Panorama

Andere Länder versuchen es schon Könnten Massentests Weihnachten retten?

imago0107014925h.jpg

Weihnachten rückt näher - könnte ein Massentest die zweite Corona-Welle ausbremsen?

(Foto: imago images/Camera4)

Ein deutlicher Rückgang der Neuinfektionen in Deutschland ist nicht in Sicht. Bund und Länder sprechen bereits über schärfere Corona-Maßnahmen. In anderen Ländern hofft man hingegen auf ein neues Instrument: Massentests der Bevölkerung. Eine Option für Deutschland?

So richtig bekommt Deutschland die zweite Corona-Welle nicht in den Griff. Noch immer stagniert die Zahl der Neuinfektionen auf hohem Niveau. Die seit Anfang November geltenden Maßnahmen scheinen bisher nicht die gewünschte Wirkung zu erzielen. Nun drohen hierzulande noch schärfere Kontaktbeschränkungen, um das Weihnachtsfest zu retten. Doch gibt es nicht noch einen anderen Weg? In anderen europäischen Ländern liegen die Hoffnungen auf Massentests der Bevölkerung. Denn sie können unerkannt Infizierte aufspüren - und damit die unbemerkte Ausbreitung des Virus stoppen, so die Hoffnung.

Die Slowakei etwa hatte im Oktober mit rasant steigenden Fallzahlen zu kämpfen - trotz Corona-Maßnahmen und eines ausgerufenen Notstands. Regierungschef Igor Matovic kündigte schließlich einen Massentest an, und bereits Ende Oktober ging es los: Rund 3,6 Millionen der 5,5 Millionen Einwohner wurden in der ersten Runde getestet - mehr als 38.000 von ihnen waren positiv, eine Quote von etwas über einem Prozent. In der zweiten Runde Anfang November wurden erneut zwei Millionen Slowaken getestet, von denen 13.500 positiv waren, also rund 0,66 Prozent. Ganz freiwillig waren die Tests allerdings nicht - jeder, der sich nicht testen lassen wollte, musste zehn Tage in Quarantäne. Eine dritte Runde hat Matovic für den 2. Dezember angekündigt.

Was hat es gebracht? Fest steht, dass die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen in der Slowakei seit Anfang November deutlich rückläufig ist. Nach einem Spitzenwert von rund 2500 neuen Fällen im 7-Tage-Schnitt - in Deutschland entspräche das fast 38.000 Neuinfektionen pro Tag - hat sich die Zahl bis heute fast halbiert. Matovic triumphierte: "Mit den landesweiten Massentests haben wir wahrhaft eine Atombombe gegen das Coronavirus entdeckt." Unklar ist jedoch, ob dies wirklich auf die Massentests zurückzuführen ist.

*Datenschutz

Geringe Dunkelziffer in Südtirol

Auch die Landesregierung der norditalienischen Provinz Südtirol will mit einem dreitägigen Massentest die zweite Corona-Welle schneller brechen. Mehr als 340.000 Menschen wurden zuletzt unter dem Motto "Südtirol testet" mit Antigen-Schnelltests getestet - die Teilnahme war freiwillig. Das Ergebnis: Fast 3200 Teilnehmer bekamen ein positives Ergebnis - nur etwa ein Prozent der Getesteten. Wie in der Slowakei zeigte sich eine vergleichsweise geringe Dunkelziffer an unerkannten Infektionen.

Andere Länder haben ebenfalls bereits Erfahrungen mit Massentests gemacht: Luxemburg mit seinen rund 600.000 Einwohnern hatte schon im Mai damit begonnen, auf freiwilliger Basis Einheimische und Pendler zu testen. Bereits im März hatte das zwischen Spanien und Frankreich gelegene Fürstentum Andorra seine 77.000 Einwohner getestet. Auch im britischen Überseegebiet Gibraltar an der Südspitze Spaniens mit seinen 34.000 Einwohnern gab es einen Massentest.

