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Letzte Worte und kuriose FundeAlles andere als öde: Wunderkammer Archiv

07.03.2026, 18:21 Uhr
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Dies ist nicht die Locke von Königin Luise von Preußen, sondern eine Haarsträhne von Jane Carlyle. Die schottische Schriftstellerin hatte sie 1829 einem Brief an Johann Wolfgang von Goethe beigelegt. (Foto: picture alliance / Candy Welz/dpa-Zentralbild/dpa)

Langweiliger Papierfriedhof? Von wegen. In Archiven verbergen sich berührende und mitunter auch unterhaltsame Zeitdokumente. Und längst geht es dabei nicht immer um jahrhundertealte Schriftstücke.

Verstaubte Aktenberge, ellenlange Chronologien und ermüdende Auflistungen: In der Vorstellung vieler stellt sich Archivarbeit wohl eher wenig emotional und dröge dar. Dabei stecken echte Schicksale, Einblicke in Weltpolitik, unterhaltsame Anekdoten und auch mal Kuriositäten in den Magazinen und Depots der Tausenden von Einrichtungen in Deutschland. Das zeigt schon eine kleine Auswahl an besonderen Archivalien zum Tag der Archive an diesem Wochenende.

Korrespondenz zweier getrennter Schwestern

In einem berührenden, an ihre Schwester gerichteten Brief aus dem Jahr 1945 schildert Hilde Brumof ihre Erleichterung über das Ende des Zweiten Weltkriegs. Hilde (1902-1969), eine Tänzerin, Choreografin und Pädagogin, verließ wegen antisemitischer Anfeindungen 1932 Deutschland. Ihre Schwester, die Grafikerin und Lyrikerin Agnes Therese Brumof (1893-1987), überlebt die Zeit des Nationalsozialismus "unter abenteuerlichen Umständen" in Berlin, wie das Deutsche Tanzarchiv Köln schreibt, das den Nachlass Hilde Brumofs bewahrt. Mit Hunderten Briefen hielten die Schwestern dennoch intensiven Kontakt. Inzwischen wurde in Kassel, wo Hilde Brumof Ballettmeisterin war, ein Stolperstein für sie verlegt. Das mache ihr Schicksal sichtbar "als Teil einer Geschichte, die nicht ausgelöscht werden darf", so das Tanzarchiv.

Der Pass, mit dem René offiziell zu Rainer wurde

Agnes Therese Brumof unterhielt auch Korrespondenzen mit einem der bekanntesten deutschsprachigen Lyriker: Rainer Maria Rilke (1875-1926). Dessen Pass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach und zeugt von den Veränderungen und Umbrüchen in Europa und von Rilkes persönlicher Haltung: 1922 erhielt der Dichter den neuen Pass seines neuen Heimatlandes, der 1918, im Ausgang aus dem Ersten Weltkrieg gegründeten Tschechoslowakischen Republik, schreibt Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Als eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen weltweit umfasst das Archiv auch rund 1600 Nachlässe von Schriftstellern.

Als Rilke 1875 zur Welt gekommen war, gehörte seine Geburtsstadt Prag zu Österreich-Ungarn. "Von der neuen Republik erhoffte sich Rilke die Aussöhnung von deutschsprachiger Minderheit und tschechische Mehrheit", so Richter. "Das Dokument spricht eine eigene Sprache, die zugleich Rilkes Leben und Werk erhellt: Der ursprünglich René getaufte Rilke hört nurmehr auf seinen Künstlernamen Rainer." Rilke lebte damals in der Schweiz und beantragte den Pass in Bern.

Brief eines Todgeweihten an Goethe

Es sei ein Dokument von "außergewöhnlicher existenzieller Intensität", erklärt der Leiter des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar, Christian Hain. Er meint damit den letzten Brief, den Dichter und Beamter Christian Gottlob von Voigt (1743-1819) an seinen Vertrauten und Kollegen Johann Wolfgang von Goethe schrieb. Zwei Tage vor seinem Tod verfasste von Voigt den Brief an Goethe, dem eine umfangreiche Korrespondenz aus Hunderten gegenseitigen Briefen vorangegangen war.

