Panorama

Gestohlene KunstItalien, ein Eden für Kunstdiebe

03.04.2026, 18:07 Uhr A. Affaticati 1Von Andrea Affaticati, Mailand
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Zuletzt wurde die Fondazione Magnani Rocca Ziel der Kunsträuber. (Foto: IMAGO/robertharding)

Es gibt eine spezielle Einheit zum Schutz der Kunst und das weltgrößte Archiv über gestohlene Gegenstände. Trotzdem bleibt Italien das Land mit den meisten Kunstdiebstählen. Der letzte spektakuläre Raub ist erst ein paar Tage her.

Ginge es um ein Wettrennen, dann hätte Italien Frankreich besiegt. Denn die Diebe, die vor einer Woche drei Kunstgemälde aus einer Stiftung in der Nähe von Parma entwendet haben, brauchten nur drei Minuten dafür. Ihre Kollegen, die letzten Oktober in den Pariser Louvre eingedrungen waren, hatten vier Minuten gebraucht. Im Louvre wurden neun Stücke der französischen Kronjuwelen gestohlen. Ihr Wert? Unschätzbar. In der Kunststiftung Magnani-Rocca sind es drei Meisterwerke des Impressionismus: "Die Fische" von Auguste Renoir, "Stillleben mit Kirschen" von Paul Cézannes und "Odaliske auf der Terrasse" von Henri Matisse. Geschätzter Wert zwischen 11 und 20 Millionen Euro, heißt es in den Medien.

Der Diebstahl in der Kunststiftung fand in der Nacht vom 22. auf den 23. März statt. Darüber, warum die Nachricht erst eine Woche später veröffentlicht wurde, kann man im Moment nur spekulieren. Vielleicht hoffte man, dass die Diebe Lösegeld verlangen würden. Keine ungewöhnliche Vorgehensweise, wie der Venezianer Vincenzo Pipino in einem Interview unlängst erzählte.

Pipino, heute in Rente, ist vom Metier. Er war selbst Kunstdieb und hat, wie er freimütig einräumt, unzählige Diebstähle auf dem Kerbholz. Es waren vor allem die noblen Palazzi entlang des Canal Grande, die ihn reizten. Da aber nicht immer alles so verlief, wie es sollte, hat er insgesamt mehr als 20 Jahre im Gefängnis gesessen. "Ich verkaufte selten, verlangte lieber Lösegeld", erzählt er. Das sei eine Art Entschädigung für den Transport zurück in den Palazzo gewesen, fügte er verschmitzt hinzu.

Alle zehn Minuten verschwindet etwas

Italien ist mit seiner Fülle an Kunstschätzen eine Art Eden auf Erden für Kunstdiebe. Und hier finden auch die meisten Diebstähle statt. Gefühlt verschwindet - die archäologischen Funde mitgerechnet - alle zehn Minuten ein Gegenstand.

Nimmt man die offiziellen Erhebungen, waren es 2024 274 Diebstähle. Sieben mehr als 2023, aber immerhin fast die Hälfte weniger als im Jahr 2018, da waren es 474. Die Zahlen stammen vom Comando per la tutela del patrimonio culturale, CTPC, dem Kommando zum Schutz des Kulturguts. Weltweit bleibt das Geschäft mit gestohlener Kunst weiter das drittwichtigste nach Drogen- und Waffenhandel, so Interpol.

Dabei sieht Italien dem kriminellen Treiben keineswegs tatenlos zu. Im Gegenteil. Das CTPC wurde bereits 1969 bei den Carabinieri, Italiens Gendarmerie, eingerichtet. In ihrer Broschüre Operative Aktivitäten brüstet es sich, dass zu seinen Aufgaben, neben der Bergung von Diebesgut, auch die Kontrolle der Sicherheitsvorkehrungen in Museen und von archäologischen Ausgrabungsorten gehört. Außerdem verfügt die Einheit mittlerweile über das weltweit größte Archiv, was gestohlene Kunst, archäologische Funde und Fälschungen betrifft. Doch 1,3 Millionen gestohlene Objekte bleiben verschwunden, wiedergefunden wurden im Laufe dieser fünf Jahrzehnte an die 3,3 Millionen Gegenstände.

