Panorama

Höflichkeit und NachsichtVerhärtung ist kein unausweichliches Schicksal

21.03.2026, 10:10 Uhr Foto-AutorenboxVon Torsten Landsberg
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Schon morgens auf dem Weg zur Arbeit trifft man auf andere Menschen, und die sind nicht immer nett. (Foto: picture alliance / Global Travel Images)

Der Alltag und die Weltlage können uns stressen, auch der zwischenmenschliche Umgang wird als zunehmend rauer wahrgenommen. Wir müssten verstehen lernen, warum die einen so und andere anders ticken, sagt der Psychologe Sina Haghiri.

Man kennt das ja: Der stressige Arbeitstag ist gerade beendet, da fährt die U-Bahn vor der Nase weg. Auf dem Bahnsteig herrscht Gedränge, denn zufällig wollen noch andere Menschen nach Hause kommen. Im nächsten Zug steht man eng an eng und vor dem Aussteigen wischt ein fremder Ellenbogen durchs eigene Gesicht. Mit letzter Anstrengung den Einkauf erledigt, entlädt sich der angestaute Druck ausgerechnet zu Hause in einem überflüssigen Streit. Fehlt noch der Blick auf den Zustand der Welt in den Abendnachrichten. Gute Nacht! Zugegeben, nicht an jedem Tag reiht sich ein Frustereignis so konsequent an das nächste. Aber für den Fall der Fälle kann es nicht schaden, zu wissen, wie Menschen mit solchen Lebenslagen etwas entspannter umgehen können.

"Es ist vollkommen okay, in gewissen Situationen einen Ärger zu spüren, eine Wut zu haben, und die auch in einer sozialverträglichen Form zu äußern", sagt Sina Haghiri, Psychologe und Autor des Buchs "Was dein Leben leichter macht". Man müsse rücksichtsloses Verhalten nicht entschuldigen, "aber zu verstehen, warum man selber heutzutage geladener ist, warum andere geladener sind, kann uns etwas gelassener damit umgehen lassen".

Angesichts eines an Ratgeber-Büchern nicht armen Angebots scheint Hilfe vonnöten. Offenbar geht es allen irgendwie schlecht. "Das, was wir mitbekommen und uns prägt, scheint etwas ganz anderes zu sein, als das, was wirklich vorgeht", sagt Haghiri. "Wenn man in den Industriestaaten der Welt die Menschen fragt, wie zufrieden ihre Mitmenschen in der Gesellschaft wohl seien, haben ausnahmslos alle ein extrem dystopisches Bild über die Zufriedenheit der Leute in ihrem Land - auch in Deutschland." Im Durchschnitt werde der Anteil der zufriedenen Menschen auf 44 Prozent geschätzt. "Tatsächlich sind es über 80 Prozent. Und dieser Wert steigt konstant."

Die meisten Menschen müssen im Alltag mit anderen Menschen interagieren. Je mehr man trifft, desto höher die Wahrscheinlichkeit für ärgerliche Situationen. Allgemein wächst der Eindruck, dass die Gesellschaft verhärtet und die Menschen rücksichtsloser miteinander umgehen. In einer Erhebung des Pew Research Centers in Washington gaben 47 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Mitmenschen im öffentlichen Raum heute unhöflicher verhielten als vor der Pandemie. Eine Untersuchung an der University of New Mexico von 2024 kam zu dem Schluss, dass Unhöflichkeit sozial ansteckend sei. Wenn Menschen glaubten, rücksichtsloses Verhalten sei normal, würden sie selbst auch dazu tendieren.

"Unsere Psyche ist kein gutes Messgerät"

Andere Studien legen nahe, dass die Wahrnehmung des Verfalls von Höflichkeit stärker zunimmt als das tatsächliche Verhalten. Eindeutige Belege fehlen, weil Rücksicht und Rücksichtslosigkeit subjektiv wahrgenommen werden. "Unsere Psyche ist kein gutes Messgerät, sie ist hypersensibel eingestellt und überbewertet das Negative", sagt Haghiri. Deshalb würde uns ein negatives Erlebnis mit einer rücksichtslosen Person übermäßig lange beschäftigen. "Darüber ignorieren und vergessen wir all die anderen Menschen, die uns begegnen." Man könne diese verzerrte Wahrnehmung beibehalten. Das habe jedoch zur Folge, dass die eigene Psyche den Eindruck verstärke, dass um uns herum alles schlimmer wird. "Das hat für Sie selbst sehr negative Konsequenzen, das hat auch für die Gesellschaft sehr negative Konsequenzen, weil sich alle, die das so laufen lassen, isolieren und verhärten und sich zurückziehen."

