Panorama

Impfkampagne in Bergamo "Italiens Wuhan" verschleppt den Impfstart

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Die ersten Impfungen wurden medienwirksam verabreicht, danach passierte erstmal nicht viel.

(Foto: Papa Giovanni XXXIII,Bergamo)

Die Lombardei, Italiens Musterregion, ist den Herausforderungen der Pandemie nicht gewachsen. Im Herbst fehlte es an Grippeimpfungen, jetzt ist sie Schlusslicht beim Impfen gegen das Virus. Auch Bergamo, das "Wuhan" Italiens.

Eigentlich hätte man erwartet, dass gerade in der Provinz Bergamo, die während der ersten Coronavirus-Welle zu "Italiens Wuhan" wurde, die Impfkampagne mit besonderem Elan starten würde. Im Frühjahr starben hier 6500 Menschen an oder mit dem Coronavirus, die Dunkelziffer deutet aber auf über 10.000 Opfer hin. Die mit Särgen beladenen Kolonnen von Militärlastern gehören zu den dramatischsten Bildern dieser Pandemie.

Doch von raschem Handeln war nichts zu sehen. Zumindest in den ersten Januartagen, obwohl seit dem 31. Dezember die Impfdosen zur Verfügung standen. Nach der V-Day-Show am 27. Dezember, als in den Krankenhäusern der ganzen Region und auch im größten Krankenhaus der Provinz, dem Papa Giovanni XXIII Impfungen vor laufenden Kameras durchgeführt wurden, war nichts mehr geschehen. Der Gesundheitsreferent der Lombardei, Giulio Gallera, hatte den Start der Impfkampagne auf den 11. Januar festgelegt. Einen Beschluss, den er in einem Interview am 3. Januar mit der Tageszeitung "La Stampa" so begründete: "Ich rufe doch nicht die Ärzte wegen der Impfungen aus dem Urlaub zurück".

Lombardei unter den Schlusslichtern

Es stimmt zwar, dass abgesehen von Israel nirgendwo die Impfkampagne vorbildlich gestartet ist, und Italien immerhin an zweiter Stelle liegt, was die Zahl der verabreichten Impfungen in Europa betrifft. Dass sich jedoch gerade die Lombardei bei den Impfungen unter den Schlusslichtern befindet, hat für großes Aufsehen gesorgt. Immerhin ist es die Vorzeigeregion des Landes und war noch dazu am stärksten vom Coronavirus betroffen. Am 4. Januar hatte die Region Latium 61,9 Prozent der erhaltenen Impfdosen verabreicht, die Lombardei gerade einmal 9,2 Prozent. Nur Sardinien und Kalabrien schnitten noch schlechter ab.

"Mich wundert das Debakel nicht", sagt die Journalistin und Buchautorin Gessica Costanzo ntv.de. Sie wohnt im Val Seriana, dem "Tal des Virus", wie auch der Titel ihres penibel recherchierten Reportage-Buchs lautet. In diesem erzählt sie zusammen mit Davide Sapienza über die tragischen Wochen im Frühjahr. Nie hätte sie sich vorstellen können, so viel Leid zu erleben. Sie fühlte sich geborgen in der Lombardei, der Region mit dem besten Gesundheitswesen im ganzen Land. Jetzt stellt sie ernüchtert fest: "Die Region hat es nicht einmal zustande gebracht, genügend Grippeimpfungen zu bestellen. Meine Eltern müssen deswegen dieses Jahr ohne auskommen."

Gesundheitsreferent Gallera soll jetzt seinen Posten räumen. "Der Impfstart am 11. Januar war aber nicht wegen der Ferien festgelegt worden", stellt Fabrizio Limonta, Direktor des Gesundheits- und Pflegebereichs vom Krankenhaus Papa Giovanni, im Gespräch mit ntv.de fest. Die Lieferung des Impfstoffes sei für die erste Januarwoche vorgesehen gewesen, daher der 11. Januar. Doch dann kam er schon am 31. Dezember. "Und da haben wir im Einvernehmen mit der Region das Datum vorgezogen. Wobei natürlich noch vieles zu organisieren war."