Verschollener Caravaggio, wiedergefundener Klimt

Zu den berühmtesten Kunstdiebstählen in Italien zählt Caravaggios Altarbild "Christi Geburt mit den Heiligen Laurentius und Franziskus" (1609). Es wurde 1969 aus dem Gebetshaus Oratorio di San Lorenzo in Palermo gestohlen und bis heute nicht gefunden. Sein Wert liegt bei mindestens 20 Millionen Dollar. Dieser Diebstahl hat im Laufe der Jahre immer wieder zu neuen Vermutungen und Legenden geführt. Eine der hartnäckigsten ist, dass die Mafia den Raub in Auftrag gegeben hat und der blutrünstige Mafiaboss Totò Riina das Gemälde als Bettvorleger verwendete.

Ein Jahr nach dem Caravaggio wurde eines der "Ecce Homo"-Bildnisse von Antonello da Messina in einem Museum im norditalienischen Novara gestohlen. 1993 dann Giovanni Bellinis "Madonna mit Kind" aus der venezianischen Kirche Madonna dell'Orto. Auch das gilt bis heute als verschollen.

Ein Happy End gab es hingegen im Fall von Gustav Klimts "Bildnis einer Frau", das 1997 während Sanierungsarbeiten in der Kunstgalerie Ricci Oddi in Piacenza gestohlen worden war. Ein paar Jahrzehnte später kam es wieder zum Vorschein. 23 Jahre lang hatte es nur einen Katzensprung entfernt in einem Spalt der Mauer, die die Galerie umgibt, gelegen. Die Ermittlungen gegen mehrere Verdächtige wurden aber eingestellt, weil es keine Beweise gegen diese gab.

Als besonders spektakulärer ist der Diebstahl 1975 im Palazzo Ducale in Urbino in Erinnerung. Auch in diesem Fall wurden Renovierungsarbeiten ausgenutzt. Das Baugerüst hatte kein Alarmsystem. Für die Diebe war es also ein Leichtes, in den Palazzo einzudringen. Mitgenommen wurden ein Gemälde von Raffael und zwei von Piero della Francesca. Eine skurrile Wendung nahm der Fall, als die Ermittler herausfanden, dass es keine internationale Profibande gewesen war, die den Diebstahl verübt hatte, sondern ein Schreiner aus Pesaro. Auch in diesem Fall konnten die Gemälde sichergestellt und dem Museum zurückgegeben werden.

Ob es im Fall der Magnani-Rocca Gemälde auch ein Happy End geben wird, kann derzeit niemand wissen. Der Brite Christopher Marinello schloss in einem Interview mit der Tageszeitung "Corriere della Sera" ein positives Ende nicht grundsätzlich aus. Marinello ist Gründer und Vorsitzender der Organisation Art Recovery und eine internationale Koryphäe für gestohlene Kunst.

Es sei jedenfalls wahrscheinlicher als im Fall von Juwelen. Diese können zerlegt, eventuell auch geschmolzen werden und erst dann verkauft. Wenn gestohlener Schmuck nicht binnen 24 maximal 48 Stunden wieder auftaucht, dann gelte er als verloren, meint der Experte. Damit ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Schmuckstücke und Juwelen aus dem Louvre wiedergefunden werden. Dasselbe gilt für den Schmuck, der 2019 aus dem Historischen Grünen Gewölbe des Residenzschlosses in Dresden gestohlen wurde.

Da Gemälde nicht zerlegt werden können, besteht Hoffnung, sie irgendwann wiederzufinden. Vielleicht auch erst nach 20, 30, 50 oder mehr Jahren. "Je mehr sich die Nachricht vom Diebstahl verbreitet, umso schwieriger wird es sein, sie zu verkaufen", meint Marinello. Auch im Ausland, wo die Gemälde der drei Impressionisten längst sein könnten. Aber es gibt auch Kunstsammler, denen es egal ist, woher das ersehnte Gemälde stammt, Hauptsache sie besitzen es jetzt.

Quelle: ntv.de

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