Panorama

Hunderttausende Opfer weltweit Katholische Kirche braucht "Chemotherapie"

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Quo vadis homine? Der Papst auf dem Weg zur Missbrauchskonferenz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Jahrzehnten erschüttern Missbrauchsskandale die katholische Kirche. Auf der Vatikankonferenz fordern Opfer eine "Chemotherapie" für das System. Papst Franziskus verspricht Besserung, doch der weltweite Eklat wirft Fragen auf: Ist die katholische Kirche noch zu retten?

Deutschland: "Gefahr dauert an"

Der Missbrauchsskandal beginnt in Deutschland im Januar 2010 mit einem Brief des Jesuitenpaters und damaligen Schulleiters des Canisius-Kollegs in Berlin: Klaus Mertes bittet die Schüler, ihr Schweigen über sexuelle Gewalt an der Schule in den 70er und 80er Jahren zu brechen. Zahlreiche Missbrauchsfälle in kirchlichen, aber auch weltlichen Einrichtungen wie der Odenwaldschule machen in den folgenden Monaten Schlagzeilen.

Die deutsche Bischofskonferenz beschließt, das Ausmaß der Übergriffe zu erforschen und gibt eine Studie in Auftrag. Die Forscher finden in kirchlichen Personalakten und anderen Dokumenten Hinweise auf 1670 verdächtige Kleriker und 3677 potentielle Opfer zwischen 1946 und 2014.

Das Problem ist damit nicht gelöst: Die von der Bischofskonferenz bezahlten Studienmacher kommen ausdrücklich zu dem Schluss, dass wegen der kirchlichen Strukturen eine unveränderte Gefahr für Kinder besteht. Die Kirche versucht sich seitdem in Reformen. Auf ihrer nächsten Versammlung Mitte März wollen die Bischöfe über den Stand berichten.

Gleichzeitig kommen immer neue Fälle hinzu. Das Bistum Augsburg hat gerade seinen Bericht über ein früheres Kinderheim veröffentlicht, in dem körperliche und sexuelle Gewalt über Jahre zum Alltag gehörten.

USA: Schätzungsweise 100.000 Opfer

In den USA reicht die Skandalhistorie weit zurück: Zwischen 1950 und 2013 gab es in der katholischen Kirche 17.000 Beschwerden wegen sexueller Gewalt. Die Vorwürfe richteten sich gegen rund 6400 Geistliche. Experten schätzen die Zahl der minderjährigen Opfer auf 100.000.

Allein im Bundesstaat Pennsylvania missbrauchten mehr als 300 katholische Priester über Jahrzehnte hinweg mehr als tausend Kinder. Ein im August veröffentlichter Bericht eines Geschworenengerichts brachte ans Licht, dass die Täter Alkohol und Pornografie einsetzten. Kinder seien begrapscht oder vergewaltigt worden, schrieb die Grand Jury.

Die Bischofskonferenz in den USA kündigte im September eine Melde-Hotline für Missbrauchsopfer an. Ein neuer Verhaltenskodex für Bischöfe zum Thema Missbrauch liegt in der Schublade und soll auf Geheiß des Vatikans erst nach dem Krisengipfel im Vatikan abgestimmt werden. Wenige Tage vor der Konferenz entließ der Papst den wegen sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochenen US-Kardinal Theodore McCarrick aus dem Klerikerstand.

Chile: Papst schützt umstrittenen Bischof

  Die Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen sorgt in der katholischen Kirche in Chile seit Monaten für Aufruhr. Etwa 150 Ermittlungsverfahren gegen katholische Geistliche und andere Kirchenvertreter wurden eingeleitet.

Papst Franziskus zog Kritik auf sich, als er während seiner Chile-Reise Anfang 2018 dem umstrittenen Bischof Juan Barros Rückendeckung gab. Barros soll in den 1980er und 1990er Jahren einen pädophilen Priester gedeckt haben. Inzwischen trat Barros von seinem Kirchenamt zurück - genau wie zahlreiche weitere chilenische Bischöfe.

Die Bischofskonferenz des Landes bat die Opfer im August um Verzeihung. Sie kündigte an, ab sofort eng mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten und Ermittlungen öffentlich zu machen.

Australien: Geständige Priester deckt das Beichtgeheimnis

Auch in Australien erschüttern Enthüllungen über Missbrauch und systematische Vertuschung die katholische Kirche. Erst massiver öffentlicher Druck führte 2012 zu einer nationalen Untersuchungskommission. Mehr als 15.000 Opfer wandten sich an das Gremium.

Der Ende 2017 vorgelegte Untersuchungsberichts forderte, das Beichtgeheimnis zu lockern: Priester, denen Missbrauch gebeichtet werde, sollten künftig von ihrem Schweigegelübde befreit werden. Die Bischofskonferenz bezeichnete dies jedoch im August als "nicht verhandelbar". Die australische Kirchenführung erklärte aber, dass sich die "schändliche" Geschichte des Kindesmissbrauchs nicht mehr wiederholen dürfe.

Frankreich: Kardinal steht vor Gericht

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Kardinal Barbarin: Soll Täter gedeckt haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der ranghöchste katholische Geistliche, der sich im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen in Frankreich vor Gericht verantworten muss, ist Kardinal Philippe Barbarin. Ihm wird vorgeworfen, in den 1980er Jahren sexuelle Übergriffe eines Priesters gegen Minderjährige gedeckt zu haben. Der Priester soll rund 70 Pfadfinder missbraucht haben - wurde aber erst Ende August 2015 seines Amtes enthoben. Das Urteil im Prozess gegen Barbarin soll Anfang März fallen.

Irland: Riesiger Vertrauensverlust

In Irland gibt es seit Jahrzehnten Vorwürfe des Kindesmissbrauchs in katholischen Einrichtungen. Die Zahl der minderjährigen Opfer wird auf rund 14.500 geschätzt. Mehrere Bischöfe und Priester wurden wegen sexueller Gewalt oder wegen Vertuschung solcher Taten bereits bestraft. Die Skandale brachten der einst mächtigen katholischen Kirche in Irland einen dramatischen Vertrauensverlust.

Sexuelle Gewalt gegen Nonnen: Versklavung durch Priester

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(Foto: picture alliance/dpa)

Kurz vor Beginn der Vatikankonferenz weitet sich die Missbrauchsdebatte auch auf sexuelle Gewalt in Ordensgemeinschaften aus. Der Papst räumte Anfang Februar erstmals ein, dass Nonnen von Klerikern missbraucht wurden. Mehrere Geistliche seien wegen der Übergriffe suspendiert und einige besonders betroffene Frauenkongregationen aufgelöst worden, sagte Franziskus. In einem Fall war es nach Angaben des Papstes zur "sexuellen Versklavung durch Priester und den Gründer" gekommen.

Quelle: n-tv.de, mau/AFP/dpa

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