Panorama

Kältebus versorgt Obdachlose In Berlins Straßen wächst das Elend

Im Prenzlauer-Berg schläft ein Mann unter einer Feuerwehrtreppe.

Im Prenzlauer-Berg schläft ein Mann unter einer Feuerwehrtreppe.

(Foto: Sebastian Huld)

Die Temperaturen nähern sich dem Gefrierpunkt. Der bevorstehende Winter bringt Tausende Menschen in Berlin in Lebensgefahr. Der Kältebus soll die immer größere Zahl an Obdachlosen vor dem Erfrieren retten.

"Da seid ihr ja, wir haben schon gewartet", ruft die Frau. Das Krächzen ihrer Stimme mag davon stammen, dass sie Heroin raucht. Auch in diesem Moment, als sich ihr die beiden Mitarbeiter vom Kältebus der Berliner Stadtmission nähern. Ein besorgter Anwohner hat Yannick und Aaron alarmiert, die in dieser nasskalten Novembernacht Dienst schieben. Die beiden Studenten schenken Tee ein auf dem einsamen Gehweg im Bezirk Reinickendorf. Derweil erhitzt die Frau die auf einer Alufolie liegende Droge mit einem Feuerzeug und inhaliert. Eine lumpige Decke über dem Kopf dient ihr als Windschutz.

BU Bild 6: Kaffee oder Tee sind in der nasskalten Nacht immer willkommen.

Kaffee oder Tee sind in der nasskalten Nacht immer willkommen.

(Foto: Sebastian Huld)

"Wir sind abhängig, Heroin und Alkohol", bekennt der Freund der Frau ungefragt. "Danke, danke", sagt er immer wieder. Das Pärchen nimmt die warmen Getränke und zwei Schlafsäcke entgegen. Ihre eigenen Decken sind nass, in Fetzen oder beides. Einen Fan-Schal von Borussia Dortmund nimmt der Mann widerstrebend an. "Eigentlich bin ich ja Bayern-Fan..." Uneigentlich werden die beiden die Nacht unter freiem Himmel verbringen, bei Nieselregen und sechs Grad Außentemperatur.

Seit Anfang November rollt der Kältebus wieder 150 Nächte lang ununterbrochen durch die Hauptstadt. Das Elend auf Berlins Straßen wächst, doch wenigstens erfrieren soll hier niemand.

Das Team aus rund 30 Leuten, fast ausnahmslos Freiwillige, nimmt telefonisch Notrufe aufmerksamer Berliner entgegen und fährt die üblichen Schlafplätze der Bedürftigen ab. Die Mitarbeiter offerieren den Obdachlosen trockene Schlafsachen, warme Getränke und ein offenes Ohr. Wer möchte, wird in eine Notübernachtung gefahren.

"Hier ist der Kältebus der Berliner Stadtmission, Hallo?"

"Hier ist der Kältebus der Berliner Stadtmission, Hallo?"

(Foto: Sebastian Huld)

Die beide Heroinabhängigen möchten nicht. "Da holst du dir nur Krätze und Läuse. Hatten wir schon, brauchen wir nicht", sagt die Frau. "Klar, das kann passieren, ist aber eher die Ausnahme", sagt Yannick, der in dieser Nacht den Bus fährt. Aber niemand wird zu etwas gezwungen. Yannick und Beifahrer Aaron überreichen eine Milka-Tafel und verabschieden sich. Der nächste Notruf wartet schon.

Tausende Obdachlose in Berlin

In seiner 23. Saison hat der Kältebus mehr Menschen als je zuvor zu versorgen. Die schwer zu schätzende Zahl der Obdachlosen Berlins geben Hilfsorganisationen mit 3000 bis 6000 Menschen an. Es könnten aber auch mehr sein. Die Wohnungsnot in Berlin ist ein Grund für die Zunahme, die stetig wachsende Zahl osteuropäischer Obdachloser ein anderer. Die Berliner Kältehilfe richtet bis zum ersten Dezember tausend Notübernachtungsplätze ein. Sozialsenatorin Elke Breitenbach von der Linken hat vor dem Abgeordnetenhaus zugesagt, die Zahl bei Bedarf weiter zu erhöhen.

Die hohe Zahl an Bedürftigen ohne Bleibe ist zu jedem Winterbeginn Thema in der Stadt. Doch die Debatte hat eine neue Dynamik erhalten, seit im Tiergarten eine Passantin ausgeraubt und erschlagen wurde. In unmittelbarer Nähe kampierten Osteuropäer in wilden Zeltlagern, hatten mit der Tat aber nichts zu tun. Dennoch streiten seitdem Politik und Öffentlichkeit über das richtige Maß an Toleranz, Ordnung und Sicherheit. Das Lager im Tiergarten wurde zusammen mit anderen geräumt. Die Obdachlosen schlafen jetzt woanders in der Stadt.

Eine Frau hat sich für die Nacht im Friedrichshain in einer Bushaltestelle eingerichtet.

Eine Frau hat sich für die Nacht im Friedrichshain in einer Bushaltestelle eingerichtet.

