Panorama

"Ich bleibe heute wohl drinnen"Künstlerin und Influencerin Jerry Gogosian tot im Hotelzimmer gefunden

02.06.2026, 15:31 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Jerry Gogosian 2022 in Los Angeles bei einem Event. (Foto: IMAGO/Cover-Images)

Jerry Gogosian wurde mit nur 40 Jahren tot in ihrem Hotelzimmer in Brasilien aufgefunden. Die Polizei geht von einem "verdächtigen Todesfall" aus. Nachruf auf eine Frau, die in der Kunstszene fehlen wird.

Sie nannte sich Jerry Gogosian und "Your BFF in Art World", also "deine beste Freundin für immer in der Kunstszene". "Für immer" stimmt so nicht mehr, denn laut einem Bericht des brasilianischen Fernsehsenders Globo wurde sie am Sonntag in einem Hotelzimmer in São Paulo tot aufgefunden. Die Polizei behandele den Fall als verdächtigen Todesfall, schreibt das "Monopol"-Magazin, Untersuchungen zur Todesursache seien eingeleitet worden. Das "artmagazine" berichtet, ein Mann, der nach eigenen Angaben Hilde Lynn Helphensteins (so ihr richtiger Name) Schönheitschirurg sei, soll in ihr Hotel gekommen sein, nachdem er die 40-Jährige telefonisch nicht erreichen konnte.

Er soll gesagt haben, sie sei seit etwa drei Wochen in Brasilien, um sich einem kosmetischen Eingriff zu unterziehen. Er berichtete dem Sender Globo zufolge außerdem, dass sie Drogen konsumiert hätte und dass er sie Tage zuvor wegen einer möglichen Überdosis in eine Notaufnahme gebracht habe. Der Hotelmanager fand sie bewusstlos auf dem Bett vor und rief den Rettungsdienst, der ihren Tod noch am Unfallort bestätigte. Im Zimmer lagen dem Bericht zufolge eine leere Wodkaflasche und ein umgeworfenes Glas auf dem Boden, auf dem Bett mehrere Tabletten verstreut. Am Vortag war im Hotel eine Beschwerde gegen Helphenstein und ihre Freunde in einem der Hotelrestaurants eingegangen, weil sie sichtlich betrunken gewesen sei und sich auffällig verhalten habe.

Die ehemalige Galeriemitarbeiterin nahm kein Blatt vor den Mund, 150.000 Menschen folgten ihr auf Instagram: Unter dem Namen Jerry Gogosian hatte Helphenstein seit 2018 einen der einflussreichsten und auch bissigsten Instagram-Accounts der Kunstwelt aufgebaut. Mit Memes, Satire und Insiderwissen kommentierte sie die Mechanismen des internationalen Kunstmarkts. Dabei verstand sie, laut "Monopol", ihre Kritik nie als bloße Ablehnung der Kunstwelt: "Wir leben im Spätkapitalismus, ich kann nichts daran ändern, dass die Kommodifizierung von Flachheiten weitergeht." Kunst und Kapitalismus seien eng miteinander verbunden, weil "Geld der ultimative Beschleuniger für Ideen" sei, fand Helphenstein.

Bitterkeit als Energie

Als das Kunstmagazin vor vier Jahren einen Text über die scharfsinnige Beobachterin eines Systems, das sie zugleich liebte und verspottete, veröffentlichte, gab Helphenstein, die deutsche Vorfahren hatte und inzwischen längst kommerziell erfolgreich war, zu: "Lange Zeit war Bitterkeit die einzige Energie, die ich aus der Kunst gezogen habe." Sie sei "eine frustrierte Künstlerin" gab sie an. Daraus hat sie jedoch das Beste gemacht: Sie führte unter anderem einen Blog als Abo-Modell ("The Jerry Report"), hatte den Podcast "Art Smack", verkaufte Merchandising und kuratierte 2022 eine Auktion bei Sotheby's.

Helphenstein hatte Kunst in San Francisco und Europa studiert, zeitweise auch an der Frankfurter Städelschule. Nach Jahren als Galeriemitarbeiterin gründete sie in Los Angeles den Projektraum HILDE. Als sie wegen gesundheitlicher Probleme monatelang ans Bett gefesselt war, entstand der Account "jerrygogosian". Sie nahm aber nicht nur Auktionshäuser, Megagalerien, Sammler, Kunstmessen und Spekulanten ins Visier, auch sich selbst machte sie zum Objekt ihres eigenen Spotts. In einem Instagram-Beitrag machte sie sich über das Soho Hotel in Miami lustig, in dem sie zu dem Zeitpunkt anscheinend abgestiegen war, und in einem ihrer letzten Beiträge (23. Mai) trägt sie einen gelben Pullover, anscheinend um sich ein bisschen aufzumuntern: "Ich kann es nicht fassen, São Paulo ist so enttäuschend, es regnet, regnet, regnet. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist", erklärte sie dann immerhin, und kündigte an, dass sie bald Pizza essen gehen wird. Sie wirkte gelangweilt und wunderte sich, dass sie Eyeliner aufgetragen hatte, wo es doch so aussah, als würde es doch ein "Inside-day" werden, anstatt die Umgebung zu erkunden: "Sieht so aus, als würde ich heute drinnen bleiben."

Ende März beschrieb sie, wie schrecklich dieses Jahr bisher war, adressiert an einen "Art Daddy". Hatte sie sich Feinde gemacht, obwohl sich Helphenstein in den vergangenen Jahren zunehmend von ihrer Rolle als reine Satirikerin verabschiedet hatte? Inzwischen arbeitete sie mit verschiedenen Kultur- und Luxusmarken zusammen, und im Sommer 2025 kündigte sie an, den Instagram-Account schrittweise auslaufen zu lassen, weil sie "dem Projekt entwachsen" sei. Mittlerweile häufen sich auf diesem Account die Beileidsbekundungen für eine Frau, die viel zu jung war, um zu sterben und die von vielen schmerzlich vermisst werden wird.

Quelle: ntv.de

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