Panorama

Victoriasee steigt und steigt Land unter - "Inseln" verstopfen Nil-Abfluss

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Auch in Ugandas Nachbarland Kenia ist das Wasser über die Ufer getreten.

(Foto: REUTERS)

Es beginnt als Happening und wird zur Katastrophe: Dauerregen und eine Gartenteichblume bringen Ostafrika in Not. Der größte See des Kontinents schwillt unaufhörlich an. Abbrechende Uferbereiche werden zu schwimmenden Inseln. Die Stromerzeugung ist zusammengebrochen, ganze Dörfer sind überflutet.

In Ostafrika haben die Menschen neben der Corona-Krise noch gewaltigere Sorgen: Dort steht den Anwohnern rund um den Victoriasee das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Vergangene Woche erreichte der Wasserstand des größten Binnensees des Kontinents das historische Rekordhoch von knapp 13,5 Meter über dem Normal-Level. Der Grund für die gewaltige, historisch noch nie da gewesene Überschwemmung: Der Abfluss des zweitgrößten Süßwassersees der Welt ist verstopft - durch den Morast von schwimmenden Inseln.

Die Folge: Inseln gehen unter, ganze Fischerdörfer entlang des Ufers sind überschwemmt, Häuser und Äcker zerstört, rund 32.000 Menschen in den Ländern rund um den See wurden in den vergangenen Wochen vertrieben, sie leben nun in Lagern unter schlimmen Bedingungen. Über 200 Menschen starben in Fluten und Erdrutschen.

Selbst die schicken Hotels und Jachthäfen entlang der Strände sind betroffen. In Munyonyo, einem Vorort der ugandischen Hauptstadt Kampala, wo die reiche Schickeria in großen Villen am Ufer wohnt, steht das Seewasser mittlerweile in den Wohnzimmern. Auch die Lobby des neu errichteten "Victoria"-Hotels ist geflutet, der daneben liegende Golfplatz ist bereits untergegangen. Die Schnellstraße zum Internationalen Flughafen in der nahe gelegenen Kleinstadt Entebbe ist fast überschwemmt, die Landebahn ebenso. Zum Glück landen dort aufgrund der Reisebeschränkungen wegen der Corona-Pandemie derzeit keine Maschinen.

Das Hochwasser ist eine Langzeitfolge von starken Regenfällen, die seit Anfang 2019 die ganze Region des Victoriabeckens heimsuchen. Nach einer langen Dürreperiode 2017 und 2018 fing es im Januar 2019 - inmitten der regulären Trockenzeit - an zu regnen und hörte seitdem nicht mehr auf. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Für Mai und Juni sind in der ganzen subtropischen Region rund um den Äquator weitere starke Regenfälle angekündigt.

Reggae-Republik auf schwimmender Insel

Über 20 Zuflüsse fließt das Regenwasser aus Ruanda, Burundi, Uganda, Tansania und Kenia stetig in den See, der in einer Tiefebene liegt - womöglich in einem uralten Vulkankrater. Seit vergangenem Herbst steigt der Wasserstand kontinuierlich. Große Flächen von Sumpf- und Feuchtgebieten entlang der Ufer sind unterspült und brechen ab. Wie schwimmende Inseln treiben sie dann in den Buchten des Sees umher.

Die erste schwimmende Insel löste sich bereits 2015 vor den Ufern der Millionenstadt Kampala. Das elf Fußballfelder große, etwas matschige Landstück wurde rasch zum Naherholungsgebiet. Familien picknickten am Wochenende auf der Insel, rund 20 Minuten mit dem Boot vom Ufer entfernt. Jugendliche organisierten Partys. Bauern ließen ihre Kühe weiden und Hühner picken, sie pflanzten Bananenstauden und Maniok auf dem extrem fruchtbaren Boden. Letztlich ließ sich sogar eine Gruppe Reggae-Musiker dort nieder, sie schlugen ihre Zelte auf und hissten eine Flagge ihrer neuen, unabhängigen Rasta-Republik.

Inzwischen ist aus dem anfänglichen Spaß aber bitterer Ernst geworden. In den vergangenen Monaten trieben zahlreiche schwimmende Inseln auf den Nil-Abfluss in der ugandischen Industriestadt Jinja zu. Dort liegt die Quelle des Nils, dem größten Fluss des Kontinents, der bis zum Mittelmeer fließt. In Jinja wurden in den vergangenen zehn Jahren zur Stromgewinnung durch Wasserkraft mehrere Staudämme errichtet - darin verhaken sich nun diese Inseln.

Kraftwerke verstopft

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Der Victoriasee überschwemmt auch in den Nachbarländern Ugandas weitflächig Landschaften.

(Foto: REUTERS)

Die erste Insel sorgte Mitte April bereits für tagelange Stromausfälle, sie war neun Fußballfelder groß als sie durch die Strömung in den ersten Staudamm hineingezogen wurde. Die Turbinen des Nalubaale-Damms direkt am Nilabfluss, des daneben liegenden Kiira-Damns sowie des acht Kilometer flussabwärts gelegenen Bujagali-Damms stehen bis heute aufgrund von Überhitzung teilweise still.