(Foto: Sebastian Huld)

Yannick und Aaron kennen die Lagerplätze. Die Anfang Zwanzigjährigen haben nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Stadtmission absolviert. Nun studieren sie und fahren freiwillig jeden Donnerstagabend von 21 bis 4 Uhr mit einem von zwei Kältebussen durch die Stadt. Einer Frau bringen sie in dieser Nacht ein Paar Winterstiefel Größe 38, die sie in der Altkleiderkammer der Stadtmission gefunden haben.

"Das Ordnungsamt hat die Frau von ihrem Schlafplatz am Spreeufer vertrieben", weiß Aaron. Nun liegt sie am Rand eines Ausgehkiezes in Friedrichshain in einer Bushaltestelle. Penibel hat sie ihre Schlafsachen, Kleidung, Knabberzeug und ein Comic arrangiert. Es ist ausgesprochen ordentlich. Sie nimmt die Schuhe entgegen, reden will sie nicht. Das gilt auch für den russischen Rollstuhlfahrer, den das Kältebusteam dünn angezogen vor einer Charlottenburger Burger-King-Filiale entdeckt. Er bekommt Tee gereicht und einen Schlafsack übergezogen. Zu einer der Notübernachtungen möchte auch er nicht gefahren werden.

Tee und Kleidung

"Przepraszam - Entschuldigung", ruft Aaron auf polnisch drei Obdachlosen zu, die unter einer Brücke am Ostbahnhof liegen. Einer der Männer wacht grummelnd auf, erblickt das Fahrzeug und ruft lachend: "Kaltebuuus." Die zwei Studenten geben ihm Tee und ein wenig Kleidung. Die Männer schlafen auf schmutzigen Matratzen. Ihre Habseligkeiten lagern in Einkaufswägen voller Plastiktüten. Es riecht nach Urin, Fäkalien und Schnaps.

Unter einer Brücke am Ostbahnhof schlafen drei Männer aus Polen.

Unter einer Brücke am Ostbahnhof schlafen drei Männer aus Polen.

(Foto: Sebastian Huld)

"Die einen wollten im Westen Karriere machen und trauen sich nach ihrem Scheitern nicht zurück", sagt Yannick. "Andere waren schon in Polen obdachlos, aber in Berlin kann man leichter überleben." Berliner und Touristen spenden Kleingeld, es gibt das Pfandflaschensystem und die Notübernachtungen.

Aaron erzählt von einem Polen, der auf der Suche nach Arbeit auf der Straße landete und daran binnen eineinhalb Jahren zugrunde ging. Zwei Meter groß und breite Schultern verfallen zu einem Häufchen Elend, kaputt von Alkohol und Schlägereien. "Mir zerreißt es das Herz, dass Menschen vor meiner Haustür in den Tod vegetieren." Er meint das wörtlich: "Beine oder Arme, die vor sich hin faulen, das ist ein alltägliches Bild." Eine einfache Wunde kann unbehandelt zum Tod führen.

Yannick und Aaron haben für ihre jungen Jahre schon viel Leid gesehen. Sie wirken älter als die meisten Studenten, die zur gleichen Zeit durch die Straßen ziehen und Spaß haben. Beide sind gläubige Christen, haben zu Schichtbeginn um Jesus' Beistand gebetet und hören die ganze Fahrt über christliche Popmusik. "Die Liebe, die uns Jesus gibt, möchte ich weitergeben", sagt Aaron. Den Schwächsten zu helfen, ist beiden ein Bedürfnis. Wenn sie über christliche Nächstenliebe reden, klingt das nicht kitschig, sondern wie die natürlichste Sache der Welt. Dabei sind die beiden mit ihrem Einsatz Exoten unter den fast vier Millionen Berlinern. 

Es ist eine ruhige Nacht: 14 Anrufe von besorgten Bürgern und mitfühlenden Polizisten. Bei Minusgraden sind es schnell hundert und mehr. Ein Anruf kommt von einer Notunterkunft in Lichtenberg, die einen Schwerstalkoholiker rausgeschmissen hat. Ein schwieriger Fall, aber in der Lehrter Straße nahe dem Hauptbahnhof wird jeder reingelassen. Egal, wie voll die Unterkunft ist - oder der Bedürftige. Yannick und Aaron fahren den alten Bekannten dorthin. Sie lassen den Mann nicht spüren, wie nervig er ist. Olaf heißt er und sagt: "Ich muss ganz schnell mit dem Saufen aufhören." Der Mittfünfziger trinkt zur Zeit drei Flaschen am Tag.

Seine beiden Chauffeure zeigen sich wenig optimistisch. Aber wer nach Hilfe fragt, bekommt sie auch. Niemand wird verurteilt. Yannick, der selbst nicht raucht, hat für seine Kunden immer eine Zigarette im Angebot. Aaron vergisst nie zu fragen, ob der Weg zur nächsten Notübernachtung bekannt ist - "falls mal der Baum brennt". Und er verteilt Karten mit der Nummer vom Kältebus. Sie lautet 0178 -5235838.

Quelle: n-tv.de

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