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Unbewusste Vorverurteilung In jedem steckt ein kleiner Rassist

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(Foto: Barbara)

Die meisten Menschen sind fest davon überzeugt, keine Vorurteile gegen Schwarze oder Muslime zu haben. Doch stimmt das auch? Ein bewährter Psycho-Test zeigt, dass die Frage nicht lautet, ob jemand rassistisch ist, sondern wie sehr.

"Ich bin zwar kein Rassist, aber …" Diese Beteuerung kann kaum ein gutes Ende nehmen, trotzdem verwenden ihn viele. Ein Rassist? Nein, das will niemand sein. Man hat ja nichts gegen Ausländer. Eigentlich. Wenn sie nur nicht so ... so anders wären.

Vorurteile. Jeder hat sie, aber die wenigsten geben sie zu. Im Gegenteil: Fragen Forscher Menschen offensiv, ob sie etwas gegen Migranten, Homosexuelle oder andere soziale Gruppen haben, antworten viele einfach das sozial Erwünschte. Und doch schlummern auch in Menschen, die nicht offen fremdenfeindliche Sprüche klopfen, auf unterbewusster Ebene häufig rassistische Gedanken und Gefühle. Geht man nach den Ergebnissen von vielen Millionen Teilnehmern eines bewährten Psycho-Tests, dann lautet die Frage nicht, ob jemand rassistisch ist, sondern wie sehr.

Der Implizite Assoziationstest (IAT) soll wie ein Trojanisches Pferd unerkannt in die Gedankenwelt des Probanden vorstoßen und unterschwellige Vorurteile an die Oberfläche spülen. Der IAT misst, wie eng zwei Begriffe im Gehirn miteinander verbunden sind.

Reaktionszeit als Maß für unsere Geisteshaltung

Beim Rassen-IAT etwa muss die Testperson den Buchstaben "e" auf der Computertastatur so schnell wie möglich drücken, wenn entweder ein negatives Wort wie Angst oder Qual und das Porträt eines schwarzen Menschen erscheint. Die Taste "i" soll gedrückt werden, wenn positive Wörter wie Liebe oder Vergnügen und das Gesicht eines Weißen angezeigt werden. In einem weiteren Durchgang gilt es dann, eine bestimmte Taste zu drücken, wenn ein weißes Gesicht und ein Negativbegriff erscheinen beziehungsweise ein Schwarzer und ein positives Wort.

Auf diese Weise lassen sich allen vier Kombinationen von schwarz/weiß, gut/böse jeweils durchschnittliche Reaktionszeiten zuordnen. Die Idee dahinter: Braucht jemand länger, um positive Worte für eine bestimmte soziale Gruppe zu finden als negative, so hat er wohl auch versteckte Vorurteile gegen sie. Mit anderen Worten: Die Reaktionszeit dient als indirektes Maß für unsere Geisteshaltung.

Über 40 Millionen Menschen haben sich diesem "Gesinnungs-TÜV" bislang unterzogen. Das Ergebnis schockiert: Mehr als die Hälfte aller Teilnehmer haben eine "starke automatisierte Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen". Auf der Webseite des Projekts erläutern die Forscher aber, dass eine unbewusste Vorverurteilung nicht dasselbe ist, wie bewusste Vorurteile zu haben oder gar rassistische Diskriminierung aktiv zu unterstützen.

Pro und Contra

Als der US-amerikanische Psychologe Anthony Greenwald den IAT 1998 vorstellte, löste das an den sozialwissenschaftlichen Instituten eine Art Lawine aus - endlich schien es möglich, das Unbewusste herauszukitzeln, versteckte Motive und Stereotype sichtbar zu machen. Doch mittlerweile ist der Test nicht mehr unumstritten. Manche Menschen finden, es sei ein Leichtes, ihn zu fälschen. Man könne reflexive Reaktionen einfach ausschalten, indem man sich zwinge, kurz nachzudenken, zu welcher Seite man die Bilder und Worte einsortiert. Andere Testteilnehmer kritisieren, dass die Auswahl der schwarzen Gesichter weniger attraktiv sei als die Bilder der weißen.

Kritiker bemängeln zudem, dass es keine schlüssige Umrechnungsformel zwischen Reaktionszeit und psychischer Einstellung gebe. Wenn jemand weiße Gesichter schneller mit positiven Wörtern assoziiert als schwarze, dann lasse sich das auch folgendermaßen deuten: Weiß ist sehr positiv besetzt und schwarz eben nur positiv.

Die Befürworter halten dagegen, dass sich ihre Ergebnisse mit den Resultaten anderer Versuche decken. So zeigte sich in Laborstudien: Menschen, die Weiße im IAT automatisch bevorzugen, lächeln auch weniger, wenn sie Schwarzen begegnen, sie reden weniger mit einem schwarzen Versuchsleiter, verhaspeln sich eher und geben weniger Privates preis als in Gesprächen mit Weißen.

Ob jemand, der tatsächlich unterschwellige Ressentiments hat, auch im realen Leben andere Menschen diskriminiert, bleibt nach Auffassung der Kritiker allerdings unbewiesen.

Quelle: n-tv.de

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