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Wenn Schulen im Herbst öffnen Geimpfte Erwachsene sind bester Schutz für Kinder

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Alle Experten sind sich einig: Die Schulen müssen in diesem Herbst offen bleiben!

(Foto: picture alliance/dpa)

Experten sind sich einig: Um im Herbst einen sicheren Präsenzunterricht an Schulen zu ermöglichen, ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig. Dazu gehören die bekannten AHA+L-Regeln sowie neue und alte Testverfahren. Der beste Schutz für Kinder sind aber wahrscheinlich geimpfte Erwachsene.

Auch wenn die Inzidenz in Deutschland noch sehr niedrig ist, ist absehbar, dass die Fallzahlen spätestens im Herbst wieder ansteigen werden, vermutlich sogar deutlich. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt die hochansteckende Virus-Variante Delta, die bereits das Zepter übernommen hat. Hinzu kommen Lockerungen, Reiseverkehr und eine laschere Einstellung der Bevölkerung. Problematisch wird dies vor allem für Kinder, denn im Gegensatz zu der Mehrheit der Erwachsenen werden die meisten von ihnen bis dahin nicht geimpft sein.

Im Rahmen einer Veranstaltung des Sience Media Center (SMC) haben verschiedene Wissenschaftler diskutiert, wie unter solchen Umständen nach den Sommerferien eine sichere Rückkehr in den Präsenzunterricht möglich sein könnte. Sie sind sich darin einig, dass es dafür nicht die eine perfekte Lösung gibt, sondern nur eine Kombination verschiedener Maßnahmen ans Ziel führt.

Kinder-Impfungen als Voraussetzung "nicht legitim"

Eine Impfung der Kinder könnte einen Beitrag leisten, die Ansteckungen in den Schulen auf einem niedrigen Niveau zu halten. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO), will sich deshalb aber nicht unter Druck setzen lassen. Dem Eindruck, den einige Politiker entstehen lassen, Impfungen seien eine Voraussetzung für sichere Schulöffnungen, nennt er "nicht legitim". Und er hat dafür eine einleuchtende Begründung: In Deutschland gäbe es rund 4,5 Millionen Schulkinder, die jünger als zwölf Jahre sind, sagt er. Impfungen seien aber erst ab einem Alter von zwölf Jahren möglich.

Damit möchte Mertens nicht ausschließen, dass die STIKO noch ihre Empfehlung für die 12- bis 17-Jährigen anpasst. Dazu müsse man aber abwarten, bis verwertbare Daten zu möglichen Nebenwirkungen aus den USA kämen, wo bereits Millionen Kinder geimpft wurden. Er hoffe, dies sei in den kommenden Wochen der Fall.

Mertens plädiert vor allem dafür, dass sich möglichst viele Erwachsene impfen lassen. Ein Großteil der Kinder infiziere sich nämlich nicht in der Schule, sondern zu Hause, so der STIKO-Chef, ungefähr zu 75 Prozent. Mit wachsender Impfquote der über 18-Jährigen werde die Relevanz der Kinder ständig geringer.

Erwachsene müssen sich impfen lassen

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Nur 0,7 Prozent der Corona-Intensivpatienten sind unter 18 Jahre alt. Viele von ihnen haben Vorerkrankungen.

(Foto: DIVI)

Dem stimmt Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln, voll und ganz zu. Je mehr sich impfen ließen, desto geringer würden die Infektionsraten, sagt er. "Dann haben wir natürlich auch einen besseren Schutz für Kinder." Und dann sei es auch einfacher, mit anderen Maßnahmen den Schulbetrieb abzusichern. Das sollten alle Erwachsenen bedenken, die sich nicht impfen lassen wollen, so Klein.

Das sieht auch Jörg Dötsch so, der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln. "Entscheidend ist eine möglichst vollständige Durchimpfung der Erwachsenen. Hier besteht eine Verantwortung der Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen, die in den zurückliegenden Monaten durch ihre Beteiligung an den Schutzmaßnahmen Erwachsene mit geschützt haben."

Eine hohe Impfquote alleine reicht aber nicht aus, da sind sich alle Experten einig. Die Schulen müssen zusätzlich durch sogenannte nichtpharmakologische Maßnahmen abgesichert werden. Orientierung dafür bietet die S3-Leitlinie "Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen". Federführend ist hier Eva Rehfuess, Leiterin des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Große Überraschungen hat sie für den Herbst nicht parat. Denn für die Prävention seien nach wie vor die AHA+L-Regeln entscheidend. Man habe sie lediglich ausdifferenziert und ausgeweitet. Dazu kämen Wechselunterricht bei hohen Inzidenzen und Kohortenbildung. "Das heißt: Beschränkung der sozialen Kontakte auf festgelegte Gruppen in den Schulen."

"Schockierend" wenig Forschung

Verärgert ist Rehfuess darüber, dass es bis heute kaum Forschung zur Effektivität von nichtpharmakologischen Maßnahmen gibt. Sie fände es "schockierend", dass man hier nach wie vor größtenteils auf Modellierungen angewiesen ist.

