Panorama
Einwohner der Dorfes Iitate, etwa 40 Kilometer vom AKW entfernt, hören ihrem  Bürgermeister Norio Sugano zu, der den neuesten Evakuierungsplan der Regierung verkündet.
Einwohner der Dorfes Iitate, etwa 40 Kilometer vom AKW entfernt, hören ihrem Bürgermeister Norio Sugano zu, der den neuesten Evakuierungsplan der Regierung verkündet.(Foto: AP)
Mittwoch, 13. April 2011

"Unbedenklichkeits-Schein" nötig: Kan dementiert "Todeszone"

Die eklatanten Informationsfehler der japanischen Regierung im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe nehmen kein Ende. Ministerpräsident Kan und sein Sonderberater Matsumoto sorgen für Verwirrung mit ihren Äußerungen zur jahrzehntelangen Unbewohnbarkeit der Evakuierungszone. Die Bewohner dort brauchen inzwischen einen "Unbedenklichkeits-Schein".

Die Evakuierungszone rund um den Unglücksreaktor Fukushima könnte aus Sicht des japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan für die nächsten 20 Jahre unbewohnbar bleiben. Kenichi Matsumoto, Sonderberater der Regierung, sagte dies nach Informationen der Nachrichtenagentur Jiji Press in Tokio.

Da diese Äußerungen offenbar zu großer Aufregung in Japan führten, haben sie sowohl Kan auch Matsumoto später dementiert, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo.

Kühe verhungern in ihren Ställen in Minami Soma, nachdem die Bewohner die Stadt verlassen mussten.
Kühe verhungern in ihren Ställen in Minami Soma, nachdem die Bewohner die Stadt verlassen mussten.(Foto: AP)

Matsumoto hatte Kan vorgeschlagen, eine umweltfreundliche Stadt für bis zu 100.000 Evakuierte im Inland der Präfektur Fukushima im Nordosten Japans zu bauen. Als Vorbild für den Neubau sollen die deutschen Gartenstädte dienen, sagte Matsumoto.

Gartenstädte wurden in Deutschland erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet. Ziel war es, die Lebensbedingungen der Menschen durch weiträumige und niedrige Bauweisen zu verbessern sowie Mieterhöhungen zu vermeiden.

"Unbedenklichkeits-Schein" für Bewohner

Wohin jetzt?
Wohin jetzt?(Foto: AP)

Bewohner aus der Umgebung des havarierten AKW müssen neuerdings nachweisen, dass sie nicht radioaktiv verstrahlt sind. Können sie die amtliche Bescheinigung nicht vorlegen, werden sie zum Beispiel in den Notunterkünften für Tsunami-Opfer abgewiesen.

Die Angst vor einer "radioaktiven Ansteckung" geht inzwischen so weit, dass ein Krankenhaus in Fukushima die Behandlung eines achtjährigen Mädchens aus Minamisoma verweigerte, nur weil es keinen Unbedenklichkeits-Schein hatte. "Das war ein Schock", sagte ihr Vater Takayuki Okamura der Zeitung "Mainichi": "Als hätten wir mit unserem neuen Leben als Evakuierte nicht schon genug Sorgen". Die Kleine hatte demnach bereits einen Termin für die Haut-Behandlung.

Ausgestellt werden die Bescheinigungen von den Behörden der Präfektur Fukushima. Ziel der Initiative sei es eigentlich gewesen, den Menschen in den Auffangzentren die Panik vor ihren Schicksalsgenossen aus der Evakuierungszone um Fukushima zu nehmen, erläuterte ein Vertreter der Gesundheitsdienste. Kosuke Yamagishi betonte, außer den Kraftwerksarbeitern sei niemand aus den Evakuierungszonen gefährlich für seine Mitmenschen - "die Leute übertreiben".

Ein Mitarbeiter in einem Zentrum der Stadt Fukushima zeigte sich dagegen unnachgiebig: "Alle Bewohner aus der Evakuierungszone müssen das Zertifikat vorlegen. Haben sie es nicht, müssen sie sich hier testen lassen, sonst kommen sie nicht rein. Wir wollen, dass sich die anderen Bewohner sicher fühlen."

Fünfte Putzmeister-Pumpe auf dem Weg

Im AKW Fukushima 1 gehen derweil die Sicherungsarbeiten weiter. Die letzte der fünf Riesen-Pumpen des Pumpenherstellers Putzmeister aus dem baden-württembergischen Aichtal ist auf dem Weg zur Atomruine. Vor Ort wird die Pumpe an Mitarbeiter des Betreibers Tepco übergeben. Wann das Gerät dann tatsächlich bei der Kühlung der Atomruine Fukushima zum Einsatz kommt, ist aber noch unklar. Die erste der fünf Pumpen ist bereits seit März im Einsatz. Mit den bis 70 Meter langen Armen kann flüssiger Beton oder Wasser auf die Meiler gespritzt werden. Die Geräte sind bis zu 80 Tonnen schwer und kosten bis zu 1,5 Millionen Euro.

Erfahrungen bei extremen Einsätzen hat das Unternehmen schon bei der Atomkatastrophe in Tschernobyl gesammelt. Nach dem dortigen Super-GAU im Jahr 1986 unterstützten mehrere schwäbische Pumpen die Sicherung des explodierten Reaktors mit Beton. Die japanische Regierung hatte wegen dieser Erfahrungen Kontakt zu Putzmeister aufgenommen.