Nun will auch Österreich seine Einwohner testen, um die zweite Corona-Welle einzudämmen und Weihnachten und gleichsam zumindest Teile der Ski-Saison zu retten - rund sieben Millionen Antigen-Schnelltests seien bereits bestellt, teilte das Kanzleramt mit. Zunächst sollen Anfang Dezember alle 200.000 Lehrer sowie Erzieher in Kindergärten auf das Virus getestet werden, dann sollen die 40.000 Polizisten folgen. Kurz vor Weihnachten könnte sich dann die gesamte Bevölkerung von neun Millionen Menschen checken lassen. Die Teilnahme sei freiwillig, betonte Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Auch für Deutschland eine Option?

Wären Massentests auch eine Möglichkeit, in Deutschland unentdeckte Infizierte aufzuspüren? Grundsätzlich sinnvoll seien Massentests schon, sagte Matthias Orth, Chefarzt am Marienhospital in Stuttgart und Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL) dem Deutschlandfunk. "Wir wissen, dass etwa ein Drittel der Infizierten nicht erkrankt, das Virus aber munter weitergibt."

Auch der Direktor des Eurac Research Zentrums in der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen, Stephan Ortner, glaubt, dass Massentests eine Wirkung haben: Ein gut organisierter Test mit hoher Beteiligung könne so gut "wie ein totaler Lockdown von vielen Wochen" wirken, sagte er. Ein starker Erfolg sei möglich bei einer Quote ab 70 Prozent, wie Studien seines Instituts zeigten.

Das Problem: In kleinen Ländern wie Andorra, Luxemburg und der Slowakei ist ein Massentest noch machbar. In einem großen Staat, etwa in ganz Italien oder Deutschland mit seinen rund 83 Millionen Einwohnern lasse sich so ein freiwilliger Test aber wohl nicht in ähnlicher Weise durchführen, so Ortner. In einzelnen deutschen Bundesländern aber vielleicht schon.

Doch es gibt noch andere Schwächen der Massentests: In der Regel wird auf Antigen-Tests zurückgegriffen, da diese im Vergleich zu PCR-Tests preiswerter und schneller sind, denn sie müssen nicht in Laboren ausgewertet werden. Allerdings sind sie auch ungenauer: Bis zu einem Fünftel der negativen Ergebnisse können falsch sein. Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, hält daher nichts von Massentests für Deutschland. Es bestehe die Gefahr, dass infizierte Menschen sich wegen eines negativen Tests in Scheinsicherheit wiegen würden. "Infektionsgrundschutz, Kontaktdokumentation und laborgestützte PCR-Tests können so nicht ersetzt werden", meint Brysch.

Laborkapazität reicht nicht aus

Mit den sehr zuverlässigen, aber vergleichsweise aufwendigen PCR-Tests wäre ein Massentest nach derzeitigem Stand unmöglich zu meistern. Zuletzt wurden rund 1,4 Millionen PCR-Tests in Deutschland gemacht, laut RKI liegt die theoretische wöchentliche Testkapazität bei rund 2 Millionen. "Die 600.000 Luxemburger könnten wir in Deutschland also locker innerhalb einer Woche testen", sagte Orth. Wollte man die gesamte Bevölkerung Deutschlands innerhalb einer Woche testen, würde das die theoretische Laborkapazität allerdings um mehr als das 40-fache übersteigen.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte bereits betont, dass auf ein großes Land wie Deutschland das Konzept der Massentests wie in der Slowakei und Südtirol nicht übertragbar sei. "Wenn man das bei 80 Millionen Einwohnern in Deutschland machen wollen würde, würde das so lange dauern, dass der Aussagewert dann ein überschaubarer wäre", so Spahn. So setzen Bund und Länder in Deutschland statt auf Massentests derzeit weiter auf verschärfte Maßnahmen, um die Kurve der Neuinfektionen wieder in den Griff zu bekommen. Immerhin: Zu Weihnachten soll es vorübergehende Lockerungen der Beschränkungen geben.

Quelle: ntv.de, mit dpa