Panorama

"Vorschlag ist unethisch" Intensivärzte gegen harte Linie bei Impfgegnern

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"Wir schauen nicht auf den Impfpass": Chefarzt Janssens sichert allen Bürgern die beste Behandlung zu.

Sollen Corona-Leugner, Maskenverweigerer oder Impfgegner im Falle eines schweren Corona-Verlaufs für ihre Einstellung büßen müssen? "Auf keinen Fall", sagt der Chef der deutschen Intensivärzte und distanziert sich von dem entsprechenden Vorstoß eines Ethikrat-Mitgliedes.

Noch wartet Deutschland auf den Impfstart gegen das Coronavirus, doch eine Debatte um den Umgang mit hartnäckigen Impfgegnern hat bereits begonnen. Nachdem ein Mitglied des Ethikrates der Bundesregierung Impfgegner aufgefordert hatte, im Infektionsfall auf eine Beatmung zu verzichten, zeigte sich der Chef der Deutschen Vereinigung für Intensivmedizin, Professor Uwe Janssens, von dem Vorschlag entsetzt. "Niemand wird aus politischen Gründen abgewiesen", stellte er im Interview mit ntv klar. "Wir Intensivmediziner sind uns einig: Wir werden jeden Patienten unabhängig von seiner politischen Einstellung behandeln." Janssens bewertete den Vorstoß als "Ansicht eines Einzelmitgliedes des Ethikrates". Aus ärztlicher Sicht sei die Idee ethisch nicht vertretbar. "Das würde unser gesamtes ärztliches Tun infrage stellen."

Bei Corona-Leugnern oder Impfstoff-Skeptikern müsse man stattdessen eher Verständnis haben und um Vertrauen werben, sagte Janssens, der zugleich Chefarzt für Intensivmedizin im St.-Antonius-Hospital in Eschweiler ist. Auch im Gesundheitswesen gebe es beim medizinischen Personal Vorbehalte gegen die Impfung, die schließlich im Rekordtempo entwickelt worden sei, sagte der Mediziner und versicherte allen Bürgern: "Wir werden nicht auf den Impfpass schauen."

"Auf Intensivbett verzichten"

In einem Brandbrief hatte zuvor der Humangenetiker und Mitglied des Ethikrats der Bundesregierung, Wolfram Henn, Verweigerer einer Corona-Impfung dazu aufgefordert, auch auf Notfallmaßnahmen im Krankheitsfall zu verzichten. "Wer partout das Impfen verweigern will, der sollte, bitte schön, auch ständig ein Dokument bei sich tragen mit der Aufschrift: Ich will nicht geimpft werden! Ich will den Schutz vor der Krankheit anderen überlassen! Ich will, wenn ich krank werde, mein Intensivbett und mein Beatmungsgerät anderen überlassen", zitiert die "Bild"-Zeitung den 59-Jährigen.

Der Professor der Universität des Saarlandes richtete auch einen Appell an Verschwörungsideologen und Impfgegner: "Diesen Panikmachern empfehle ich dringend, mal ins nächste Krankenhaus zu gehen und ihre Verschwörungstheorien den Ärzten und Pflegern zu präsentieren, die gerade völlig ausgepowert von der überfüllten Intensivstation kommen."

Ähnlich hatte sich auch der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, geäußert. Gegner einer Corona-Impfung sollten die Konsequenzen tragen müssen. "Zu prüfen wäre daher, ob Impfverweigerer wegen der aus ihrem Verhalten resultierenden externen Effekte dadurch sanktioniert werden können, dass bei ihnen kein Versicherungsschutz im Falle einer Covid-19-Erkrankung besteht", schrieb der Ökonom im "Handelsblatt".

Laut RTL/ntv-Trendbarometer wollen sich 47 Prozent der Deutschen schnellstmöglich impfen lassen. 40 Prozent wollen erst einmal abwarten. 11 Prozent schließen eine Impfung aus. Ein Urteil über die Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffes durch die europäische Arzneimittelbehörde Ema wird nächste Woche erwartet.

Quelle: ntv.de, mau