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Impfungen bald empfohlen? Kinderärzte rechnen mit neuer STIKO-Haltung

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Burkhard Rodeck ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin - hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Nele Balgo.

Jugendliche dürfen eine Corona-Impfung bekommen, eine generelle Empfehlung der STIKO dafür gibt es jedoch nicht. "Noch nicht", betont Burkhard Rodeck von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin im ntv-Interview. Er sieht in den aktuellsten Daten Anlass zu einer Neubewertung.

ntv: Kinder landen zwar selten auf Intensivstationen, es müssen jedoch einige ambulant behandelt oder sogar stationär aufgenommen werden. Ist es überhaupt richtig, dass Kinder von Covid-19 kaum betroffen sind?

Burkhard Rodeck: Doch, die Aussage stimmt nach wie vor. Wir müssen ja berücksichtigen, wie viele Personen in Deutschland eine Infektion hinter sich gebracht haben und wie hoch der Anteil der hospitalisierten Patienten im Erwachsenenbereich ist. Wie hoch ist der Anteil der Erwachsenen, die an Covid-19 verstorben sind? Das muss man vergleichen mit den Kindern, und da sind stationäre Aufnahmen sehr selten, und die Sterberaten sind extrem niedrig.

Was wissen wir über die Folgen der Erkrankung bei Kindern?

Es gibt die Diskussion über Komplikationen, die im Rahmen der Erkrankung auftreten können. Das ist das sogenannte PIMS-Syndrom, eine überschießende Immunantwort, die in unseren Registern bei insgesamt 368 Kindern in Deutschland bislang aufgetreten ist, im Rahmen der gesamten Pandemie also auch hier eine sehr kleine Zahl. Diese Erkrankung muss früh erkannt werden, und wenn sie früh erkannt wird, kann man sie sehr gut behandeln, und sie führt nicht zum Tod. Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt ist das sogenannte Long-Covid-Syndrom. Wir kennen die Diskussionen aus dem Erwachsenenbereich. Das wird es geben. Inwieweit es Kinder betrifft, kann man noch nicht endgültig beantworten. Die ersten Meldungen gehen dahin: ja, das gibt es. Es scheint aber nicht so schwer zu sein und auch nicht so lange anzudauern.

Wie genau äußert sich das Long-Covid-Syndrom?

Das sind körperliche Störungen, die eintreten können. Das ist das, was wir kennen als Fatigue-Syndrom. Man ist schlapp, man ist müde, man kommt nicht so richtig wieder in Gang, und dazu kommen psychosomatische Beschwerden. Dadurch ist es sehr schwierig, zwischen dem sogenannten Long-Covid-Syndrom und - nennen wir es mal "Post-Lockdown-Syndrom" - zu unterscheiden. Denn wir wissen, dass Kinder und Jugendliche durch den Entzug ihrer Sozialkontakte, durch die Beschränkung zum Bildungszugang erheblich leiden und möglicherweise die Krankheitslast, die durch diese Maßnahmen den Kindern aufgebürdet worden sind, sehr viel höher ist als die Krankheitslast durch die Erkrankung selber.

Die USA und Israel legen bei den Kinderimpfungen den Turbogang ein. In Deutschland aber scheint wohl nur Karl Lauterbach eine generelle Kinderimpfung zu empfehlen. Warum sind wir da in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern so skeptisch?

Die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut hat nicht verboten oder davon abgeraten, dass Kinder geimpft werden. Sie hat lediglich eine allgemeine Impfempfehlung noch nicht ausgesprochen - noch nicht. Zu dem Zeitpunkt, als diese Empfehlung kam, lagen gerade mal die Daten aus der Zulassungsstudie von Biontech/Pfizer vor, und in dem Rahmen dieser Zulassungsstudie sind gerade mal 1131 Kinder geimpft worden mit einer Nachbeobachtungszeit von sechs Monaten. Mittlerweile liegen deutlich mehr Daten vor. Es wurden in den Vereinigten Staaten etwa sechs Millionen Kindern geimpft, und es sind verschwindend wenig Nebenwirkungen beobachtet worden. Das heißt, wir gehen davon aus, dass wir sowohl seitens unserer Fachgesellschaft der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin als auch von der STIKO im Laufe der Zeit zu einer anderen Einschätzung kommen.

Was wissen wir über Nebenwirkungen bei Kindern?

Was wir wissen und was wir ein Stück weit natürlich auch beobachten müssen, ist das Auftreten von sogenannten Herzmuskelentzündungen, Myokarditis - selten, sehr selten, der Zusammenhang ist noch nicht ganz klar und bewiesen, aber zumindest gibt es eine gewisse Häufung gerade bei jungen Erwachsenen. Wobei wir hier natürlich auch wieder sehr vorsichtig sein müssen in der Interpretation. Ist das für Kinder tatsächlich ein Problem? Es ist ein sehr seltenes theoretisches Risiko, das deutlich in seiner Problematik als geringer einzuschätzen ist als die Erkrankung selber.

Niedersachsen startet am Wochenende eine Impfaktion speziell für Kinder und Jugendliche, aber einige Impfärzte lehnen es ab, Kinder ohne Vorerkrankungen zu impfen. Ist das ein Haftungsproblem?

Grundsätzlich eigentlich nicht, denn jeder zugelassene Impfstoff unterliegt den Haftungsbestimmungen, die bei jeder Zulassung eines Arzneimittels gelten. Es ist so, dass wir - und das ist auch letztlich das, was die STIKO empfiehlt - eine Impfung bei Kindern bei Aufklärung des Impflings selber, also des Kindes oder des Jugendlichen, letztlich seiner Eltern, und natürlich dem impfbereiten Arzt durchaus durchführen können und diese Impfung auch haftungsrechtlich abgesichert ist.

Anfang August gehen einige Schüler schon wieder zurück in die Klassenzimmer, und momentan grassiert die Delta-Variante. Werden die alten Maßnahmen - Maske, Lüften und Schnelltests - noch ausreichen?

Bei den Schnelltests müssen wir zwei Dinge berücksichtigen. Wir haben zum einen ein Problem mit der sogenannten Sensitivität. Zugelassen werden diese Tests, wenn von zehn tatsächlich infizierten Personen acht erkannt werden. Je jünger die Kinder sind, werden hier teilweise nur zwei von diesen zehn erkannt, weil sie kaum erkranken und wenig Symptome haben. Daher ist die PCR-Pooltestung als Goldstandard der Testungen für diese Altersgruppe sicherlich sehr viel besser geeignet als die Antigenschnelltests.

Mit Burkhard Rodeck sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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