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Nur eine "extreme Ausnahme"? Lehrer fordern nach Lünen Konsequenzen

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Gewalt in der Mitte der Gesellschaft: Polizisten sichern den Eingang zur Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen.

dpa

Die Bluttat von Lünen wirft viele Fragen auf: Wie konnte es zu dem brutalen Angriff auf einen 14-jährigen Schüler kommen? Der Lehrerverband fordert Unterstützung und ein "Umdenken". Ein Kriminologe spricht hingegen von einem extremen Ausnahmefall.

Nach der Gewalttat an einer Gesamtschule in Lünen hat der Deutsche Lehrerverband eine breitere Unterstützung für den Kampf gegen die Gewalt an Schulen gefordert. "Schule alleine und auf sich gestellt kann wenig bewirken", sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger.

Natürlich könne man mit Ordnungsmaßnahmen arbeiten, erklärte Meidinger. Es sei aber klar, dass Eltern mit den Lehrern an einem Strang ziehen und die Politik den Lehrern in solchen Fällen Rückendeckung geben müssten. Außerdem müsse in der Gesellschaft ein "Umdenken" stattfinden, "sonst werden wir das Problem nicht in den Griff bekommen."

Meidinger forderte "eine Offensive für Werteerziehung in der Gesellschaft und an Schulen". Details nannte er aber nicht. Wichtig sei, dass die Politik "die notwendigen Initiativen" vorstellt und dass Vorfälle wie in Lünen zu einem Umdenken führten.

Ungewöhnlich brutale Attacke

An der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule war am Dienstagmorgen ein 14 Jahre alter Schüler getötet worden. Ein 15 Jahre alter Mitschüler ist dringend tatverdächtig. Er hielt sich ersten Erkenntnissen zufolge mit seiner Mutter zu einem Beratungsgespräch in der Schule auf. Wie Polizei und Staatsanwalt nach einer ersten Vernehmung mitteilten, fühlte er sich durch Blicke des 14-Jährigen auf seine Mutter provoziert. Er soll daraufhin unvermittelt mit einem Messer zugestochen und seinen Mitschüler tödlich verletzt haben. In Presseberichten war die Rede von einem Stich in den Hals.

Die brutale Bluttat an einer Schule löste bundesweit Fassungslosigkeit und Entsetzen auf. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen polizeibekannten Jugendlichen, der als aggressiv und sogar als "unbeschulbar" gegolten habe, heißt es. Das Beratungsgespräch, zu dem der in Deutschland geborene Jugendliche zusammen mit seiner Mutter in die Schule gekommen war, sollte offenbar dazu dienen, seine schulischen Perspektiven zu klären.

Extremer Ausnahmefall

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht in dem gewaltsamen Tod des 14-jährigen Schülers einen extremen Ausnahmefall. Alle Statistiken zeigten, dass Gewaltdelikte an Schulen und auch Tötungsdelikte von Jugendlichen extrem rückläufig seien. Daran werde auch die Tat in Lünen nichts ändern, sagte Pfeiffer. Im aktuellen Fall werde man vermutlich sehr auf den individuellen familiären Hintergrund des mutmaßlichen Täters achten müssen. "Mit der Schule dürfte das wenig zu tun haben, eher mit dem Elternhaus."

Pfeiffer verwies darauf, dass die Zahl der Kinder, die an Schulen so schwer verletzt würden, dass sie ins Krankenhaus müssten, im Zeitraum von 1997 bis 2016 um 64 Prozent gesunken sei. Diese Daten würden exakt erfasst. Zudem sei seit 1993 generell die Zahl der Tötungsdelikte von Jugendlichen (14 bis 18 Jahre) um 47 Prozent zurückgegangen.

"Egal welche Statistik wir nehmen: Wir gelangen zu der Einschätzung, dass Tötungsdelikte durch junge Menschen eine extreme Ausnahme werden." Für diese Entwicklung gebe es stabile Hintergrundfaktoren, so Pfeiffer, der auf den drastischen Rückgang des elterlichen Schlagens verwies.

Seien in den 1950er, 1960er bis in die 1970er Jahre noch 20 Prozent der Kinder misshandelt worden, so Pfeiffer, liege dieser Wert heute bei fünf Prozent. "Die elterliche Liebe hat sich deutlich erhöht. Je jünger eine Altersgruppe desto stärker ist der Rückgang der Gewalt. Die Jüngsten profitieren am stärksten vom Wandel der Erziehungskultur: mehr Liebe, weniger Hiebe."

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(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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