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Missbrauch in Staufen Kein Zeichen der Reue

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Berrin T. hatte den Missbrauch an ihrem eigenen Kind organisiert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch zum Ende des Prozess sind die meisten Verfahrensbeteiligten ratlos. Wie konnte die Angeklagte ihren Mutterinstinkt verlieren? Berrin T. verging sich sich an ihrem Sohn und bot ihn zum Missbrauch an. Bis zuletzt findet sie keine Wort für ihr Kind.

Als Richter Stefan Bürgelin sein Urteil verkündet hat, kommt von Berrin T. doch noch so etwas wie eine Andeutung von Mitgefühl. Sie akzeptiere die Verurteilung zu zwölfeinhalb Jahren Haft, lässt die 48-Jährige über ihren Verteidiger erklären - ein Zeichen für ihren Sohn, "dass jetzt wirklich Ruhe ist". Zu einer Entschuldigung scheint T. dagegen nicht in der Lage, alle Prozessbeteiligten sind erschüttert über ihren fehlenden Mutterinstinkt.

Wie ihr Sohn das letzte Urteil in der in Freiburg mit fünf Prozessen verhandelten Tatserie aufnimmt, ist unklar. Nachdem der im badischen Staufen aufgewachsene Junge von Mai 2015 bis September 2017 im Darknet für Vergewaltigungen verkauft wurde und auch wegen eines Versagens der Behörden keinerlei Schutz erfuhr, wird er nun umso mehr geschützt. "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut", sagt seine Rechtsanwältin Katja Ravat nur knapp. Der vor wenigen Tagen zehn Jahre alt gewordene Junge lebt in staatlicher Obhut. Er befindet sich derzeit in einem Urlaub, erst danach will Ravat ihm erzählen, dass seine Mutter nun verurteilt ist.

Was dem Kind durch das Mitwirken der Mutter alles passierte, breitet Richter Bürgelin in seiner Urteilsbegründung in schwer zu ertragenden Details aus. Über lange Minuten erzählt der Richter von den perversen Taten, die die vier überführten Freier sowie der zu zwölf Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilte Stiefvater und die Mutter begingen. Viele der Handlungen kommen aus der Sadomasoszene. Das Kind musste neben den Vergewaltigungen erniedrigende Fesselungen und das Anlegen von Handschellen über sich ergehen lassen.

Mutter als geistig minder begabt eingestuft

Die Mutter Berrin T. sagte in dem Prozess nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Wie der Richter darstellte, weiß die als geistig minder begabt eingestufte Frau sich durchaus darzustellen. So habe sie während der Tatserie die Behörden getäuscht und so den zwischenzeitlich vom Jugendamt zu einer Pflegefamilie gegebenen Jungen zurückbekommen. Danach seien die Vergewaltigungen noch brutaler geworden. Und sie versuchte, ihrem Lebensgefährten alle Schuld zu geben. Ohne ihn säße sie nicht vor Gericht, sagte sie laut Bürgelin aus. Das Argument ließ der Richter aber nicht gelten. Dabei verwies der Richter auf die Besonderheit dieses Falls. Es komme häufig vor, dass sich Sexualstraftäter gezielt alleinerziehende Mütter suchten, um deren Kinder zu missbrauchen. Der Missbrauch passiere in diesen Fällen aber heimlich. Hier aber habe der als Pädophiler vorbestrafte L. die Mutter einbezogen - das sei "sehr selten".

Das erste Tatmotiv sei für die Mutter die Sorge gewesen, ihren neuen Partner wieder zu verlieren. Dann habe sie aber wie ihr Partner auch Gefallen am vielen Geld gefunden - die Freier zahlten zum Teil 5000 Euro für eine Vergewaltigung. Die Mutter wusste nicht nur von den Taten an ihrem Kind. Sie half auch, den Jungen vor Vergewaltigungen zu beruhigen, und brachte ihn zu Tatorten. Und sie verging sich selbst an ihrem Sohn.

Laute Schreie stoppten die Mutter nicht

Erschütternd schildert der Richter die unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom Gericht angesehenen Tatvideos. Darin bezeichnete T. ihren Sohn als "Hure". Sie habe ihn selbst missbraucht, ohne auf sein Weinen und seine Schmerzensbekundungen einzugehen. Schließlich habe ihr Sohn durch "lautes Schreien" seine Schmerzen gezeigt - doch die Mutter habe weiter gemacht. "Das war die heftigste Tat", sagte der Richter.

Nach der Urteilsbegründung räumten alle Prozessbeteiligten ein, im Prozess keine Erklärung für den verlorenen Mutterinstinkt der Frau gefunden zu haben. Diese hat nun alles verloren: Ihren Sohn wird sie nicht wiedersehen, ihre erwachsene ältere Tochter wandte sich ab, ihr Lebensgefährte sitzt auch im Gefängnis. Für den bis heute unter Schlafstörungen leidenden missbrauchten Jungen dürfte nun aber tatsächlich Ruhe einkehren. Alle seine Vergewaltiger sitzen im Gefängnis. Doch ob das Kind die Taten auch verarbeiten kann, traut sich derzeit niemand einzuschätzen.

Quelle: n-tv.de, Ralf Isermann, AFP

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