Warten auf die Impfung

Am 5. Januar war es dann in den fünf Impfzentren der Provinz Bergamo endlich soweit. Im Papa Giovanni wurden an jenem Tag 150 Ärzte, Krankenschwester, Pfleger und Administrative geimpft. "Während der ersten Phase werden wir neben unserem Personal auch Hausärzte, Kinderärzte und die Freiwilligen auf den Ambulanzen impfen. Alles in allem handelt es sich um 13.392 Personen", fügt Limonta hinzu. Das Krankenhaus liefere außerdem den Alters- und Pflegeheime den Impfstoff und schule das dortige Personal. Ziel des Papa Giovanni sei es, 230 Impfungen pro Tag durchzuführen. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Mehrere Ärzte aus Bergamo, die nicht genannt werden wollen, sagten ntv.de, sie hätten zwar schon am 31. Dezember das Impfformular ausgefüllt, doch nur ein paar von ihnen seien inzwischen kontaktiert worden.

Zu denjenigen, die schon am "V-Day" in Bergamo geimpft wurden, gehört Guido Marinoni, ehemaliger Hausarzt in Rente und Vorsitzender der städtischen Ärztekammer. "Ich bin ein sogenannter Testimonial", sagt er am Telefon zu ntv.de. "Wobei ich mir sicher bin, dass die Bergamaschi nach all dem, was sie durchgemacht haben, gar nicht erst überzeugt werden müssen. Sie warten nur darauf, dranzukommen."

Zurück in die Normalität

Galleras Bemerkung sei ein Missgeschick, über das es sich gar nicht zu diskutieren lohne, sagt Marinoni. Es gäbe Wichtigeres, um das man sich kümmern müsste. Allen voran die Organisation der Massenimpfung. Jetzt wo die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema auch den Impfstoff von Moderna zugelassen hat, wird sie ja nicht mehr lange auf sich warten lassen. Der Covid-19-Sonderkommissar Domenica Arcuri rechnet mit 5,9 Millionen geimpften Italienern bis Ende März, bis Ende Mai mit 21,5 Millionen. Marinoni bleibt sachlich, ihn interessiert weitaus mehr, wie man die Massenimpfung zu organisieren gedenkt. "Im Moment haben wir in ganz Italien 293 Impfzentren, die sich in Krankenhäusern befinden." Es sei aber undenkbar, das dortige Personal auch mit der Impfkampagne der ganzen Bevölkerung zu belasten. "Die Hausärzte müssen miteinbezogen werden", sagt Marinoni. "Doch Rom scheint im Moment das Problem und die mögliche Lösung vollkommen auszublenden."

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So sollen Italiens Impfpavillions aussehen.

(Foto: screenshot ntv.de)

Auch der Bürgermeister von Bergamo, Giorgio Gori, klagte in einem Interview über die Funkstille zu diesem Thema seitens der Regierung. Wobei es doch sinnvoll wäre, die Organisation den Gemeinden zu überlassen. In einer Stadt wie Bergamo mit 120.000 Einwohnern wäre es nicht schwer, die nötigen Strukturen bereitzustellen, um die Impfungen, wie schon die für die Grippe, sicher durchzuführen.

Im Moment gibt es aber für die zweite Impfphase nur ein paar schöne Entwürfe, auf denen man auch den Mailänder Domplatz sieht und mitten drin einen runden Pavillon mit der Abbildung einer großen bunten Primel auf dem Dach und rund um den Pavillon. Die Botschaft lautet: "Italien steht mit einer Blume wieder auf." Entworfen hat sie - unentgeltlich der Stararchitekt Stefano Boeri. Arcuri hatte ihn darum gebeten, denn für die Massenimpfung werden weitere 1200 Impfzentren, eins pro 40.000 Einwohner, benötigt. Boeri gab seinen Entwurf Mitte Dezember ab. Wann und wo genau die Pavillons stehen werden, weiß jedoch noch niemand. Die Primel ist ein Frühblüher, Boeri hat sie als gutes Omen gewählt. Man kann nur hoffen, dass sie die Erwartungen nicht enttäuscht.

Quelle: ntv.de