Menschlichkeit für namenlose ToteLesbos geht der Platz für Gräber aus

Das Bild des toten Flüchtlingsjungen Aylan am Ägäisstrand löste vor einigen Wochen noch eine weltweite Schockwelle aus. Geändert hat sich seitdem jedoch nichts. Fast alltäglich sind Begräbnisse ertrunkener Kinder inzwischen für die Helfer auf der Insel Lesbos.
In weißes Tuch gewickelt liegt die Leiche eines kleinen Mädchens auf dem Boden der Armensektion des Friedhofs von Lesbos. Fremde wohnen der Beerdigung bei. Das Kind wird für immer neben einer unbekannten Frau ruhen, die mit ihr gestorben ist.
"Ihre Mutter könnte noch in der Türkei leben, aber wir haben es nicht geschafft, Angehörige zu finden und zu kontaktieren", sagt Effi Latsoudi von einer Gruppe Ehrenamtlicher, die Flüchtlingen auf Lesbos helfen. Über die griechische Ägäis-Insel versuchen derzeit zehntausende Menschen aus den Krisenregionen im Nahen Osten in die Europäische Union zu gelangen.
Von dem Mädchen ist nur bekannt, dass sie am 20. September bei der Überquerung der Ägäis ums Leben kam, auf der Suche nach einem besseren Leben. Etwa sieben Jahre alt soll sie gewesen sein - schätzt der Leichenbeschauer.
Ein Bagger hebt drei Gräber aus: für das Mädchen, zwei Frauen und einen unbekannten Mann. Um Platz zu sparen, wird das Mädchen mit einer der Frauen zusammen ins Grab gelegt. Da alle vier vermutlich Muslime sind, wurden die Gräber nach Mekka ausgerichtet.
Europa sollte sich schämen
Ein irakischer Flüchtling spricht ein Gebet, unterstützt von Mustafa, einem ägyptischen Übersetzer, der für die Hilfsorganisation Pro Asyl arbeitet. Zwei Aktivistinnen der Organisation IsraAID - eine Israelin und eine Palästinenserin - stehen dabei. Alle helfen, die Leichen ins Erdreich hinabzulassen. Nach dem Gebet werden Olivenzweige auf die Gräber gelegt. "Europa sollte sich dafür schämen, diese Menschen zu zwingen, ihr Leben zu riskieren", sagt ein Ehrenamtlicher.
"Viele der Toten hier haben Angehörige, die nach ihnen suchen, aber niemand hilft ihnen dabei", sagt Latsoudi. Ein anderes Mädchen, fünf Jahre alt, kam einen Tag vorher ums Leben. Die Leiche wurde identifiziert, die Familie des Kindes schaffte es nach Deutschland und will den Leichnam von Lesbos abholen, um ihn zu beerdigen.
Eine christliche Familie aus Syrien - ein Ehepaar mit zwei Kindern und einer Großmutter - liegt unter einem mit Blumen geschmückten Grabstein. Sie kamen am 18. März vergangenen Jahres ums Leben - beim Versuch, ihre Verwandten in Schweden zu erreichen. Ältere Gräber, in denen Kurden, Iraker und Afghanen liegen, sind nur mit Nummern gekennzeichnet.
Der Friedhof der Inselhauptstadt Mytilene ist bereits seit Jahren letzte Ruhestädte für Flüchtlinge. Doch nun geht der Platz aus. Und zehn weitere Leichen müssen noch bestattet werden.
Im Herbst werden noch mehr ertrinken
"An dieser Stelle war ein Massengrab für Opfer des Zweiten Weltkriegs", sagt Latsoudi. "Jetzt werden hier nur Flüchtlinge und arme Griechen ohne Verwandtschaft beigesetzt." Sie arbeitet für die Hilfsorganisation Horio Oloi Mazi (Das Dorf aller), die sich im Jahr 2012 gründete, nachdem 22 Flüchtlinge vor der Insel ertrunken waren. Die Gruppe will den Toten "ein wenig Respekt und Menschlichkeit" geben und Angehörigen bei der Suche nach Vermissten helfen.
In diesem Jahr gelangte bislang mehr als eine halbe Million Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa. Mehr als 310.000 Menschen kamen nach Angaben der Vereinten Nationen in Griechenland an. Den griechischen Behörden zufolge kamen allein in den vergangenen zwei Wochen mehr als hundert Flüchtlinge bei sieben Bootsunglücken ums Leben. "Und jetzt, wo die Nordwinde wieder aufkommen, werden noch mehr ertrinken", sagt Friedhofsverwalter Christos Mavrakidis.