Panorama

Verwahrloste Fünfjährige Jugendamt muss Akte offenlegen

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Der Fall der Familie aus Eberswalde war dem Jugendamt seit 2017 bekannt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Jahrelang soll eine Fünfjährige in Eberswalde massiv vernachlässigt worden sein - obwohl das Jugendamt ihre Familie betreute. Die Staatsanwaltschaft ermittelte mangels Informationen zunächst gegen Unbekannt. Doch nun muss das Jugendamt die Akte weitergeben.

Im Fall der Fünfjährigen aus Eberswalde, die jahrelang vernachlässigt worden und kein Tageslicht gesehen haben soll, muss das Jugendamt die betreffenden Akten an die Staatsanwaltschaft übergeben. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) RTL. Dank eines richterlichen Beschlusses erhält die Staatsanwaltschaft damit Informationen zum Aufenthaltsort des Mädchens und Daten zu dessen Eltern, gegen die nun ermittelt wird. Gleichzeitig kann das Kind untersucht werden. Es war Medienberichten zufolge kurz vor Weihnachten vom Jugendamt verwahrlost, "mit Anzeichen von Unterernährung" sowie "Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten" in eine Klinik gebracht worden.

Die Familie der Fünfjährigen war den Behörden schon länger bekannt und wurde vom Jugendamt betreut. "Wir sind mit dem Jugendamt der Kreisverwaltung Barnim bereits seit Mitte 2017 bemüht, Hilfe in diese Familie zu bringen", sagte der Landrat des Kreises Barnim, Daniel Kurth. Sozialdezernentin Yvonne Dankert berichtete, eine erste Meldung über die Familie habe es 2017 gegeben. Alle Hilfsversuche blieben laut Kreis aber zunächst erfolglos. Ab November 2019 habe eine beim Amtsgericht erwirkte Familienhilfe Einblick in die Familienstruktur ermöglicht. Eine Mitarbeiterin aus dem Kinderschutz habe dann eine Gefahrenmeldung abgegeben.

Die beiden Geschwister kamen dem Kreis zufolge zeitgleich mit dem Mädchen in Obhut. Bei ihnen gebe es jedoch keine Hinweise auf eine derartige Vernachlässigung wie bei dem Mädchen, sagte Dankert. Zu Eltern und Wohnumfeld machte der Landkreis keine Angaben.

Die "Märkische Oderzeitung" hatte am Samstag berichtet, das Mädchen habe jahrelang kein Tageslicht gesehen, solle mindestens zwei Jahre auf sich allein gestellt gewesen sein und habe einen verwahrlosten Eindruck gemacht. "Das können wir nicht bestätigen", sagte der Landrat am Montag. Der endgültige Bericht des Krankenhauses stehe noch aus. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) leitete ein Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen - zunächst gegen Unbekannt, weil keine Informationen zu der Familie vorlagen.

"Zu nachsichtig gehandelt"

Das Jugendministerium Brandenburg erklärte, nur wenn sich herausstellen sollte, dass das Jugendamt seinen Pflichten nicht ausreichend nachgekommen sei, müsse über ein mögliches rechtsaufsichtliches Verfahren entschieden werden. Der Landrat sagte, der Kreis sei bemüht, die Gesundheitssituation des Kindes sowie den Förder- und Hilfsbedarf aller drei Kinder auszuwerten. Von Amts wegen seien verschiedene Anzeigen erstattet worden. Der Landrat beschrieb die Aufgabe des Jugendamts als schmale Gratwanderung. Abwägungen seien im Nachhinein immer einfacher als zu Beginn eines solchen Prozesses. Zugleich bemerkte Kurth, an manchen Stellen sei "zu nachsichtig gehandelt worden". 

Die Dezernentin verteidigte das Vorgehen. "Wir haben den Auftrag, Hilfen anzubieten", sagte sie. "Wir haben als Grundsatz nie eine Anzeigepflicht." Man sei um vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Familien bemüht. Kinder würden allerdings aus dem jeweiligen Haushalt genommen, wenn akute Gefahr ersichtlich sei. Über den aktuellen Fall des Mädchens sagte Dankert: "Es ist nicht alltäglich, es ist aber auch keine Besonderheit." Das Jugendamt hole im Rahmen von Kinderschutz regelmäßig ärztliche Gutachten und Stellungnahmen ein. Im Landkreis habe man in den vergangenen Jahren vermehrt Gefährdungsmeldungen zu verzeichnen.

Quelle: ntv.de, ftü/dpa