Aufregung an Berliner GymnasiumLehrerin lässt "Horst-Wessel-Lied" singen
Eine Berliner Lehrerin lässt ihre Schüler das verbotene "Horst-Wessel-Lied" der Nazis singen. Dazu sollen die Schüler der 11. Klasse marschieren. Möglicherweise wählt sie ein pädagogisches Ziel, das mit dem Strafgesetzbuch nicht vereinbar ist.
Eine Lehrerin aus dem Berliner Stadtteil Köpenick ist von der Polizei vernommen worden. Der Grund: Sie ließ ihre Schüler das Horst-Wessel-Lied singen und dazu marschieren. Das berichtet das "Neue Deutschland" (ND) online. Dabei handelt es sich um ein Nazi-Lied, das häufig gemeinsam mit der deutschen Nationalhymne gespielt wurde. Es ist seit 1945 verboten. Wessel war ein Sturmführer der SA und wurde von den Nazis zum Märtyrer stilisiert, nachdem ihn Kommunisten umgebracht hatten.
Die Rechtfertigung der Lehrerin für ihre Liedauswahl: Sie habe sich auf den Rahmenlehrplan bezogen, sagte ein Polizeisprecher der Zeitung. Darin heißt es beispielsweise: "Die Schülerinnen und Schüler untersuchen die Rollen aller am Kulturleben Beteiligten und entwickeln ein Verständnis für die Funktionalisierung von Musik im Dienste politischer, religiöser und wirtschaftlicher Interessen". Bei der Auslegung solcher Ziele ist die Lehrerin offenbar übers Ziel hinausgeschossen.
Die Schulleitung scheint von der Anzeige wegen Volksverhetzung und dem Ansturm der Medien überrascht zu sein. Auf Nachfragen verweist die Schule auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Da einige der Schüler der 11. Klasse noch minderjährig sind, schützt die Schule ihre Schüler insofern, dass zunächst die Eltern ermittelt und befragt werden müssten. Auch dies sei Angelegenheit der Staatsanwaltschaft.
Erinnerungen an "Die Welle"
Eine Sprecherin der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) erklärte dem "ND": "Wir werden das schulaufsichtlich prüfen, in welchem Kontext das durchgenommen wurde." Möglicherweise ging es der Pädagogin darum, bei der Besprechung des "Kälbermarsches" von Bertolt Brecht auch das "Horst-Wessel-Lied" zu behandeln. "Der Kälbermarsch ist ohne das Horst-Wessel-Lied nicht zu verstehen", so die Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung.
Die Szene erinnert an das Buch "Die Welle" von Morton Rhue (1981), das in Deutschland zu einem Klassiker der Schullektüre geworden ist. Darin lässt ein Lehrer seine Klasse ein totalitäres System aufbauen. Die Verführung durch die "Bewegung" soll dabei für das Publikum erfahrbar gemacht werden. Der Versuch gerät schließlich außer Kontrolle.
Ob es bei dem Vorfall in Berlin Parallelen zu dem Buch und seiner Verfilmung (2008) gibt ist derzeit noch genauso ungeklärt wie die Frage, warum die Lehrerin ihre Klasse antreten ließ.
Das Gymnasium beteiligt sich an dem Programm "Schule ohne Rassismus". Dessen Geschäftsführer, Eberhard Seidel fordert nun Aufklärung. "Eine Schule ist in der Pflicht, alles zu tun, sich aktiv damit zu befassen", sagte er dem "ND".
In der Selbstverpflichtung der "Schule ohne Rassismus" heißt es: "Wenn an meiner Schule Gewalt, diskriminierende Äußerungen oder Handlungen ausgeübt werden, wende ich mich dagegen und setze mich dafür ein, dass wir in einer offenen Auseinandersetzung mit diesem Problem gemeinsam Wege finden, uns zukünftig zu achten."
Die Schule trägt den Namen der jüdischen Wissenschaftlerin Emmy Noether, die in den 1930er-Jahren von den Nazis vertrieben wurde.