Panorama

Prekäre Lage bei Senioren Impfstoff kommt für viele vermutlich zu spät

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Senioren- und Pflegeheime sind von der Corona-Pandemie besonders stark betroffen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die ersten Impfstoffe stehen auch in Deutschland kurz vor der Zulassung. Doch selbst wenn es jetzt schnell geht, rettet uns das nicht vor einem harten Corona-Winter. Vor allem in Senioren- und Pflegeheimen ist die Lage prekär.

Spätestens am 29. Dezember will die Ema mitteilen, ob der Impfstoff von Biontech und Pfizer in der EU zugelassen wird. Gibt die Europäische Arzneimittel-Agentur grünes Licht, muss noch die EU-Kommission die finale Zulassung erteilen. Dann kann es auch in Deutschland mit den Impfungen losgehen.

Die Impfzentren in Deutschland sollen dann schon längst einsatzbereit sein. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte den 15. Dezember als Zieldatum vorgegeben. Doch viel mehr ist Stand jetzt nicht bekannt. Klar ist aber, dass nicht jeder direkt geimpft werden kann. Wie die genaue Priorisierung aussehen soll, ist noch nicht endgültig entschieden, obwohl es seit einem Monat eine gemeinsame Empfehlung von der Ständigen Impfkommission, dem Deutschen Ethikrat und den Leopoldina gibt. Demnach sollen zuerst pflegebedürftige, schwerkranke und chronisch kranke Menschen die Chance haben, geimpft zu werden. Auch Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen sollen frühzeitig an der Reihe sein.

"Das war eine mehr als klare Reihenfolge. Der Bundestag hat es aber versäumt, diese klare Reihenfolge in das dritte Bevölkerungsschutz-Gesetz aufzunehmen", kritisiert Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Jetzt obliegt es dem Bundesgesundheitsminister diese Priorisierung vorzunehmen. Das ist erschütternd." Warum das Parlament "diese entscheidende Frage" an die Bundesregierung abgebe, sei "vollkommen unverständlich".

"Wir spielen Impfgegnern in die Hände"

Die Stiftung Patientenschutz kritisiert außerdem, dass der Eindruck erweckt werde, mit der Impfung sei man alle Probleme los. Die Vakzine - welche auch immer zugelassen werden - helfen gegen die Erkrankung Covid-19. Noch sei aber unklar, ob die Impfungen auch vor einer Infektion schützen, merkt Brysch an. Wenngleich eine Studie von Astrazeneca und der Universität Oxford darauf hoffen lässt, dass auch asymptomatische Infektionen mit einer Impfung seltener werden. "Wir müssen transparent und offen für eine Diskussion sein. Wir spielen Impfgegnern und Corona-Leugnern in die Hände, wenn wir diese Thematik nicht bedienen, wenn wir nicht offen über Chancen und Risiken sprechen." Das gehöre in einer aufgeklärten Gesellschaft dazu, so Brysch weiter.

Außerdem sieht der Patientenschützer die Gefahr, dass die Politik durch die Fokussierung auf die nahenden Impfungen viele Menschen vergisst. Schwerkranke, pflegebedürftige, alte Menschen leiden im Hier und Jetzt. "Und vergessen wir nicht, es werden auch viele Menschen weiterhin isoliert, wenn wir uns allein nur mit der Frage der Impfung beschäftigen", so Brysch. Natürlich sei es richtig, mit viel Aufwand die Impf-Vorbereitungen anzuschieben. "Aber wir müssen parallel vorgehen, um durch diesen Winter zu kommen. Die Impfungen allein werden uns hier nämlich kaum helfen."

Bis der Impfstoff alle schwerkranken, pflegebedürftigen und alten Menschen erreicht hat, ist es für viele von ihnen vermutlich schon zu spät, befürchtet Eugen Brysch. Gerade in Alten- und Pflegeheimen sei die Not riesengroß und während alle Hoffnung in den Impfstoff gesetzt werde, gebe es dort keine Verbesserungen. Allein in Berlin hat sich die Zahl positiv getesteter Heimbewohner zuletzt mehr als verdoppelt, von 1000 Mitte November auf mehr als 2000 in der vergangenen Woche. "Ich wünsche mir deshalb verstärkt PCR-Tests mit einer Priorisierung der Auswertung innerhalb von zwölf oder 24 Stunden, auch für die Pflegekräfte. Und Schnelltests brauchen wir auch für Besucherinnen und Besucher."

Apotheken spielen wohl keine Rolle

Die Impfung ist zweifellos ein großer Schritt im Kampf gegen das Virus. Aber es braucht Zeit, bis genügend Menschen geimpft sind und wir unser normales Leben zurückbekommen. Laut Robert Koch-Institut müssen sich etwa 70 Prozent der Menschen im Land impfen lassen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Es gibt aber auch hier noch viele offene Fragen. Wie wirksam sind die einzelnen Impfstoffe? Wie lange hält der Impfschutz? Und irgendjemand muss die Vakzine den Menschen auch spritzen.

"Hier müssen wir breit aufgestellt zu sein, es wird keinen Königsweg geben. Impfzentren, aufsuchende Impfung, und optimal wird das ergänzt durch kreative Ideen der Apotheken. Mich wundert schon, dass beispielsweise die Bundesregierung vollkommen vergessen hat, dass wir Zytostatika-Apotheken haben, die mit geringen Temperaturen von minus 70 Grad ohne Probleme das Serum aufbereiten könnten", merkt Brysch an.

Mehrere Bundesländer erteilten dem Vorschlag aber bereits eine Absage. Apotheken, die Zytostatika herstellen, welche vor allem zur Krebsbehandlung eingesetzt werden, gibt es laut Apothekerverband nur etwa 500 in Deutschland, das entspricht etwa drei Prozent aller Apotheken in Deutschland. Die können allenfalls ein bisschen helfen, bei der Vielzahl der Menschen, die geimpft werden.

Aktuell geht man davon aus, dass je Impfzentrum mindestens 1500 Menschen täglich geimpft werden können. Ursprünglich waren 60 Impfzentren bundesweit geplant, mittlerweile läuft es aber auf 400 hinaus. Doch auch dieser Hoffnungsschimmer hilft uns nicht im Kampf gegen einen langen und harten Corona-Winter. Es dauert noch, bis die Normalität zurück ist.

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Quelle: ntv.de