Der Text sei geprägt vom Bewusstsein des nahenden Todes - und vom schmerzhaften Gedanken, ein "letztes Wort an Göthe" richten zu müssen. "Gerade diese Unmittelbarkeit macht das Stück zu einem eindringlichen Zeugnis gelebter Freundschaft im politischen Alltag der Weimarer Klassik", so Hain. Für ihn dokumentiere der Brief einen besonders intimen und existenziellen Moment. Gerade solche Archivalien machten erfahrbar, dass Geschichte auch nach mehr als 200 Jahren noch unmittelbar berühren könne.

Besonderes Tour-Tagebuch einer Musik-Ikone

Das Lippmann+Rau-Musikarchiv in Eisenach birgt mit Nachlässen von Konzertagenturen wie Lippmann+Rau und bedeutender Sammler vieles, was das Herz von Fans von Jazz und populärer Musik höherschlagen lässt. Ein besonderes Schmankerl dürfte ein Tour-Tagebuch der US-amerikanischen Folksängerin Joan Baez sein, das sie 1977 dem Konzertveranstalter Fritz Rau (1930-2013) schenkte. Dieser hatte etliche ihrer Touren organisiert. Als Dankeschön für diese Zeit erhielt er das Buch mit Illustrationen, die auch Rau selbst darstellten. So skizzierte sie ihn etwa als Choleriker wütend am Flughafen-Schalter, während Baez ("Here's to You") selbst ganz ruhig mit Gitarrenkoffer dasitzt. In Sprechblasen hielt Baez auch den kräftigen deutschen Akzent Raus fest, wenn er Englisch redete.

Eine königliche Haarlocke

Längst füllen nicht nur unzählige kurfürstliche Urkunden, Akten und Amtsbücher die Magazine des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz. Auch zahllose unterschiedliche außergewöhnliche Archivalien finden sich dort. Eines davon erscheint besonders kurios: Es handelt sich dabei gar nicht um ein Schriftdokument, sondern um eine Haarlocke. Sie stammt laut Archiv vom Schopf von Königin Luise von Preußen (1776-1810) und befindet sich zwischen Unterlagen, die über die Reiseroute der Königin nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806 bei Jena informieren.

Ein Instrument, das sich selbst spielt

Wer genügend Geld hatte, konnte sich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ein spezielles Instrument kaufen, um zu Hause Musik zu hören: Ein quasi selbst spielender sogenannter Reproduktionsflügel spielte Musik wie von Zauberhand ohne sichtbaren Pianisten oder Pianistin ab, heißt es beim zur Deutschen Nationalbibliothek gehörenden Deutschen Musikarchiv in Leipzig. Die dafür benötigten Rollen wurden demnach von den Klavier-Stars der Jahrhundertwende eingespielt oder gar von den Komponistinnen und Komponisten persönlich.

4000 solcher Rollen aus den Jahren von etwa 1900 bis 1930 befinden sich im Archiv. Bei dem dazugehörigen Instrument handelt es sich um einen umgebauten Steck-Konzertflügel, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

Wenn Gott einem DJ gleicht

"Gott ist ein DJ" prangt auf dem Entwurf für den Wagen eines katholischen Jugendamts, das sich 1999 zur Berliner Loveparade angemeldet hatte. Das Dokument findet sich im Archiv Jugendkulturen in Berlin. Es sammelt zu Szenen wie Techno, Punk oder Graffiti. Einer der bedeutendsten Bestände ist der Nachlass von Ralf Regitz, erklärt Daniel Schneider vom Archiv. Regitz (1964-2011) war Geschäftsführer der Firma Planetcom, die bis 2003 für die Organisation der Berliner Loveparade verantwortlich war.

Im Nachlass von Regitz finden sich auch die offiziellen Anmeldungen der Wagen für das Techno-Fest. "Ab Mitte der 1990er-Jahre nahmen an der Parade zunehmend Gruppen teil, die eigentlich nichts mit der Technoszene zu tun hatten", so Schneider. Das sei etwa auch 1999 der Fall gewesen, als rund 1,5 Millionen Techno-Begeisterte durch den Berliner Tiergarten tanzten. Neben dem katholischen Jugendamt finden sich demnach etwa auch die Anmeldungen der Jungen Union, der Jungen Liberalen - deren Anmelder damals Christian Lindner gewesen sei - oder der Abteilung für Anästhesie des Krankenhauses Berlin-Moabit.

Quelle: ntv.de, Marie-Hélèn Frech, dpa

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