Noch mehr hochgradig verstrahltes Wasser

Mit Barrieren soll das radioaktive Wasser nun aufgehalten werden, während parallel schwach verseuchtes Wasser ins Meer gepumpt wird.
Mit Barrieren soll das radioaktive Wasser nun aufgehalten werden, während parallel schwach verseuchtes Wasser ins Meer gepumpt wird.(Foto: AP)

Mitarbeiter des Energiekonzerns Tepco pumpen seit Dienstagabend (Ortszeit) erneut radioaktiv verstrahltes Wasser ab, welches sich in einem Tunnelschacht des Reaktors 2 angesammelt hat. Mit Hilfe von Behelfspumpen leiten sie hochgradig verseuchtes Wasser, in einen Auffangbehälter des Turbinengebäudes.

Die Brühe behindert die Bemühungen zur Kühlung der Reaktoren. Tepco plant, insgesamt rund 60 Millionen Liter Wasser aus den Kellern der Reaktoren 1 bis 3 zu entfernen. Dies entspricht etwa dem Inhalt von 24 Olympia-Schwimmbecken mit zwei Metern Tiefe.

Gleichzeitig sucht Tepco nach einer endgültigen Lösung für das beschädigte Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe von Reaktor 4. Nach Angaben eines Sprechers entnahmen die Arbeiter mit Hilfe eines an einem 62 Meter langen Pumpenarm befestigten Behälters eine Wasserprobe. Sie soll Aufschluss geben über den Zustand der 1331 Brennstäbe in dem beschädigten Becken - erst dann lässt sich einschätzen, ob sie sich herausholen und sicher versiegeln lassen. Einem Bericht der Zeitung "Asahi Shimbun" zufolge sieht einer der Pläne vor, die Brennstäbe in Stahlkassetten zu versiegeln und aus dem Becken zu holen. Dafür müssten unter Umständen Leitern eingesetzt werden, da die Kräne vor Ort beschädigt sein könnten.

IAEA sieht Unterschiede

Noch immer ist die Stadt Sendai voller Trümmer.
Noch immer ist die Stadt Sendai voller Trümmer.(Foto: AP)

Japan hatte die Strahlengefahr Wie Atomstörfälle bewertet werden wie bei der ukrainischen Reaktorkatastrophe vor 25 Jahren. Es gibt jedoch auch Experten, die der japanischen Einschätzung widersprechen. So ist die Gefahr, die von den japanischen Reaktoren ausgeht, aus IAEA und WHO halten Berichte zurück nicht so groß wie in der Sowjetunion 1986.

Die Hochstufung erfolgte auf Basis der gesamten ausgetretenen Radioaktivität, die nach japanischen Angaben einem Zehntel der ausgewichenen Strahlung von Tschernobyl entspricht. Laut IAEA gehen die japanischen Behörden davon aus, dass bislang insgesamt 370.000 Terabecquerel Radioaktivität entwichen ist. In Tschernobyl lag der Wert dagegen bei 5,2 Millionen Terabecquerel.

Die IAEA hatte wiederholt erklärt, dass die Tschernobyl-Katastrophe auf menschliches Versagen und Konstruktionsfehler zurückzuführen war, während die Krise in Fukushima durch ein beispielloses Erdbeben und anschließenden Tsunami ausgelöst wurde. "Die Mechanismen des Unfalls sind sehr anders", sagte der Chef für Nuklearsicherheit der IAEA, Denis Flory. Der Reaktor in Tschernobyl habe im Gegensatz zu Fukushima keinen Reaktorbehälter gehabt. Dieser sei in Fukushima trotz mehrerer Explosionen noch immer intakt. Zudem hätten sich die japanischen Reaktoren automatisch abgeschaltet. Flory fügte hinzu, dass die japanischen Behörden in ihrem Krisenmanagement nicht anders gehandelt hätten, wenn der Unfall früher hochgestuft worden wäre.

China wirft Japan "bewusste Täuschung" vor

Der Strom radioaktiv verseuchten Wassers in den Pazifik belastet Japans Beziehungen zu seinen Nachbarn. Vor allem China verschärft seinen Ton gegenüber der japanischen Regierung. Die Staatszeitung "Global Times" schrieb von "bewusster Täuschung" und forderte eine Entschuldigung des japanischen Ministerpräsidenten Kan.

Die als Sprachrohr der kommunistischen Partei in China geltende "Global Times" warf Kan und seiner Regierung vor, die "Wahrheit" über das Ausmaß der Katastrophe verschwiegen zu haben.

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Außenminister Takeaki Matsumoto gab inzwischen zu, dass Japan erst nach Beginn der Einleitung die Botschaften der Pazifik-Anrainerstaaten informiert hat. "Es ist wahr, dass unsere Benachrichtigung erst versendet wurde nachdem der Wasserabfluss begonnen hat", sagte Matsumoto im Parlament. Inzwischen seien die Kommunikationskanäle jedoch verbessert worden. "Wir bedauern, dass wir bei der Weitergabe der Informationen zwei Minuten zu spät waren." Rund 10.000 Tonnen des schwach verseuchten Wassers wurden bereits ins Meer abgeleitet.

Quelle: n-tv.de