Der Psychologe empfiehlt, die Wahrnehmungsmuster zu korrigieren und mehr Bewusstsein für das Positive zu schaffen. "Ich sage nicht: 'Ignorieren Sie den doofen Kollegen oder die eine Person in der Familie, die alle anderen so ärgert.' Das existiert ganz real. Aber den positiven Rest, der von alleine in Vergessenheit geraten würde, können wir sehr aktiv und verstärkt in Erinnerung behalten."

Streiten will gelernt sein

Zum menschlichen Zusammenleben gehört der Streit, auch wenn viele häufig nicht sehr gut darin sind und die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion schnell an Grenzen stößt. In der privaten Auseinandersetzung setzt Haghiri auf die Transaktionsanalyse des kanadischen Psychiaters Eric Berne: "Er sagt, in der Kommunikation mit anderen können wir aus unterschiedlichen Perspektiven auftreten." Unterschieden werde in ein Eltern-Ich, ein Erwachsenen-Ich und ein Kind-Ich. Während das Eltern-Ich in der Kommunikation häufig bevormundend oder besserwisserisch und das Kind-Ich trotzig auftrete, eigne sich das Erwachsenen-Ich für eine kooperative Auseinandersetzung. "Es ist natürlich nicht garantiert, dass es funktioniert, aber das ist die beste Chance, die wir haben: Ich passe auf, dass ich nicht in die Aggression oder das Feindselige rutsche, sondern mich kooperativ verhalte."

Was sich in einer Zweierbeziehung mit eingeübten Mustern schon kompliziert gestalten kann, potenziert sich unweigerlich, wenn es um die Debattenkultur in der Gesellschaft geht. Die Themen sind vielfältig und gerne emotional aufgeladen: Zuwanderung, Impfungen, E-Mobilität. "Was wir in der öffentlichen Streitkultur wahrnehmen, sind natürlich die Spitzen, die größten Konflikte zwischen den am stärksten polarisierenden Vertretern und Vertreterinnen", sagt Haghiri. Besonders in einem destruktiven Konflikt würden sich viele Dinge thematisch vermengen und den Fokus der Debatte verzerren. "Da kann es helfen, den anderen nicht als komplett irre darzustellen, sondern seinen oder ihren Wunsch und die Bedürfnisse zu verstehen. Die Ansichten kann ich trotzdem für komplett falsch halten." Das Bemühen um eine gemeinsame empathische Ebene entziehe einer Meinungsverschiedenheit oft den destruktiven Charakter.

Abkehr von Netzwerken

Wirklich schwierig wird der rationale Diskurs bekanntlich in den sozialen Netzwerk-Bubbles. Dafür braucht es nicht mal auf Toxizität getrimmte Algorithmen: Eine Simulation der Universität Amsterdam ergab im vergangenen Jahr, dass sich toxische Muster, Echokammern und Aufmerksamkeit für Empörung auch ohne Algorithmen verselbstständigen. Darauf reagieren immer mehr Menschen mit Social-Media-Müdigkeit und Rückzug. Eine von der Postbank in Auftrag gegebene Studie kam Ende vergangenen Jahres zu dem Ergebnis, dass die Nutzung der Plattformen sogar unter den 16- bis 18-Jährigen abnimmt.

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Die Abkehr von den Netzwerken kann ein Baustein sein, um die Weltlage nicht übermäßig aufs Gemüt schlagen zu lassen. "Ich empfehle, den eigenen Informationskonsum so zu betrachten wie die Ernährung", sagt Haghiri. Das menschliche Gehirn präferiere Gefahreninformationen in einem ähnlichen Maß wie Zucker. "Wir haben jetzt 100 Jahre Erfahrung mit dem unbegrenzten Zugriff auf Zucker, und es reicht gerade so, dass wir etwas genauer überlegen, was wir in den Einkaufswagen legen."

Die unbegrenzte Verfügbarkeit von Informationen gebe es dagegen erst seit einigen Jahren. "Wir stehen komplett am Anfang, wie wir damit umgehen. Wir dürfen das nicht so sehr konsumieren, wie unser Hirn das gerne hätte, sondern wir müssen es steuern." Helfen könne die dauerhafte Begrenzung von Gefahreninformationen, ersetzt durch andere Zutaten. "Sie wissen, Gemüse ist nicht so attraktiv wie das Tiramisu, aber es ist wichtig für Sie." Das gleiche Prinzip lasse sich auf Informationen anwenden - die schädlichen auf ein Höchstmaß reduzieren und etwas dazu nehmen, das guttut und der mentalen Gesundheit dient: ein Buch, eine Reportage, ein Gespräch mit Freunden, das Abtauchen in eine Fantasy-Welt. "Wir brauchen eine vollwertige Ernährung in Bezug auf die Informationen."

Quelle: ntv.de

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