Panorama

Traurige Liste wird immer länger Italiens Corona-Ärzte sterben

131253586.jpg

Vor allem Hausärzte sind unter den toten Medizinern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Tausende Ärzte kämpfen in Italien um das Leben von Covid-19-Patienten - und stecken sich selbst an. Auch, weil es an Schutzanzügen und Atemmasken fehlt. Mehr als 60 Mediziner sind bereits gestorben - unter ihnen der Arzt, der früh vor dem Ausmaß der Epidemie gewarnt hatte.

Roberto Stella ist der erste Name auf einer Liste, die Tag für Tag länger wird. Bei seiner Arbeit im Poliklinikum in Busto Arsizio, nordwestlich von Mailand, infizierte sich der Allgemeinmediziner mit Covid-19. Am 11. März starb der 67-Jährige an Atemversagen.

Immer mehr Ärzte, die in Italien alles in ihrer Macht stehende tun, um Corona-Patienten vor dem Tod zu bewahren, bezahlen ihren Einsatz mit dem Leben. Auf ihrer Webseite zählt die italienische Ärztekammer (FNOMCeO) jeden einzelnen Mediziner und jede einzelne Medizinerin auf, die an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben sind. Stand heute stehen 63 Namen auf der Liste, 60 Männer und 3 Frauen.

Gestorben sind Ärzte im Alter zwischen 49 und 90 Jahren, sie stammen aus ganz Italien von Como bis Caltanissetta. Die meisten Fälle gibt es in Bergamo und Umgebung. Aus der am schwersten betroffenen Region Italiens sendeten Klinikärzte vor einer Woche schockierende Bilder aus einer Notaufnahme. In Bergamo verlor auch der 90-jährige Flavio Roncoli sein Leben. Wie viele der verstorbenen Mediziner kehrte der pensionierte Arzt in seinen Beruf zurück, um Kollegen und Patienten in der Krise zur Seite zu stehen. Ebenfalls in Bergamo arbeitete eine der drei Ärztinnen, die nach einer Corona-Infektion verstarben. Vincenza Amato war als Ärztliche Direktorin zuständig für Hygiene und Gesundheitsprävention. Im kommenden Jahr wollte die 65-Jährige in Pension gehen.

Vor allem Hausärzte infizieren sich

Die Mehrzahl der in den letzten Wochen verstorbenen Mediziner waren Hausärzte. Dass besonders sie häufig angesteckt wurden, hat einen Grund: Sie waren schon vor der offiziellen Ausbreitung der Epidemie in Kontakt mit zahllosen Patienten, die vermutlich bereits an Covid-19 erkrankt waren und in ihre Praxen kamen. An Schutzkleidung hatte zu dem Zeitpunkt noch niemand gedacht.

Einer dieser Ärzte war Marcello Natali. Der 57-Jährige schlug schon kurz nach dem Ausbruch der Epidemie in Italien Alarm, dass das Land auf eine medizinische Katastrophe zusteuere. Wie recht er hatte, musste der Allgemeinmediziner jeden Tag in seiner Praxis in Codogno hautnah miterleben. Codogno liegt etwa 60 Kilometer südöstlich von Mailand und war eine der ersten Städte, die in Italien zur "Roten Zone" erklärt und abgeriegelt wurden. Im örtlichen Krankenhaus soll sich der sogenannte "Patient eins", der inzwischen genesen ist, mit dem Coronavirus angesteckt haben.

Corona-Patienten ohne Handschuhe behandelt

Als die Fallzahlen stiegen und viele seiner Kollegen in Quarantäne gehen mussten oder krank wurden, öffnete Natali seine Praxis auch für deren Patienten, um sie in einer so schwierigen Situation nicht alleine zu lassen. Das berichtete eine Kollegin der Zeitung "Il Resto del Carlino". "Er hat sich nie geschont, obwohl wir keinen angemessenen Schutz hatten." In einem der letzten Interviews, die er vor seinem Tod gab, erzählte Natali dem Sender "Euronews", dass er bei der Behandlung von Corona-Patienten keine Handschuhe tragen konnte. Es gab einfach nicht genug für alle.

Zuletzt erhobenen Daten zufolge sind in Italien weit über 6000 Klinik-Mitarbeiter mit Corona infiziert. Und mit jedem neuen Fall spitzt sich die Situation weiter zu, vor allem im stark betroffenen Norden des Landes. Auch wenn sich die Kurve der Neuerkrankungen abzuflachen scheint, sind die Intensivstationen noch immer überlastet. In einem Nachruf auf Roberto Stella sagte Silvestro Scotti, der Nationalsekretär des Verbandes der Allgemeinmediziner: "Sein Tod stellt den Aufschrei aller Kollegen dar, die auch heute noch nicht mit dem notwendigen individuellen Schutz ausgestattet sind."

Quelle: ntv.de