Empfehlungen zu Tests haben es noch nicht in die Leitlinien geschafft, sollen aber folgen. Hier werden in diesem Herbst an Schulen neben den Antigen-Schnelltests PCR-Pool-Testungen eine größere Rolle spielen. Dabei wird nicht jeder Test einzeln im Labor geprüft, sondern die Proben einer Klasse gemeinsam ausgewertet. Fällt der Test negativ aus, sind alle negativ. Nur bei einem positiven Ergebnis müssen alle Schülerinnen und Schüler erneut einzeln getestet werden.

Florian Klein war daran beteiligt, in Nordrhein-Westfalen den Einsatz sogenannter "Lolli-Tests" zu prüfen. Da für sie nur eine Speichelprobe nötig ist, sind sie besonders kindgerecht und wurden daher mit Einführung der Testpflicht ab dem 31. Mai an Grund- und Förderschulen verwendet.

PCR-Test-Pools gegen Delta sehr wirksam

Die Akzeptanz dafür sei von Anfang an groß gewesen, sagt Klein. Deshalb nähmen auch 98 Prozent der NRW-Kitas freiwillig an dem Projekt teil. PCR-Tests sind empfindlicher als Antigen-Tests, das heißt, sie springen auf eine geringere Viruslast an. Dadurch könnten infizierte Kinder frühzeitig entdeckt und weitere Ansteckungen verhindert werden, so Klein. Das habe sich auch in NRW gezeigt, wo bei noch höheren Inzidenzen zunächst relativ viele Infektionen durch die Pool-Tests gefunden wurden, später aber immer seltener.

Eine frühe Erkennung ist bei der Delta-Variante noch wichtiger. Denn B.1.617.2 ist offenbar in der Lage, sehr schnell eine sehr hohe Viruslast im Rachen Infizierter zu bilden, wodurch diese lange vor ersten Krankheitszeichen ansteckend sind. Hinzu kommt, dass bei Kindern Covid-19 häufig symptomlos verläuft.

Die Logistik sei eine Herausforderung, denn die Tests müssten schnell in Labore gebracht und ausgewertet werden, sagt Klein. Dass dies aber auch für ganz Deutschland machbar sei, habe das Projekt in NRW gezeigt, einem Bundesland mit knapp 18 Millionen Einwohnern. Pro Woche müssten bundesweit etwa 450.000 Tests durchgeführt werden. Das sei zwar eine Belastung, aber für die Labore zu stemmen, die insgesamt eine Kapazität von rund 2,2 Millionen Tests pro Woche hätten.

Raumluftreiniger nicht die optimale Lösung

Ein weiteres großes Thema in der Öffentlichkeit sind Luftreiniger, die in den Klassenzimmern die Viruslast in der Raumluft verringern könnten. Doch was das betrifft, warnt Julia Hurraß vor zu großen Erwartungen. Natürlich könnten solche Geräte Aerosole reduzieren, sagt das Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin. Es hänge aber von den räumlichen Gegebenheiten und der infektiologischen Lage ab, ob solche Geräte empfohlen werden. Das müssten Fachleute entscheiden.

"In dem Zusammenhang ist mir auch ganz wichtig, dass auch die Aufstellung der Geräte fachlich gut begleitet werden muss. Wenn sie irgendwo stehen und gar nicht die ganze Klasse durch die Strömung erfassen können, nützen sie nichts." Außerdem müsse die Wartung organisiert werden, die Luftreiniger dürften nicht zu laut sein, und durch bestimmte Gerätetypen könnten auch andere Schadstoffe freigesetzt werden. Sie arbeite mit dem Verein Deutscher Ingenieure an einer entsprechenden Norm. Man sei damit schon ziemlich weit, aber leider noch nicht fertig.

Man dürfe auch nicht vergessen, dass die meisten Ansteckungen im Nahbereich stattfinden, sagt Hurraß. "Also durch die Kinder, die direkt nebeneinander sitzen, sich ansprechen, sich anhusten. Da nutzen diese Geräte gar nicht so viel." Besser als Raumluftreiniger findet die Expertin einfache Lösungen mit Ventilator, beispielsweise nach der Bauanleitung der Max-Planck-Gesellschaft. Sie seien kostengünstiger, verstärkten die natürliche Lüftung und seien auch noch effektiver, sagt sie. Hauptsache sei, dass man die Schulen in Zukunft besser ausstatte.

"Schulen wichtiger als Fußballstadien und Discos"

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Letztlich scheint sich für die meisten Schulen im kommenden Herbst im Vergleich zum Vorjahr nicht viel zu ändern, falls die Infektionszahlen wieder in die Höhe gehen. Die AHA+L-Regeln, also Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen und Lüften, bleiben alternativlos. Hoffnung auf Besserung bringen aber neue Testmethoden und vor allem die Impfungen der Erwachsenen. Machen von ihnen die meisten mit, bleiben den Kindern viele Maßnahmen erspart und sie können vor allem in die Schule gehen und ihre Freizeit genießen. So wie dies aktuell schon viele Erwachsene tun.

Für diese hat Eva Rehfuess eine klare Botschaft: "Wenn man sich die potenziellen Langfristfolgen für Kinder in den Bereichen psychosoziale Gesundheit, Ernährung und Bewegung - beispielsweise Adipositas, und natürlich in Hinblick auf Bildung anschaut, sollten Schulen Priorität vor Fußballstadien und Discos haben."

Quelle: ntv.de

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