adam gegenüber ntv.de, und zwar "in einer Zeit, in der Sexarbeit streng überwacht wurde und in dem Maße unmöglich war, wie zuvor in der Weimarer Republik." Und ergänzt: "So wie heute." Unter den Nationalsozialisten habe eine patriarchale Doppelmoral geherrscht: Für Männer sollte Sex mit unterschiedlichen Partnerinnen möglich sein, kein Tabu. Dafür mussten Frauen zur Verfügung stehen, die von vornherein als "unsittlich" galten und zudem riskierten, mit "h.w.G" abgestempelt und diskriminiert zu werden - das Kürzel steht für "häufig wechselnden Geschlechtsverkehr".

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Das wieder auftauchte Ölgemälde von Puffbesitzerin Katharina "Kitty" Schmidt-Zammit. Laut Kuratorin Johanna Adam von der Bonner Bundeskunsthalle ist es Ausdruck einer besonders repressiven Ära von Sexarbeit - während das Bild selbst technisch zwischen "gut" und "dilettantisch" schwankt. (Foto: Bundeskunsthalle Bonn)

Von besonderem Interesse ist die Rolle, die der "Salon Kitty" im Nationalsozialismus spielte, weil seine Damen nicht einfach in eine der - zahlreichen - Kategorien fielen, die im jovialen wie offiziellen Berliner Jargon der Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre bekannt waren: "Bordsteinschwalben" etwa, die ihre Kundschaft in der Öffentlichkeit anwarben, auf Sado-Maso Spiele spezialisierte "Stiefelmädchen" oder minderjährige "Telefonmädchen". Am treffendsten lässt sich Kittys Personal im Rückblick als "Halbseidene" beschreiben: Frauen mit einer professionellen Einstellung zur Prostitution, die darin aber oft eine Gelegenheit zum Zuverdienst oder für exklusive gesellschaftliche Kontakte sahen, während sie hauptberuflich anderen Tätigkeiten nachgingen und sozial abgesichert waren, manche auch als Hausfrauen. Kitty bezahlte die stolze Summe von 200 Reichsmark pro Liebesdienst (was 1940 einer Kaufkraft von mehr als 1000 Euro entsprach), und verlangte dafür neben dem körperlichen Einsatz intellektuellen Schliff, Mehrsprachigkeit und ein Talent zur Kommunikation - gewissermaßen als Einstellungskriterien.

Herausragende Stellung

Denn über den Sex hinaus lautete der Auftrag: Gesellschaftspionage! Sexuelle Lustbarkeit als Stimulanz der Geschwätzigkeit. Eine Institutionalisierung der alten Mata Hari-Legende also - die hundertfach erzählte und immer wieder neu gedichtete Geschichte der niederländischen Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle, die als Doppelspionin für Deutschland und Frankreich 1917 mit dem Tod bestraft wurde. Egal wie involviert, verpflichtet und verstrickt Kitty Schmidt war - "ihr musste bewusst sein, dass sie nicht unabhängig und selbstbestimmt arbeiten konnte, und dass es obendrein gefährlich war", sagt Kuratorin Johanna Adam.

Dass das Etablissement im dritten Stock der Charlottenburger Giesebrechtstraße 11 bis zur Bombardierung und Zerstörung im Jahr 1943 eine eigene - herausragende wie heimliche - Stellung hatte, offenbaren die Akten im Berliner Landesarchiv: 1942 wurde es unter den rund 40 genehmigten Bordellen Berlins gar nicht geführt. Das hatte nicht etwa den Grund, dass Kitty Schmidt im Geheimen und ohne Wissen der Behörden agierte - sie machte es vielmehr im Geheimen und mit ausdrücklichem Wissen darum. So hatte Walter Schellenberg, Auslandschef des Sicherheitsdienstes SD, in seinen 1956 erschienenen Memoiren erklärt, er habe sich ab 1938 persönlich um die Anwerbung von Kitty Schmidt und um die Einrichtung des Salons gekümmert. Das sei wiederum eine Idee des SD-Chefs Reinhard Heydrich gewesen: Um Freier aus den eigenen deutschen Reihen wie aus dem Ausland zu belauschen, seien akustische Abhöranlagen in den elf Räumen des Bordells installiert worden. Allerdings fehlen dafür - bis auf große Kabelstränge, die während einer Renovierung in den Sechzigerjahren gefunden wurden - konkrete Belege.

Maxim oder Kitty?

Das betrifft auch die Form der Aufzeichnungen sowie den Gehalt und Nutzen der gesammelten Information. Offen ist bis heute auch, ob Heydrichs Behörde den Salon finanzierte oder ob das in die Verantwortung des Propagandaministeriums von Joseph Goebbels fiel. Gegenüber dem Journalisten Claus Räfle war es Werner Raykowski, der diese Annahme 2004 als 93-Jähriger außerte. Als persönlicher Pressereferent von NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop sei der "Salon Kitty" für führende Reichsbeamte in Berlin ein "offenes Geheimnis" gewesen, so Raykowski. Dass auch Taxifahrer Bescheid wussten, wusste kein geringerer als der Schauspieler Johannes Heesters zu berichten. In Räfles Film erzählt er, wie er im Krieg zum ersten Mal und angeblich ahnungslos am "Salon Kitty" vorfuhr, den Freunde - scherzhaft - als Ausweichquartier für seine ausgebombte Wohnung empfohlen hatten. Heesters lässt keinen Zweifel daran, dass er danach wiederkam.

