Panorama

Keine Isolierung möglich Krise trifft Obdachlose besonders hart

Obdachlose haben kaum Schutz vor dem Virus.

Obdachlose haben kaum Schutz vor dem Virus.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Die meisten Menschen versuchen sich während der Corona-Krise in ihren Wohnungen zu isolieren, um das Ansteckungsrisiko zu verringern. Doch was tun Obdachlose, die keinen Rückzugsort haben? Sie kämpfen in dieser Zeit mit Schwierigkeiten an mehreren Fronten.

Wie schützt man sich vor einem Virus, wenn man keinen persönlichen Schutzraum hat? Die Bundesregierung rät allen Bürgern, wenn möglich, zu Hause zu bleiben und sich zu isolieren - doch für Hunderttausende Obdachlose in Deutschland ist dieser Hinweis von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht umsetzbar. Wohnungslose Menschen sind nicht in der Lage, sich zu isolieren und damit umso gefährdeter, an Covid-19 zu erkranken - noch dazu erhalten sie derzeit weniger Spenden. Etwa 700.000 Menschen in Deutschland haben kein festes Zuhause. Ihre Probleme verschärfen sich nun noch einmal drastisch, wie auch Aufrufe von Hilfsorganisationen zeigen.

Die Berliner Obdachlosenhilfe veröffentlichte bereits in der vergangenen Woche einen eindringlichen Aufruf via Facebook: "Von der Coronakrise sind wir alle betroffen. Für diejenigen ohne eigenen Wohnraum und mit wenig Geld ist die Situation dramatisch: Viele Hilfseinrichtungen haben geschlossen, weil kaum Menschen unterwegs sind, lässt sich weder mit Straßenzeitungen noch mit Flaschen sammeln Geld verdienen. Das ist aber für viele überlebensnotwendig!", schreiben die Helfer.

In weiteren Postings weist die Obdachlosenhilfe darauf hin, dass nur noch ein Kernteam die Arbeit auf der Straße durchführen könne und dringend Masken und Desinfektionsmittel gesucht würden, damit die Arbeit weitergehen könne.

"Das Wichtigste ist jetzt, den Menschen zu helfen, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Dazu kann man ihnen, wenn man doch noch unterwegs ist, ein paar Euro in den Hut werfen. Es entstehen gerade auch in vielen Städten Gabenzäune für Bedürftige, dorthin kann man Spenden bringen", erklärt ein Freiwilliger der Berliner Obdachlosenhilfe ntv.de. Eine andere Möglichkeit sei es, Projekte zu unterstützen, die Obdachlose mit Essen versorgen und als Notmaßnahme Geld an sie auszahlen.

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Gerade in diesen kalten März-Nächten sind die Temperaturen niedrig und Notunterkunftsplätze begehrt. Was ohnehin schon eine schwierige Situation ist, verschlimmert sich in der aktuellen Lage. Teilweise werden Hilfseinrichtungen aufgrund des Infektionsrisikos geschlossen und es stehen noch weniger Notübernachtungsplätze zur Verfügung. Zudem können nur noch diejenigen Hilfe leisten, die nicht selbst zu einer Risikogruppe gehören. Es ist ein Problem, das auch die Tafeln haben, weil sich oft ältere Menschen ehrenamtlich engagieren und diese nun als Helfer ausfallen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. berichtet in einer Mitteilung von den vielfältigen Schwierigkeiten, die die Corona-Krise mit sich bringt. Sie weist darauf hin, "dass die Schließung von Angeboten zu weiteren psychischen und physischen Belastungen der wohnungslosen Menschen führt". Auch die bereits aktuell beengte Situation in den Unterkünften, die sich wahrscheinlich noch zuspitzen wird, wird mit Sorge gesehen. "Für viele Einrichtungen und Dienste ist absehbar, dass Engpässe bei der Versorgung der wohnungslosen Menschen mit Lebensmitteln und bei der medizinischen Versorgung auftreten. Die Etablierung mobiler Versorgungsdienste sehen einige als Möglichkeit, dem zu begegnen", erklären die Vertreter des Vereins.

Ein Gabenzaun mit Spenden.

Ein Gabenzaun mit Spenden.

(Foto: dpa)

Während ein großer Teil der Gesellschaft zu Hause bleibt und sich im Supermarkt mit Lebensmitteln eindeckt, versuchen Städte und Organisationen sich um diejenigen kümmern, die diese Möglichkeit nicht haben.

Der Berliner Senat will beispielsweise ganztägige Obdachlosenunterkünfte eröffnen, in denen wohnungslose Menschen auch in der nächsten Zeit Zuflucht finden können. Wo diese Unterkünfte stehen werden, ist noch unklar. Der Sprecher der Senatsverwaltung Stefan Strauss versprach bereits, dass man ab dem 1. April in Aussicht habe. In einer offiziellen Zählung wurden Ende Januar fast 2000 obdachlose Menschen in der Hauptstadt erfasst, die reale Zahl ist aber wohl deutlich größer.

Die Berliner Obdachlosenhilfe fordert, dass die Wohnungslosen in Einzelzimmern untergebracht werden. Dazu sollten leerstehende Hotels beschlagnahmt oder angemietet werden.

Europas Großstädte mit unterschiedlichen Maßnahmen

Ob Berlin, Paris, London oder Madrid: Viele Großstädte in Europa suchen nach unterschiedlichen Lösungen, um wohnungslosen Menschen in dieser Zeit Schutz zu bieten. In London werden nun 300 Hotelzimmer zur Verfügung gestellt, damit Obdachlose zunächst für zwei Wochen dort einziehen können. "Der Corona-Ausbruch betrifft jeden in London und wir müssen alles Mögliche tun, um die Gesundheit aller zu schützen - nicht zuletzt die der Londoner, die jede Nacht unter rauesten Bedingungen auf den Straßen der Hauptstadt schlafen", erklärte Londons Bürgermeister Sadiq Khan. Die Obdachlosen sollen so schnell wie möglich zu ihren Zimmern gebracht werden. Dies geschehe durch Taxifahrer, die sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet hätten, so Khan.

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Im französischen Cannes wird in einem riesigen Kongresszentrum eine große Unterkunft eröffnet, die auch Obdachlose aufnehmen wird. Rund 35.000 Quadratmeter stünden dann wohnungslosen Menschen, aber auch erkrankten Personen zur Verfügung.

Die spanische Regierung will im ganzen Land an bestimmten Orten täglich Hygiene-Kits und Lebensmittel an Obdachlose verteilen. Dort sollen die Wohnungslosen auch betreut werden und sie können ihre Körpertemperatur messen lassen.

Quelle: ntv.de