Uganda mit seinen 41 Millionen Einwohnern wird nun zum Großteil über Notstromaggregate versorgt, doch auch diese sind überlastet. Regelmäßig kommt es in verschiedenen Bezirken zu Stromausfällen oder gezielten Abschaltungen durch den Stromanbieter. Auch der Westen Kenias ist betroffen, weil Uganda Strom ins Nachbarland exportiert. Besonders dann, wenn Ugandas Präsident Yoweri Museveni abends nach Einbruch der Dunkelheit seine stundenlangen TV-Ansprachen zur Corona-Krise hält und landesweit alle Fernseher eingeschaltet sind, brennen die Transformatoren durch und es wird pechschwarz in Uganda.

Nachdem der Großteil der ersten schwimmenden Insel Ende April entfernt war, trieb Anfang Mai eine zweite Insel auf den Nilabfluss zu. Schlepper mit Kränen mussten diese umleiten. Doch sie zerbricht nun stetig in kleinere Teile, die für neue Blockaden sorgen können. Hellen Adoa, Staatsministerin für Fischerei, warnt vor "mehreren weiteren Inseln", die sich auf den Nilabfluss zubewegen werden.

Gartenteichblumen als schleimige Plage

Das ugandische Ministerium für Wasser und Fischerei hat das Problem inzwischen zur absoluten Priorität erklärt. Ressortchef Sam Cheptoris warnt vor "möglichen Krankheiten im Zusammenhang mit Wasser, wie Cholera, Durchfall, Malaria und Bilharzien, die nun wahrscheinlich zunehmen werden". Vor diesem Hintergrund wirken die rund 250 bestätigten Corona-Fälle in Uganda beinahe wie ein kleiner Schnupfen.

Selbst Präsident Museveni reiste mitten in der Ausgangssperre Ende April nach Jinja, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Er bestellte die Armee sowie deren Ingenieurs-Brigaden ein, die Dämme zu säubern. Seitdem bemüht sich ein ganzes Bataillon von Soldaten und Ingenieuren mit auf Flößen befestigten Baggern, Baukränen und Hebeanlagen, die Dammmauern und Turbinen vom Morast zu befreien.

Bei dem Morast handelt es sich zum Großteil um schwimmende Wasserhyazinthen, in Europa kennt man sie als Gartenteichblumen. Im Victoriasee, an dessen Ufern mehr als 30 Millionen Menschen leben, richten sie seit Jahrzehnten eine gewaltige Umweltkatastrophe an. Bereits 2005 wurde der See vom Globalen Naturfund zum meist gefährdeten See der Welt erklärt. Laut einem 2018 erschienenen Bericht der Weltnaturschutzunion (IUCN) ist ein Fünftel der 651 untersuchten Tier- und Pflanzenarten im Viktoriabecken vom Aussterben bedroht. Dabei lebt der Großteil der umliegenden Bevölkerung vom Fischfang.

Die Wasserhyazinthe wurde Ende der 1980er Jahre aus Südafrika eingeschleppt und breitete sich rasch aus. Seit den 1990er Jahren bedeckt sie 90 Prozent der ugandischen Küstenufer. Sie raubt dem See und den darin lebenden Tierarten den Sauerstoff, verwandelt das Wasser in eine grün-schleimige Brühe, die übel riecht und den Anwohnern das Leben zur Hölle macht. Krankheiten wie Malaria und Parasiten sind die Folge. Seit zehn Jahren sinken die Fischbestände. Dies hat Folgen für die Ernährung mit Proteinen für die Ostafrikaner.

Nun droht die Hungerkatastrophe

Aufgrund der Regenfälle und Überschwemmungen starben in den vergangenen Wochen nun zahlreiche Menschen in der gesamten Region rund um den See. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, weil ganze Dörfer spurlos verschwanden und kaum Leichen geborgen wurden. Allein Ruandas Ministerium für Notfall- und Katastrophenschutz meldet mehr als 65 Tote, in Kenia wurden bis zu 200 Todesopfer und über 100.000 zerstörte Häuser gemeldet.

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Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) betrachtet die Überschwemmungen mit Sorge. Durch die Corona-Krise seien laut WFP-Angaben ohnehin über 20 Millionen Menschen in der Region von Hunger betroffen, weil sie vom täglichen Einkommen ihre Kinder ernähren und die Wirtschaft aufgrund der Ausgangssperre derzeit brach liegt. Selbst zum Markt darf man in Uganda nur zu Fuß gehen. Seit Wochen schlafen Marktfrauen deswegen unter ihren Gemüseständen, um überhaupt etwas verkaufen zu können.

Bereits die Heuschreckenplage, die sich seit Anfang des Jahres in ganz Ostafrika breitmacht, hat ein Großteil der Frühjahrsernte zerstört. Ernteausfälle durch Fluten können diese Krise noch verschärfen. Hoffnung ist nicht in Sicht: Die meteorologischen Institute der Region kündigen für die nächsten Wochen weitere Regenfälle an. Der Wasserstand des Victoriasees wird also weiter steigen.

Quelle: ntv.de