Panorama

Massenhaft Eis auf Titanic-Route Küstenwache warnt vor "Eisberg-Schwarm"

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Eiswarnung im Nordatlantik: Wie vor 105 Jahren bedrohen treibende Eismassen die Schifffahrt zwischen Europa und Amerika.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Gefahr im Nordatlantik: In dem vielbefahrenen Seegebiet zwischen Nordamerika und Europa steigt die Zahl der Eisberge sprunghaft an. Selbst moderne Containerfrachter und Tanker müssen ausweichen. Ist es der Klimawandel?

Für diese Jahreszeit sind es einfach zu viele: Experten der Internationalen Eis-Patrouille (IIP) mit Sitz in New London im US-Bundesstaat Connecticut haben Reeder und Kapitäne vor einer ungewöhnlichen Häufung von Treibeis im Nordatlantik gewarnt. Mehr als 400 Eisberge seien in der vergangenen Woche in die viel befahrenen Schifffahrtswege vor Neufundland getrieben, teilte die IIP mit. Üblich seien zu diesem Zeitpunkt im Jahr nicht viel mehr als 80 Sichtungen.

Die Rede ist von einem "ungewöhnlich großen Schwarm" an Eisbergen, der über die Neufundlandbank bis weit in den Süden vorgedrungen sei. Aus Unterlagen der Eis-Beobachter geht hervor, dass einzelne Bruchstücke des Grönlandeises bereits bis in einen Bereich von 42 Grad nördlicher Breite abgetrieben wurden. Dort verlaufen wichtige Routen der internationalen Handelsschifffahrt, vor allem im Transatlantikverkehr zwischen den USA, Kanada und Europa.

Auf dem Weg der "Titanic"

Wie groß die Gefahr für die Schifffahrt ist, belegt ein Beispiel aus der maritimen Geschichte: Vor fast genau 105 Jahren, am 14. April 1912, war der Passagierdampfer Titanic in dieser Region mit einem treibenden Eisberg zusammengestoßen und anschließend gesunken. Bei dem Untergang des damals größten Schiffs der Welt kamen mehr als 1500 Menschen ums Leben.

Dass das Packeis im Frühjahr abschmilzt, ist an sich nicht ungewöhnlich. Der kalte Labradorstrom befördert regelmäßig treibende Eisbrocken bis weit ins offene Meer, wo sie üblicherweise mit steigenden Wassertemperaturen abschmelzen und verschwinden. Spätestens, wenn die blauschimmernden Riesen den Einflussbereich des Golfstroms erreichen, sind ihre Stunden gezählt.

Ungewöhnliche Wetterlage

Doch in diesem Jahr scheint diese Entwicklung außergewöhnlich früh einzusetzen: Einem Bericht des britischen "Guardian" zufolge tragen die in der Region seit Tagen anhaltenden Winde aus Nordost zur Entstehung der Lage bei. Experten gehen demnach jedoch auch davon aus, dass der Klimawandel das Abschmelzen der Eisdecke vor Grönland beschleunigt haben dürfte. Nur so sei zu erklären, heißt es, warum die herrschende Wetterlage plötzlich massenhaft Eisberge nach Süden geschoben habe.

Für den Seehandel hat die Eislage auf der Titanic-Route kostspielige Folgen: Anstatt die jeweiligen Zielhäfen auf dem kürzesten Weg ansteuern zu können, müssen Kapitäne auf Transatlantikfahrt weiter nach Süden ausweichen. Die Umwege kosten nicht nur Zeit, sondern gehen auch schnell ins Geld. Verzögert sich dadurch die Ankunft im Hafen, können erhebliche Folgekosten auflaufen.

"Hart für das Material"

"Das ist eine extreme Eis-Saison", erklärte die IIP-Leiterin, Gabrielle McGrath. Das von der US-Küstenwache betriebene Frühwarn-System wurde wenige Jahre nach der Titanic-Katastrophe gegründet und warnt die Schifffahrt aller Partnerländer seitdem vor gefährlichen Eislagen. Einen solch starken Anstieg der treibenden Eismassen in so kurzer Zeit habe sie noch nie gesehen.

Im Auftrag der IIP fliegen vier Hercules-Seeaufklärer der US-Küstenwache von einer Basis auf Neufundland regelmäßig Eis-Patrouillen im Nordatlantik. Seeleute sind dennoch aufgerufen, in der Region besonders wachsam zu sein und die Position treibender Eismassen den Behörden zu melden. Zuletzt wurden wiederholt einzelne Eisberge außerhalb des bislang geltenden IIP-Warngebiets gesichtet.

Der küstennahe Schiffsverkehr ist von dem sprunghaften Anstieg des Eisaufkommens am stärksten betroffen. "Es macht alles teurer", zitiert der "Guardian" einen Schiffseigner auf Neufundland. "Man verbrennt mehr Treibstoff, die Fahrten dauern länger und es ist hart für das Material."

Quelle: ntv.de, mmo