Zu Kittys Stammgästen zählten unterdessen auch hoch- und höchstrangige Männer wie Reichsaußenminister von Ribbentrop, Heydrich selbst oder der italienische Außenminister Graf Ciano. Dieser soll vor und nach dem Sex das nahe gelegene Kino "Die Kurbel" als tarnenden Unterschlupf genutzt und während des Aktes häufig Strümpfe getragen haben, erfährt man ebenfalls in Räfles sehenswerter Dokumentation. Ob es Zufall war oder nicht, dass Heydrichs Nachfolger als SD-Chef, Ernst Kaltenbrunner, in der Giesebrechtstraße 10 wohnte, zählt zu den vielen ungeklärten Fragen.

Porno meets Nazi

Da die Geschichte des "Salon Kitty" alles andere als lückenlos überliefert ist und deshalb viel Raum für Spekulationen lässt, hat sie die Fantasie von Filmemachern und Autoren angeregt und bisweilen orgastisch beflügelt. Das gilt vor allem für die Ergüsse des italienischen Regisseurs Tinto Brass, der 1976 den österreichischen Schauspieler Helmut Berger engagierte, um einen ideologisch wie narzisstisch und sogar homoerotisch überzeichneten Schellenberg aka Wallenberg zu spielen, während Kitty von Ingrid Thulin einer gemorphten Figur aus Marlene Dietrich, Leni Riefenstahl sowie Sally Bowles aus dem Film "Cabaret" ähnelt, deren Vorlage in Christopher Isherwoods Buch "Goodbye to Berlin" von 1939 lag.

Was hingegen die wahren Lebensumstände und vor allem den Deal von Kitty Schmidt betrifft, bleibt vieles im Dunkeln. Unklar sind nicht nur die Bedingungen für den Bordellbetrieb, sondern auch die Besitzverhältnisse ihres Hauses in der Giesebrechtstraße, das vor der Machtergreifung der Nazis jüdische Eigentümer hatte - so viel steht fest. Grundbuchunterlagen aus der Kriegszeit konnten bislang nicht gefunden werden. Obwohl Schmidt wahrscheinlich nie Eigentümerin war, verfügte sie über mehrere Etagen des Hauses in einer Weise frei, dass Vermutungen über eine Art Mietkauf-Abkommen mit den Nazis gerechtfertigt erscheinen - das allerdings nie zustande kam. Kittys 2009 verstorbener Enkel Jochem Matei hatte sich mehrfach öffentlich beklagt, sie und letztendlich er selbst seien um ihr Erbe gebracht und Kitty Schmidt möglicherweise sogar umgebracht worden. Gestorben ist sie 1954. Erst danach wurden neue Eigentümer verzeichnet.

Von Kitty zur Künstlerpension

Dass damit die Ära der Sexarbeit längst nicht beendet war, kann man im Buch "Kittys Salon - Legenden, Fakten, Fiktionen" nachlesen. Die Autoren Julia Schrammel und Urs Brunner haben so gut wie alles, manchmal auch Widersprüchliches, aufgeschrieben, was über Umstände, Ort und Personen in der "Pension Schröder" bekannt ist, die sich nach 1945 im Erdgeschoss der Giesebrechtstraße 11 befand und die später von Kittys Tochter Kathleen Matei als "Künstlerpension Florian" betrieben wurde.

Schrammel und Brunner waren es auch, die das Gemälde von Kitty Schmidt aufgespürt und schließlich für einen "symbolischen Preis im niedrigen vierstelligen Bereich" gekauft haben. Johanna Adam betont nach ihrer ersten Inaugenscheinnahme, dass es nicht nur viele Fragen an Kittys Geschichte, sondern auch an das Bild gibt. Möglicherweise ist es die übermalte Version eines älteren Bildes oder einer Fotografie, die Kitty Schmidt während der Dreißigerjahre noch jünger und mit Hut zeigte. Vieles spreche auch dafür, dass unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten Hand angelegt hätten: Das Gesicht, Haare oder die Halskette seien "mit relativ guter malerischer Professionalität ausgeführt", der untere Teil habe dagegen "dilettantischen Charakter". "Die Übermalung eines alten Porträts könnte eine geschäftsfördernde Gestaltungsidee von Kathleen Matei gewesen sein, um damit die alten Zeiten des Salons nostalgisch heraufzubeschwören", so Adam.

So posierte und wachte die Kitty, die wir heute sehen, noch bis in die Siebzigerjahre über das ausgelassene wie diskrete Treiben in der Pension Florian, wo vor allem kreative Menschen ein und ausgingen, darunter Erich Kästner, Berno von Cramm oder Helmut Newton. Ob letzterer im sogenannten "Pärchenzimmer" Nummer 5 Liebesdienste in Anspruch genommen hat, bleibt sein Geheimnis. 1977 griff er in dem Raum aber ohne jeden Zweifel zur Kamera, um die Muse Jenny Capitain nackt und mit Gipsbein zu fotografieren. Im Hintergrund sieht man einen Kronleuchter, einen Stuhl, eine Stehlampe, einen Sekretär, ein Bett und einen Ölschinken mit nackten Halbgöttern. Sie sind stille Zeugen aus einer anderen Zeit.

Quelle: ntv.de

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