Besuch auf der BiennaleKann man nach Butscha noch Kunst machen?

Die Ukraine ist das beherrschende Thema der Biennale in Venedig, auch wenn sie sich darauf nicht reduzieren lässt. Es ist eine Biennale mit deutlicher Übermacht von Künstlerinnen. In Venedig ist auch ein ganz Großer, der Bildhauer und Maler Heinz Mack.
"Kann man nach Butscha noch Kunst machen?", fragt einer der Kuratoren des Pavillons der Ukraine, Borys Filonenka, auf der Kunstbiennale von Venedig in die Runde. "Ja, unbedingt", antwortet der ukrainische Künstler Pavlo Makov, dessen Werk auf abenteuerliche Weise unter Bomben- und Raketenhagel aus Kiew nach Venedig geschafft wurde: "Man muss sogar! Kunst ist Ausdruck des Lebens, der Wünsche und Hoffnungen der Menschen: Wir Künstler kämpfen an der 'Kunstfront', während unsere Soldaten unser Land militärisch verteidigen."
Was ist die "Kunstfront"? Das ist, so verstehen es die Künstler, die Freiheit zur kreativen Schöpfung. Gehasst, ja gefürchtet von Diktatoren, weil sie Angst haben, von der Kunst lächerlich gemacht zu werden: Man denke nur an Charlie Chaplins Karikatur eines Diktators, damals gegen Mussolini gerichtet.
Pavlos Arbeit hat rein gar nichts Kriegerisches an sich. Sie besteht aus 72 Kupfertrichtern: "Der Brunnen der Erschöpfung". Es ist eine Arbeit über die Endlichkeit unserer Wasserreserven, ein Thema, an dem der Künstler schon seit über zwanzig Jahren immer wieder arbeitet, der Raubbau der Naturreserven, "auch als Erbe der sowjetischen Zeit". Durchaus kritisch auch gerade gegenüber der Stadtverwaltung von Kiew, also wahrlich keine politische Apologetik.
Nur ein Zeichen: Wir schweigen nicht. Wir sind noch da.
Als der Krieg begann, wussten Makov und die drei Kuratorinnen des Pavillons: Wir müssen ein Lebenszeichen setzen. Mut machen. "Wir sind eine Woche mit dem Auto gefahren, alle zusammen." Die drei Kuratorinnen, der Künstler und das Baby der einen Kuratorin, Lizaveta German, auf der Flucht in Lwiw geboren und dort auf den Namen Herman getauft: "Es sollte ein internationaler Name sein", sagt Lizaveta.
Der Aggressor fehlt
Sollte der Pavillon der Ukraine die 59. Kunstbiennale das erste Mal seit 1895 gewinnen? Das ist gar nicht mehr nötig. Die Ukraine ist eh schon das beherrschende Thema in der Lagunenstadt geworden. Der direkte "Konkurrent", der Aggressor, fehlt: Der Pavillon Russlands ist geschlossen geblieben, weil Künstler und Kuratoren nach dem Beginn des Überfalls auf die Ukraine zurückgetreten sind.
Natürlich darf die Biennale nicht auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine reduziert werden. Damit täte man den 191 Künstlerinnen und 22 Künstlern der Hauptausstellung im Zentralpavillon unrecht. Es geht um deren 1433 Werke und die aller anderen Kunstschaffenden: frei geschaffen.
Es ist eine Biennale mit deutlicher Übermacht weiblicher Künstlerinnen, die die italienisch-amerikanische Kuratorin Cecilia Alemani zur Biennale unter dem Titel "Milch der Träume" eingeladen hat, nach dem Titel eines Kinderbuches der britisch-mexikanischen Surrealistin Leonora Carrington. Alemani geht es darum, den Blick weg von europäischer Bauchnabelschau in die Welt zu lenken, auch diejenigen einzuladen, die bis heute keine Chance hatten.
Der Elefant im Hauptpavillon
Alemani lud viele Künstler:innen ein, die im großen Kunstbetrieb eher am Rande standen, gerade auch Vertreter der "Outsider-Art". Da ist die Auswahl sehr viel mehr weiblicher Künstlerinnen schon beinah eine natürliche Folge.
Der Blick von Frauen auf eine von Männern beherrschte Welt. Ein Elefant, geschaffen von der deutschen Katharina Fritsch, aufgestellt in der großen Eingangshalle des Hauptpavillons der Biennale, soll uns darauf hinweisen, dass wir Menschen - Männer? - uns doch bitte nicht als den natürlichen Mittelpunkt der Welt sehen sollten, sondern da stünde besser die von uns Menschen so gefährdete Naturwelt und ihre von uns bedrohten Bewohner.
Den deutschen Pavillon hat Maria Eichhorn komplett destrukturiert, bis auf die Fundamente. Von beklemmender Aktualität. Als hätte sie geahnt, was in diesen Tagen in Europa -wieder- passieren würde.
Die Bamberger Künstlerin legt offen, wie der zuvor allein "bayerische" Pavillon in den Gärten der Biennale 1938 kantig-klassizistisch zum "deutschen Pavillon" in seiner düstersten Bedeutung umgebaut wurde. Die Künstlerin entleert den Bau komplett all seiner inneren Bauteile und bietet den Besuchern stattdessen geführte Touren durch Venedig zu den Wirkungsstätten des antifaschistischen Widerstandes in der Lagune an, oder zum jüdischen Ghetto, aus dem die SS zweihundertvierundfünfzig Juden in die Vernichtungslager deportierte. Nur acht von ihnen kamen lebend zurück.
Ukraine-Ausstellung in der Scuola Grande
Als direkte Reaktion auf die Invasion der Ukraine antwortete der Kurator Bjorn Geldhof in weniger als einem Monat eine Ausstellung in der Scuola Grande della Misericordia mit dem Titel "This is Ukraine: Defending Freedom".
Dort stellen international bekannte Künstler aus wie Damien Hirst, der ein Werk schuf mit dem Titel "Sky over a Cornfield", die Aktionskünstlerin Marina Abramovic mit der Video-Kreation "Count on Us" und Takashi Murakami mit "Ukraine War and Peace" neben jungen ukrainischen Künstlern wie Nikita Kadan, Lesia Khomenko und Yevgenia Belorusets. In einem Raum prangt auf einem 40 Meter breiten Plakat das Mädchengesicht von "Valeria", einem aus der Ukraine geflohenem Kind, welches der Pariser Künstler JR schon auf vielen Plätzen der Ukraine und Europas gezeigt hat.
Im Mittelpunkt der Ausstellungsfläche in den "Gardini" vor dem Hauptpavillon haben die Kuratorinnen der Ukraine in Windeseile eine "Piazza Ucraina" errichtet: Umgeben von angebrannten Holzsäulen haben die Ukrainer einen Turmbau von Sandsäcken errichtet, unter denen in der Ukraine Denkmäler vor den russischen Bomben geschützt werden sollen. Auf den Säulen sind Fotos und Gedichte, Tagebücher von Überlebenden, Soldaten, Frauen und Kindern angepinnt.
Trotz allem und alldem: Die Kunstbiennale ist wiederauferstanden, nachdem sie im letzten Jahr nicht stattfinden konnte, wegen der Pandemie auf dieses Jahr verschoben wurde. Doch statt ein großes Fest zu sein, muss die Biennale Trauer und auch Wut verarbeiten. Venedig ist und bleibt der größte offene Kunst-Meetingpoint der Welt: "Endlich wieder Kunst direkt erleben und gemeinsam mit Freunden besuchen können, den physischen Kontakt zu Werken und eben oft auch zu den Künstlern selber genießen", wie die Kuratorin Almani ihre ganz persönliche Freude unterstreicht.
Heinz Mack im Licht des Südens
Nach Venedig kam auch ein ganz Großer der Kunst, er hat der Biennale wieder einmal ein Geschenk gemacht, nachdem er vor acht Jahren mit goldfarbenen Stelen die Lagune mit dem Sonnenlicht-Reflexen verzauberte: Der Gewinner der 35. Biennale von 1970 mit dem deutschen Pavillon, der Bildhauer und Maler Heinz Mack, Begründer der Kunstbewegung "Zero".
Unter dem Titel "Vibrationen des Lichtes" zeigt Mack im prächtigen Sala Sansoviniana der Biblioteca Nazionale Marciana, mit Blick auf Lagune, direkt vis-a-vis des Dogenpalastes, eine große Retrospektive seiner Werke, die sich immer mit dem Thema Licht beschäftigt: "Wo würde meine Werkschau besser hinpassen als nach Venedig, eine Stadt, die ein einziges Gesamtkunstwerk aus Licht und Farben ist?", fragt der heute 91-jährige Mack. "Nur nach Venedig", lautet die Antwort, "ins Licht des Südens".
Seit 60 Jahren arbeitet Mack an seiner "vielfarbigen und monumentalen Farbfeldmalerei". Mack dekliniert dabei ein und dieselbe Botschaft in allen Farben durch: Wie "essenziell Licht für unsere Existenz und den Fortbestand von Leben auf der Erde ist". Die Strukturen hinter der gegenständlichen Welt erkennen, das ist das "Bild in einem Rastermikroskop, welches mir Physiker in Jülich gezeigt haben, ich aber in meinen Handzeichnungen schon genauso gesehen habe", beschreibt er seine Kunst der Auflösung von Strukturen, Perspektive, die "Gegenstandslosigkeit".
Auf die besondere Bedeutung von Kunst in Zeiten des Krieges in der Ukraine angesprochen, wird Mack nachdenklich. "Ich bin geradezu verdächtigt, ein radikaler Humanist zu sein, aber letztlich bin ich keine politische Figur. Natürlich kann und will ich dem, was in der Welt passiert, nicht aus dem Wege gehen." Sein Credo sei allgemeiner: "Ich sage es auch allen Politikern, die ich treffe: Nirgendwo ist die Freiheit besser aufgehoben als in der Kunst - und leider ist der Kulturetat immer der Kleinste, und das ist nicht gut."